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München - Mit einem lauten Knall gibt Jürgen Klinsmann sein Trainer-Aus bei der Hertha bekannt. Die Entscheidung überrascht Berliner Insider wie Weggefährten.

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Nach 13 Minuten war alles wieder vorbei.

Am Mittwochabend stellte sich Jürgen Klinsmann in einem Live-Chat auf seiner Facebook-Seite zum Paukenschlag in Berlin, seinem Rücktritt als Trainer von Hertha BSC tags zuvor. Dieser war für Klubführung, Spieler und Fans aus dem Nichts gekommen.

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Er wolle "über die Gründe für den Schritt" sprechen und den Fans Rede und Antwort stehen, hatte der 55-Jährige zuvor in einem Facebook-Post angekündigt. Doch auf konkrete Fragen ging er dann nicht ein, erklärte sich vielmehr in einem Monolog. 

Klinsmann entschuldigt sich

"Negative Nachrichten kommen natürlich nie gut an - wenn das Ganze also gestern vielleicht etwas komisch wirkte, dann möchte ich mich dafür entschuldigen", sagte er zu seinem Rückzug. "Vielleicht wirkte das Ganze überstürzt."

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Diesen Eindruck teilt Ex-Nationalspieler Marko Rehmer.

"Am Montagabend sprach Klinsmann bei Facebook-Live mit den Fans und machte alle heiß auf das Paderborn-Spiel, am nächsten Morgen war er weg. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Klinsmann hat sich auf dem deutschen Markt verbrannt", stellt der der frühere Hertha-Profi (1999 bis 2005) und -Kapitän im Gespräch mit SPORT1 klar.

"Kein Verein wird sich das mehr antun. Als Klinsmann vorgestellt wurde, war da ein Riesen-Hype um Hertha. Natürlich zieht sein Name. Aber so, wie er sich jetzt aus dem Staub gemacht hat, das geht gar nicht.“

Müller: "Klarer Plan und Strategie"

Der frühere Nationalspieler Hansi Müller (223 Bundesligaspiele für den VfB Stuttgart) kennt Klinsmann schon lange und versucht seine Entscheidung zu verstehen.

"Er ist ein Typ, der einen ganz klaren Plan und eine Strategie hat, wenn es darum geht, wie die Rahmenbedingungen aussehen müssen, wenn er etwas macht. Sei es in verantwortlicher Position oder ehrenamtlich. Für viele in seinem Team kann das dann auch schon mal sehr unangenehm sein", sagt Müller SPORT1. Da gebe es "sicher auch Reibungspunkte, wie jetzt bei der Hertha."

Klinsmann habe "knallharte Vorstellungen", glaubt Müller, also nehme er sich auch das Recht raus, "Entscheidungen zu treffen wie diese jetzt".

Klinsmann wollte schon in Bayern etwas verändern

Auch beim FC Bayern hatte Klinsmann in der Saison 2008/2009 viel verändern wollen, um erfolgreich zu sein. "Da fehlte Jürgen aber auch Glück", meint Müller.

Bei Hertha könne man jetzt natürlich nicht von fehlendem Glück sprechen.

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"Jürgen ging es darum, die Weichen zu stellen, damit es mit dem Klub nach vorne geht. Also ist es konsequent, wenn er merkt ‚Das läuft nicht so, wie ich mir das vorstelle‘."

Rehmer findet Klinsmann-Abgang "eigenartig und komisch"

"Sportlich hat Klinsmann bei Hertha nicht viel erreicht", urteilt Rehmer. Nach neun Spielen standen zwölf Punkte zu Buche, im Pokal gab es das Aus bei Schalke 04. Aktuell belegt die Alte Dame Platz 14 in der Tabelle.

In der Situation, in der Hertha stecke, findet Rehmer Klinsmanns Abgang "sehr eigenartig und komisch". Der Verein solle erst mal im Vordergrund stehen, "dann hätte er seine Forderungen stellen können".

Doch Klinsmann wollte jetzt Klarheit, wie es im Sommer weitergeht. 

Hertha-Bosse geben Pressekonferenz

Auch dazu werden am Donnerstag Klub-Präsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Investor Lars Windhorst auf einer Pressekonferenz (11.30 Uhr im LIVETICKER) Stellung beziehen. Nach Informationen des Spiegel wird der verstimmte Investor Windhorst keinen Wert mehr darauf legen, dass Klinsmann in das Amt des Aufsichtsrats zurückkehrt.

"Am Anfang dachte ich Klinsmann, Hertha, Investor das passt. Doch jetzt hat das Ganze hat kein gutes Geschmäckle. Ich verstehe Jürgen nicht. Ich denke er wollte sich mit aller Macht durchsetzen", sagt der ehemalige Hertha-Coach Jürgen Röber im Gespräch mit SPORT1

"Natürlich möchte Jürgen etwas umsetzen, wenn er wohin kommt, das hat er auch in München versucht. Ich hänge noch an der Hertha und finde es sehr schade, was da gerade abläuft."

Unter dem heute 66-Jährigen, der die Hertha von Januar 1996 bis Februar 2002 betreute, spielten die Hauptstädter letztmals in der Champions League.

Natürlich habe jeder Trainer seine Vorstellungen, aber diese müssten auch "kompatibel mit den Verantwortlichen sein", findet Röber. "Aber das weiß man doch vorher. Ich finde die ganze Situation unglücklich."

Klinsmann stößt lieber auf Widerstände

Klinsmann habe offenbar nicht gewusst, welche Reaktionen seine Entscheidung hervorrufe. "Doch er zieht das ohne Wenn und Aber durch. Er denkt dann nicht daran, ob er jetzt in der Öffentlichkeit gut dasteht oder nicht. Er stößt dann lieber auf Widerstände, will sein Gesicht wahren und nicht wie einer dastehen, der den leichtesten Weg geht. So war er nie“, erklärt Müller.

Klinsmann müsse niemandem mehr etwas beweisen.

"Jürgen war ein erfolgreicher Fußballer. Seine Zeit in den USA hat ihn sicher auch verändert. Diese Coolness und Entschlossenheit hat er sich da geholt", glaubt Müller.

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Eins sei für ihn klar: "Jürgen ist mit Sicherheit kein Machtmensch. Wenn einer machtbesessen ist, dann hat er eine andere Vorgehensweise."

Klinsmann überzeugt vom eignen Weg

In Berlin war Klinsmann nur zehn Wochen der Antreiber für das Projekt 'Big City Club'. "Er ist zu überzeugt von dem, was er machen will", sagt Müller. "Wenn man den Weg nicht mitgehen will, dann war’s das eben."

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Das Kapitel Klinsmann könnte nach der Pressekonferenz am Donnerstag komplett abgeschlossen sein. "Das ist eine ganz schwierige, komplizierte Situation. Da gibt es sicher einige Herren, die jetzt irritiert sind. Vielleicht", glaubt auch Müller. "war’s das ja ganz."