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München - Manuel Neuer leistet sich in Amsterdam einen schweren Patzer - nicht sein erster in letzter Zeit. Sein Konkurrent Marc-Andre ter Stegen lauert auf seine Chance.

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Sein Arm schnellte reflexartig in die Höhe und versuchte zu verhindern, was nicht mehr abzuwenden war: Virgil van Dijks Kopfball rauschte am linken Handschuh von Manuel Neuer vorbei ins Netz.

Das Unheil, das schließlich in der krachenden 0:3-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande mündete, nahm aber bereits Sekunden vor van Dijks Abstauber seinen Lauf.

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Unentschlossen war Neuer bei der Ecke von Memphis Depay durch seinen Fünfmeterraum gelaufen. Sein Hoheitsgebiet, in dem er über Jahre souverän agierte, die Bälle quasi magnetisch anzog und aus der Luft pflückte oder zumindest wegfaustete.

Patzer: Neuer sucht nach Erklärungen

Doch am Samstagabend in Amsterdam irrlichterte der viermalige Welttorhüter durch seinen Sechzehner wie ein ganz gewöhnlicher Keeper, der sich eben auch mal verschätzt. "Es war eine Torschussflanke, sehr schwer dranzukommen für mich", suchte Neuer hinterher nach Erklärungen. (Nations League: Frankreich - Deutschland am Dienstag ab 20.45 Uhr im LIVETICKER)

Schwer, aber nicht unmöglich. Schließlich hat der Weltmeister von 2014 in seiner erfolgreichen Karriere oft genug bewiesen, dass dieses Wort "unmöglich" in seinem Wortschatz eigentlich genauso wenig vorhanden ist wie "unhaltbar".

Doch sein Nimbus der Unfehlbarkeit gerät zunehmend ins Wanken. "Das sind nun mal die Gesetze des Torwarts: Wenn er rauskommt, muss er die Flanke kriegen", kreidete Torwart-Ikone Oliver Kahn im ZDF das 0:1 in der 30. Minute vor allem Neuer an.

Und Bundestrainer Joachim Löw ergänzte: "Wahrscheinlich kann Manuel diesen Ball abfangen, er steht ein bisschen zu weit am kurzen Eck." Neuer selbst räumte unmittelbar nach dem Spiel eine Teilschuld ein, auf der PK am Montag äußerte er sich aber wenig selbstkritisch.

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Trotz allem genießt Neuer weiterhin das volle Vertrauen von Löw. Auch gegen Frankreich am Dienstag wird Neuer im Tor stehen, das erklärte Löw am Montag. Schon vor der WM stärkte der Bundestrainer seinen Kapitän, hielt auch trotz der langen Verletzungspause wegen der Mittelfußverletzung und fehlender Wettkampfpraxis an ihm fest.

Formstarker ter Stegen muss Neuer Vorzug lassen

Vor der WM gab es praktisch kein anderes Thema als Neuers Fitness. "Dass die Diskussion über Neuer alles dominiert hat, war ein Schlag ins Gesicht für die jüngeren Spieler", sagte Christoph Daum im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.

Auch für Neuers Konkurrenten Marc-Andre ter Stegen, der sich nach starken Leistungen für den FC Barcelona und seinem Triumph mit dem DFB-Team beim Confed Cup berechtigte Hoffnungen auf die Nummer eins beim Turnier in Russland gemacht hatte. Der Ex-Gladbacher rückte letztlich klaglos zurück ins zweite Glied.

Und auch Neuer zerstreute zunächst alle Bedenken, war beim WM-Debakel mit gewohnt verlässlichen Leistungen definitiv einer der Besseren. "Das ist der Manuel Neuer, den wir kennen", bekräftigte Löw während der WM. "Ich denke, dass bei ihm alles da ist, was vorher auch schon da war: Reaktionen, Ausstrahlung, Beweglichkeit."

Rückkehr zu alter Form? Experten zweifeln

Doch allmählich werden auch Zweifel laut.

"Neuer hat aktuell nicht die Form und Sicherheit, die er vor seiner schweren Verletzung gehabt hat", schrieb Rekordnationalspieler Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne. Neuer wehrte sich dagegen.

"Ich kann sagen, dass ich topfit bin. Ich habe keine Probleme, auch was meinen Fuß betrifft, da ist alles in Ordnung. Ich bin auf einem guten Level, hatte zuletzt aber nicht das notwendige Spielglück", sagte er.

Zuvor hatte bereits Rene Weiler im CHECK24 Doppelpass eingeräumt: "Ich weiß nicht, ob Neuer nach seiner Verletzung am Sprunggelenk wieder sein altes Niveau erreicht. Ich habe das Gefühl, dass Neuer weniger hoch springt als früher." 

Der 32-Jährige ist für den Trainer des FC Luzern auch ein Sinnbild der aktuellen sportlichen Krise der Nationalmannschaft. "Die Fallhöhe ist bei den etablierten Spielern, auch bei Neuer, natürlich sehr hoch. Früher waren wir es gewohnt, dass Neuer jeden Ball gehalten hat."

Lapsus auch im Bayern-Trikot

Aber genau das ist aktuell nicht mehr der Fall. Seit seinem Comeback im DFB-Team spielte Neuer nur ein Mal zu null - beim Remis gegen Frankreich - in "seiner" Allianz Arena. Aber auch dort lief es für den Keeper des FC Bayern zuletzt alles andere als optimal.

Erstmals seit der Saison 2008/09 kassierte der Rekordmeister in sieben Liga-Heimspielen in Folge jeweils mindestens ein Gegentor. Zu Neuers Ehrenrettung sei erwähnt, dass bei den ersten drei Partien dieser Serie aus der Vorsaison noch Sven Ulreich das Bayern-Tor hütete.

Dennoch leistete sich Neuer zuletzt den einen oder anderen Lapsus. Beim 1:1-Remis gegen den FC Augsburg ließ er eine harmlose Hereingabe bedrängt vom eigenen Mann durch die Hände rutschen und leitete damit die aktuell vier Spiele andauernde Sieglos-Serie ein.

Seine Quote gehaltener Bälle liegt in dieser Bundesliga-Saison nur noch bei durchschnittlichen 57,9 Prozent. Zu seinen besten Zeiten wehrte er rund 80 Prozent der Schüsse auf seinen Kasten ab. Um seinen Status als Nummer eins muss Neuer im Klub aber nicht bangen.

Medien fordern ter Stegen im DFB-Tor

In der Nationalmannschaft fordern indes einige seine Ablösung. "Marc-Andre ter Stegen sollte vielleicht endlich mal seine Chance bekommen", forderte die spanische Zeitung Sport aus Barcelona.

Der 26-Jährige spielt seit 2014 bei Barca auf Topniveau, rückte vor allem durch seine starke Vorsaison noch näher an Neuer heran. Aktuell macht er mit den Katalanen eine ähnliche Durstrecke (vier sieglose Ligaspiele) wie Neuer bei den Bayern durch. Immerhin wehrte ter Stegen 67,9 Prozent der Torschüsse ab und liegt da momentan knapp vor Neuer.

"Er hätte langsam die Chance verdient, ein wichtiges Spiel von Anfang an zu bestreiten, selbst wenn Neuer zur Verfügung stünde", bekräftigte Matthäus.

Löw sieht den früheren Gladbacher als "kommenden Mann" und "Weltklassekeeper auf allerhöchstem Niveau".

Das sollte auch Neuer wieder regelmäßig abrufen, wenn er seinen Nimbus wahren will.