Hatem Ben Arfa schoss Stade Rennes bei seinem Debüt in letzter Minute zum Auftaktsieg in der Europa League
Hatem Ben Arfa schoss Stade Rennes bei seinem Debüt in letzter Minute zum Auftaktsieg in der Europa League © Getty Images

München - Nach 533 Tagen ohne Pflichtspiel feiert Enfant terrible Hatem Ben Arfa sein Comeback. Mit einem Last-Minute-Tor wird er auf Anhieb zu Rennes' Fan-Liebling.

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Das letzte Mal als Hatem Ben Arfa etwas zu feiern hatte, saß er alleine auf der heimischen Couch, vor ihm ein Törtchen mit einer brennenden Eins als Kerze.

"Herzlichen Glückwunsch an mich selbst. Ein Jahr ohne Einsatz muss gefeiert werden", schrieb Ben Arfa vor gut fünf Monaten am 5. April unter das entsprechende Bild auf Instagram.

Der 31-Jährige nahm sein Schicksal bei seinem damaligen Klub Paris Saint-Germain offensichtlich recht locker hin. Ob ein Jahr ohne ein Spiel für einen Fußball-Profi nun wirklich ein Grund zum Feiern ist?

Am Donnerstagabend aber - daran besteht kein Zweifel - durfte Ben Arfa mal wieder so richtig feiern. Nicht allein zuhause auf der Couch, sondern dort, wo ein begnadeter Fußballer wie er eigentlich hingehört: in einem Fußballstadion, vor tausenden Fans.

Ben Arfa auf dem Titel von "L'Equipe"

Am nächsten Morgen prangte sein Konterfei auf dem Titelblatt von Frankreichs größter Sporttageszeitung. "Eine Wiedergeburt", titelte L'Equipe vor einem strahlenden Ben Arfa.

Hatem Ben Arfa zierte am Freitagmorgen das Titelblatt von "L'Equipe"
Hatem Ben Arfa zierte am Freitagmorgen das Titelblatt von "L'Equipe" © L'Equipe

Nach langem Hin und Her hatte der ehemalige französische Nationalspieler Anfang September endlich einen neuen Verein gefunden. Stade Rennes gab dem Enfant terrible, dessen Vertrag bei PSG zum Ende der vergangenen Saison ausgelaufen war, eine neue Chance.

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Im Europa-League-Duell mit FK Jablonec kam Ben Arfa am Donnerstagabend nun erstmals zum Einsatz. Beim Stand von 1:1 gegen die Tschechen wurde der Offensivspieler vor heimischer Kulisse in der 65. Minute eingewechselt. Unter dem ohrenbetäubenden Jubel der über 20.000 Fans im Roazhon-Park betrat der Neuzugang den Rasen.

Damit endete eine Serie von 533 Tagen ohne Pflichtspieleinsatz, zuletzt hatte Ben Arfa am 5. April 2017 für PSG auf dem Platz gestanden: Zwei Tore und einen Assist verbuchte er damals im französischen Pokal gegen US Avranches - ehe ein Abstieg ungeahnten Ausmaßes begann.

Neymar und Mbappe verdrängen Ben Arfa

"Hatem war der beste Spieler, den ich je habe spielen sehen", sagte ein ehemaliger Nationalmannschaftskollege, der anonym bleiben wollte, einmal dem Magazin So Foot. "Aber er war gleichzeitig auch der dämlichste. Denn mit einem Talent wie seinem muss man wirklich unglaublich dämlich sein, um nicht der beste Spieler der Welt zu werden."

Bei der U17-EM 2004 ließ Hatem Ben Arfa mit Frankreich unter anderem Gerard Piques Spanier hinter sich
Bei der U17-EM 2004 ließ Hatem Ben Arfa mit Frankreich unter anderem Gerard Piques Spanier hinter sich © Getty Images

Ben Arfa selbst gestand in einem Interview mit der französischen Sportzeitung L'Equipe: "Ich habe furchtbare Dinge getan, wo auch immer ich aufgetaucht bin. Ich bin von der Schule geflogen, ich habe mich mit Lehrern angelegt und selbst in der Kantine dafür gesorgt, dass der Laden nicht lief. Ich war schon als Kind extrem impulsiv und habe mich ständig geschlagen. Jeder Trainer, auch später bei den Profis, hatte Angst vor mir."

