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Bremen - Werder Bremen bestritt eine Hinrunde zum Vergessen. Mit vielen Verletzten geht der Verein in die zweite Saisonhälfte - und hofft auf einen positiven Start.

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Werder Bremen pendelt nach der schlechtesten Hinserie der Klubgeschichte zwischen den Extremen. Das Trainingslager lief alles andere als perfekt und die ersten vier Spiele der Rückserie dürften schon von existenzieller Bedeutung sein.

Florian Kohfeldt setzt in diesen Tagen auf Home Office. Werder Bremens Trainer hat sich verletzt, kann kaum auftreten, geschweige denn stundenlang auf dem Trainingsplatz stehen. Weil es wenige Tage vor dem Rückrundenstart aber einiges zu besprechen und analysieren galt, lud Kohfeldt am Donnerstag kurzerhand nach Hause ein.

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Die Co-Trainer Thomas Horsch, Tim Borowski und Iljia Gruev, Spielanalyst Mario Baric und Sportdirektor Frank Baumann steckten in Kohfeldts Wohnzimmer im Bremer Stadtteil Schwachhausen die Köpfe zusammen und berieten darüber, wie Werder das erste von 17 Endspielen am Samstag (Bundesliga: Fortuna Düsseldorf - Werder Bremen, Samstag, ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) am besten angehen könnte.

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Es liegt eine ganz besondere Brisanz in der Partie bei Fortuna Düsseldorf, einen Platz und einen Punkt besser notiert als Werder, ein direkter Kontrahent im Kampf gegen den Abstieg. Mit Düsseldorf begann die ganze Malaise dieser Saision aus Bremer Sicht, das 1:3 aus dem Hinspiel war ein Fingerzeig in jeglicher Beziehung: Werder verpasste sicher eingeplante Punkte, kassierte gegen einen harmlosen Gegner deutlich zu viele Gegentore und das Debüt des neuen Abwehrchefs Ömer Toprak endete im Krankenhaus.

Werder mit historisch schlechter Hinrunde

In der kompletten Hinserie sollten sich diese Probleme wie ein roter Faden durch die Bremer Saison ziehen: Werder gewann lediglich drei seiner 17 Spiele, dafür sind die 41 Gegentreffer neuer Vereins-Negativrekord. Und der Verletztenstand erreichte Mitte der Halbserie mit elf verhinderten Spielern seinen traurigen Tiefpunkt. Heraus gekommen ist deshalb die schlechte Hinserie der Klubgeschichte, Platz 17 ist ein mehr als deutliches Zwischenresultat.

Nun sind die Bremer nicht eben dafür bekannt, sofort und großartig in Panik auszubrechen. Stattdessen versuchten und versuchen die Entscheidungsträger die Lage so nüchtern und trotzdem realistisch wie möglich einzuschätzen. Trainer Kohfeldt muss man das zugute halten, dass er trotz der zweifellos schwierigsten Phase seiner noch jungen Trainerkarriere in der Bundesliga eine gewisse Contenance behält, Dinge klar und gut verständlich anspricht und zumindest nach außen hin immer noch gelassen wirkt.

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Der Trainer will mit bestem Beispiel vorangehen, Angst ist schließlich ein schlechter Ratgeber.

Allerdings werden erst die ersten, wichtigen Spiele gegen Düsseldorf, Hoffenheim, Augsburg und Union Berlin - allesamt Gegner aus Bremens Gewichtsklasse, die zwingend geschlagen werden sollten - Aufschluss darüber geben, ob sich in die angespannte Lage nicht immer noch dieser Schuss Naivität und Überheblichkeit gemischt hat, der noch Ende November vom einen oder anderen Spieler zu vernehmen war. Das Trainingslager auf Mallorca verlief jedenfalls nicht so wie geplant.

Nur wenige Einheiten im Trainingslager 

Kohfeldt ließ zwar durchaus intensive, in der Summe aber auch erstaunlich wenige Einheiten trainieren. An einem Nachmittag verirrten sich lediglich 14 Spieler auf den Rasen, darunter etliche U23- und Jugendspieler. Der Rest der Truppe war entweder verletzt, angeschlagen, erkältet oder aus Gründen der viel zitierten Belastungssteuerung im Kraftraum des Hotels "Castillo Son Vida" geblieben. Am Ende absolvierte Werder sieben Einheiten in sieben Tagen, darunter eine Regenerationsstunde nach dem Testspiel gegen den italienischen Drittligisten aus Monza, Endstand 2:2.

Die Partie zeigte wie das folgende Testspiel gegen Hannover wenige Tage später allerdings erneut jene Probleme auf, die Werder schon in der Hinserie oft genug das Genick brachen: Probleme im Verteidigen langer Bälle hinter die eigene Abwehrkette, Zuordnungsprobleme im eigenen Strafraum und die Schwierigkeiten, aus dem freien Spiel genug Torchancen zu erspielen. Von den Standards ganz zu schweigen: Die wurden auf Mallorca überhaupt nicht trainiert.

Das muss alles nichts heißen, ist aber zumindest bemerkenswert bei einer Mannschaft, über die das Trainerteam in der Analyse der verkorksten Halbserie unter anderem befand, dass wegen der vielen Verletzten kein Rhythmus und keine Abläufe entstehen konnten. Immerhin war auf dem Platz deutlich mehr Kommunikation untereinander zu vernehmen und auch klare, schonungslose Ansagen. Das sind erste Schritte in die richtige Richtung, Werders Mannschaft zeigte sich zu oft zu brav und auch kritikresistent, da kann ein Typ wie der jüngst verpflichtete Kevin Vogt richtig gut tun.

Vogt ist einer, der den Mund aufmacht, der aneckt und sich nichts gefallen lässt.

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Mit ihm kann und wird Werder ziemlich sicher öfter in der Dreierkette auflaufen und ein Kardinalproblem, vielleicht das größte neben den vielen Verletzten, zu beheben versuchen: Die Widerstandsfähigkeit der Mannschaft war zuletzt schlicht nicht ausreichend für Bundesligafußball. Werder ließ sich von kleinen Widrigkeiten aus der Bahn werfen, von Gegentoren, misslungen Abschlüssen, der Verletzung eines Spielers, einem unglücklichen Schiedsrichterpfiff.

Werders Verletzungssorgen nehmen nicht ab

Daran kann man arbeiten, daran muss die Mannschaft in der Rückserie wachsen. Die Tage vor dem Start waren aber - nicht nur wegen Kohfeldts Malheur - schon wieder besonders holprig. Noch immer fehlt der gesuchte Mittelfeldspieler für die Achter-Position, mit Philipp Bargfrede kam schon wieder ein Verletzter hinzu. Die Hoffnungen auf eine schnellere Genesung von Ludwig Augustinsson blieben unerfüllt, Leo Bittencourt, Fin Bartels sind angeschlagen.

Und das, obwohl im Trainingslager penibel darauf geachtet wurde, ja keine neuen Verletzungen zu riskieren.

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Die Rückrunde könnte sich durchaus zu einer hässlichen Angelegenheit auswachsen, Werder wird in der einen oder anderen Phase auch mal leiden müssen - und darauf hoffen, dass der einzige Schlüsselspieler in der Offensive, Milot Rashica, nicht länger ausfällt.

Der Druck, der vor exakt einem Jahr noch ein gänzlich positiver war, hat sich ins Gegenteil gewandelt. Damals erwuchs im Trainingslager in Südafrika ein ganz spezieller Geist innerhalb der Mannschaft, der Werder beinahe in den Europapokal und ins DFB-Pokalendspiel trug.

Jetzt ist alles anders. Und der Ausgang der Saison völlig offen.