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München - Robert Lewandowski hat beim FC Bayern in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Jetzt ist er Favorit auf die Wahl zum Weltfußballer.

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"Man muss immer egoistisch sein, damit dieser Instinkt nach Toren bleibt. Ich versuche aber immer auch für die Mannschaft zu spielen."

Das sagte Robert Lewandowski nach dem 2:1-Heimsieg gegen den VfL Wolfsburg bei Sky. Das Wort "Egoismus" in Zusammenhang mit Lewandowski -  diese Kombination gab es am Mittwoch erstmals seit langer Zeit wieder zu hören. Diesmal im positiven Sinne, wie er es selbst formulierte: "Manchmal ist Egoismus eine positive Sache, aber ich versuche auch zuzuspielen und immer etwas Neues zu zeigen." (Ergebnisse & Spielplan der Bundesliga)

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Mit positivem Egoismus brachte man Lewandowski in seinen Anfangsjahren beim FC Bayern nicht in Verbindung. Doch das ist Vergangenheit. Der 32-Jährige hat in seinen vergangenen sechs Jahren beim FC Bayern einen bemerkenswerten Wandel vollzogen: Weg vom Egozentriker, hin zum Teamplayer!

Flick über Lewandowski: "Sein Wort zählt"

"Lewy ist auf dem Platz sehr wichtig, aber er ist auch im Mannschaftsrat mit dabei. Sein Wort zählt", erklärte Flick am Mittwochabend auf SPORT1-Nachfrage.

Lewandowski, der Teamplayer!

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Nicht unbeteiligt an dieser Wandlung ist Flick-Vorgänger Niko Kovac. Er ernannte den gebürtigen Warschauer im Winter 2019 überraschend zum dritten Kapitän des FC Bayern. Lewandowski schmeichelte diese Auszeichnung, denn sie versah ihn mit einem völlig neuen Attribut: Er übernahm Verantwortung für seine Mitspieler.

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Mit Lewandowskis Ernennung zum Aushilfs-Kapitän wirkte er auch außerhalb des Platzes dominanter. Mit dem Unterschied, dass er sich nicht nur zu Wort meldete, wenn es um seine Belange ging. Etwa, wenn sein Berater Pini Zahavi um einen neuen Millionen-Vertrag feilschte oder mit einem erneuten Wechsel zu Real Madrid gezockt wurde.

Zu Lewandowskis Vergangenheit gehören auch öffentliche Auseinandersetzungen mit Mitspielern. Im Training geriert er schon mit Mats Hummels, Jérôme Boateng, Kingsley Coman und Michael Cuisance aneinander.

Lewandowski wirft Mitspielern fehlende Unterstützung vor

Unvergessen ist auch, wie sauer er nach der Saison 2016/17 war, als Pierre-Emerick Aubameyang im Trikot von Borussia Dortmund Torschützenkönig wurde und nicht er. Seinen Mitspielern warf er fehlende Unterstützung vor.

Doch auch diese Zeiten sind vorbei. Lewandowski hat gelernt, dass ihm seine Mitspieler umso mehr helfen und ihm Tore auflegen, je mannschaftsdienlicher er selbst agiert. Lewandowski ist nicht mehr nur im gegnerischen Strafraum zu finden. Er ist Bayerns erster Verteidiger, lässt sich fallen, weicht auf die Außenbahn aus, holt sich bei Bedarf die Bälle im Mittelfeld ab und jubelt mit seinen Mitspielern. Er winkt nicht mehr ab, er pusht. Er wirkte positiver und weniger verbissen. 

Die Folge: Zehn Assists in der Saison 2019/20, sogar 13 im Jahr davor. Er überließ sogar Elfmeter, wenn es anderen half, um sich besser zu fühlen. Etwa Philippe Coutinho in der letzten Saison beim 4:0 gegen Köln.

Lewandowski geht freiwillig vom Feld

Zuletzt beim 5:0 gegen Eintracht Frankfurt - Lewandowski traf dreifach und schnürte damit seinen zehnten Dreierpack in der Bundesliga - ging er sogar freiwillig vom Feld. "Was soll ich sagen? Er hat heute angemeldet, dass er eventuell ausgewechselt werden möchte. Das ist eine Neuigkeit, die es vorher so noch nicht gegeben hat", sagte Flick danach.