Bei PSG verdiente Ben Arfa in zwei Jahren zwölf Millionen Euro netto. Für die Hälfte davon arbeitete er nicht einmal. Nach einer durchwachsenen Debüt-Saison mit nur vier Toren in 32 Einsätzen setzte ihm der Klub Stars wie Neymar oder Kylian Mbappe vor die Nase.

Ben Arfa bei PSG nur noch auf der Tribüne

Anstatt zu wechseln schmorte er freiwillig weiter auf der Tribüne. Auf sein Gehalt wollte er nicht verzichten. Mal trainierte er mit den Profis, mal mit der Reserve. Mehr als ein Jahr lang. Seine Karriere schien Ben Arfa ziemlich egal zu sein. Vielmehr wollte er den Verantwortlichen von PSG, vor allem seinem damaligen Trainer Unai Emery, eins auswischen.

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Mit seinem eigenwilligen Verhalten drohte er seine Karriere komplett aufs Spiel zu setzen. Als sein Vertrag bei PSG Ende Juni auslief, wollte ihn lange kein neuer Verein verpflichten - auch, weil Ben Arfa offenbar weiterhin ein üppiges Gehalt forderte.

Der spanische Erstliga-Aufsteiger Rayo Vallecano brach Gespräche ab. Die Vorstellungen des Spielers gingen "weit über die Möglichkeiten des Vereins" hinaus, berichtete Eurosport.

Zuvor hatten sich schon AS Saint-Etienne, Girondins Bordeaux, der FC Sevilla und West Ham United aus ähnlichen Gründen von einer Verpflichtung verabschiedet.

BVB war angeblich an Ben Arfa interessiert

Auch mit Borussia Dortmund war Ben Arfa zwischenzeitlich in Verbindung gebracht worden. Das Risiko, einen egoistischen Großverdiener aus Frankreich unter Vertrag zu nehmen, war Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc nach den Erfahrungen mit Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang aber offensichtlich zu hoch.

Zumal er nicht nur bei PSG negativ auffiel. 2015 verließ er auch Newcastle United im Streit. Sein Coach Alan Pardew hatte ihn zuvor degradiert.

"Es war die Hölle in Newcastle. Ich musste wochenlang mit der Reserve trainieren. Es geschahen viele ungerechte Dinge", berichtete der Offensivmann. Pardew entgegnete: "Es ist mir noch nicht oft passiert, dass ich Rebellen nicht in den Griff bekommen habe. Aber im Fall von Ben Arfa war es irgendwann unmöglich."

Bei Stade Rennes sind sie offenbar guter Dinge, dass sie das Unmögliche doch noch möglich machen. Ben Arfas erster Auftritt im neuen Trikot macht zumindest Hoffnung.

Siegtor in Europa League gegen FK Jablonec

Als Rennes in der Nachspielzeit der Partie gegen Jablonec einen Elfmeter zugesprochen bekam, übernahm der neue Mann direkt Verantwortung. Ben Arfa schnappte sich den Ball und versenkte ihn rechts unten im Netz. Nach einem aufreizend lässigen Anlauf - natürlich, ist man versucht zu sagen.

Mit diesem Elfmeter sorgte Hatem Ben Arfa für den Sieg von Stade Rennes gegen FK Jablonec
Mit diesem Elfmeter sorgte Hatem Ben Arfa für den Sieg von Stade Rennes gegen FK Jablonec © Getty Images

"Ich habe vielversprechende Ansätze gesehen. Beim Elfmeter hat er Verantwortung übernommen, das ist großartig", lobte Trainer Sabri Lamouchi: "Wir wissen, dass jedes Mal etwas Besonderes passieren kann, wenn er den Ball berührt."

Als die ganze Mannschaft nach dem Spiel von den Fans für den ersten Sieg der Vereinsgeschichte in der Gruppenphase der Europa League gefeiert wurde, bekam Ben Arfa einen besonderen Platz. Während seine Teamkollegen am Fünfmeterraum standen, gab Ben Arfa hinter dem Tor, ganz nah an den Zuschauerrängen, den Einheizer.

Startelf-Premiere für Stade Rennes gegen PSG?

Ginge es nach den Fans, dürfte ihr neuer Liebling schon am Sonntag erstmals in der Startelf stehen. Dann geht es in der Ligue 1 ausgerechnet gegen Paris Saint-Germain.

"Wenn Hatem gegen PSG noch mal dasselbe macht, dann gebe ich einen aus", kündigte Trainer Lamouchi bereits an.

Es ist davon auszugehen, dass für Ben Arfa dabei mehr als nur ein kleines Törtchen herausspringen würde.