Lewandowski hat in den vergangenen Jahren zunehmend Verantwortung übernommen, auch außerhalb des Platzes. (Tabelle der Bundesliga)

Er meldete sich vor der Corona-Krise häufig in den Katakomben der Allianz Arena zu Wort, um Missstände anzusprechen. Er sprach Klartext, er lobte Mitspieler und er forderte Neuverpflichtungen, wenn er sich dazu genötigt sah, weil er die Saisonziele, und gewiss auch seine eigenen, in Gefahr sah. Die Bayern-Verantwortlichen widersprachen ihrer Lebensversicherung nie.

Wer will schon einen Lewandowski vergraulen? Vielmehr schien man hinzuhören, was er forderte und wen. Zitierten die Bosse die Führungsspieler in die Chefetage, um sich ein Meinungsbild abzuholen, war Lewandowski stets dabei.

Lewandowski weint nach dem Champions-League-Finale

Immer vor Augen hatte Lewandowski ein Ziel: Den Gewinn der Champions League. Diesen Traum erfüllte er sich am 23. August 2020 in Lissabon. Kingsley Coman köpfte das 1:0-Siegtor, Abpfiff, Jubel, und Lewandowski sank direkt auf die Knie, legte beide Hände auf seine Augen und weinte vor Freude. Lewandowski schien an seinem persönlichen Karriereziel angelangt zu sein.

Satt ist er jedoch noch lange nicht. Zwar ist auch ihm die Belastung der vergangenen Monate anzumerken. Denn Lewandowski wirkt etwas teilnahmsloser am Spiel als zur dominanten Hochzeit im Sommer. Vor dem Tor bleibt er aber eiskalt.

Bezeichnend, wie er gegen die Wölfe aus dem Nichts einen Doppelpack schürte und die Bayern zum Sieg schoss. 

Es waren seine Tore 250 und 251 im 332. Bundesliga-Spiel. In der ewigen Torschützenliste rangieren nur noch Klaus Fischer (268) und Gerd Müller (365) vor ihm. Allein gegen den VfL hat er nun in 20 Bundesliga-Duellen 23 Mal getroffen. Nur Gerd Müller traf gegen einen Gegner häufiger. Der "Bomber" erzielte in seiner Karriere 27 Tore gegen den Hamburger SV.

Sein erfolgreichstes und bestes Jahr im Dress des FC Bayern kann sich Lewandowski am Donnerstagabend vergolden, sollte ihn die FIFA heute (Die Weltfußballer-Wahl ab 19 Uhr im LIVETICKER auf SPORT1) erstmals zum Weltfußballer küren und nicht Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Neben ihm können Manuel Neuer zum Welttorwart und Flick zum Welttrainer ernannt werden.

"Ich hoffe, dass Manuel und Lewy ihre verdienten Auszeichnungen bekommen", sagte Triple-Trainer Flick.

Lewandowski: "Ich freue mich, dass ich dabei bin"

Bescheiden formulierte Lewandowski: "Ich habe keinen Druck. Ich freue mich, dass ich dabei bin."

Europas Fußballer des Jahres ist er schon. Doch die Ernennung zum weltweit besten Spieler wäre die höchste individuelle Auszeichnung, die er erreichen könnte und der verdiente Lohn für seinen bemerkenswerten Wandel.

Einen ganz persönlichen Traum hat Lewandowski allerdings weit über die Wahl hinaus. Im September 2019 fragte ihn SPORT1 im Interview: Sie haben bei den Bayern nun einen Vertrag bis 2023 und wären dann neun Jahre in München. Streben Sie einen Abschied wie Franck Ribéry und Arjen Robben an?

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Lewandowskis Antwort: "In diesem Verein so verabschiedet zu werden, ist definitiv ein Traum von mir. Ich denke zwar noch nicht an einen Abschied. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich bei der Verabschiedung von den beiden fast Tränen in den Augen hatte. Das habe ich richtig gemerkt. Das mitzuerleben, war nicht nur ein schöner Moment für Ribéry und Robben, sondern auch für uns Mitspieler. So einen schönen Abschied zu haben, ist etwas Besonderes."

Verdiente und pompöse Abschiede bekommt man beim FC Bayern als verdienter Spieler. Lewandowski ist so einer geworden.