München - Der Videobeweis sorgt am 1. Spieltag der Bundesliga für Chaos. Dabei hatte er bei der WM noch gut funktioniert. SPORT1 zeigt auf, warum es in Russland besser lief.

von Robin Wigger , Reinhard Franke

Alexander Rosen sprach vielen Fußball-Fans und -Experten aus dem Herzen, als er sich nach der Auftaktpartie zwischen seiner TSG Hoffenheim beim FC Bayern zum Videobeweis äußerte.

Dieser sei "nämlich eine ganz wunderbare, sinnvolle und gerechte Einrichtung", sagte der TSG-Manager, "er wurde zu etwas gemacht, was er sein soll." Rosens Worte mögen auf den ersten Blick verwundern – allerdings bezog er sich auf die erfolgreiche Umsetzung des Video-Assistenten bei der Fußball-WM in Russland. 

Denn das Freitagsspiel stand in dieser Hinsicht "im Gegensatz zu dem, was es sein sollte", so Rosen. Das sei "einfach nur schade", fügte er bei SPORT1 hinzu. Und auch am Samstag sorgte der Videobeweis für große Diskussionen.

Doch warum konnte die Bundesliga offensichtlich so wenig von der gelungenen WM-Premiere lernen? Besonders drei Streitpunkte werfen Fragen auf.

Wann greift der Video-Assistent ein?

Eines der größten Probleme ist die fehlende Klarheit darüber, wann der Video-Assistent eingreift. Die eigentliche Idee, dass nur bei gravierenden und klaren Fehlentscheidungen das Signal aus dem Kölner Keller kommt, ist gut. Doch an der passenden Ausführung hapert es.

Ex-Schiedsrichter Wolfgang Stark erklärt das Vorgehen des Video-Assistenten bei SPORT1 wie folgt: Er müsse der Überzeugung sein, dass "wenn der Schiedsrichter einen Hinweis bekommt und sich diese Szene selber nochmal anschaut, dass er dann zu einer anderen Entscheidung kommt."

Doch in der Bundesliga wird der Videobeweis bisweilen inflationär eingesetzt. "Das ist einfach too much. Das macht ein Stück weit auch den Fußball kaputt" sagte SPORT1-Experte Stefan Effenberg im CHECK24 Doppelpass

Andere wiederum fühlen sich angegriffen, weil das Eingreifen ausbleibt. "Ich weiß nicht, warum es nicht überprüft wurde. Ich weiß nicht, wo die Videoassistenten da gerade waren, anscheinend waren sie nicht am Platz", wütete TSG-Chefcoach Julian Nagelsmann über die Szene um Franck Ribery, die schlussendlich zum Elfmeter-Tor der Bayern führte.

Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Bernd Heynemann betonte bei SPORT1 aber, dass "die Entscheidung des Schiedsrichters definitiv nicht klar falsch war. Also darf sich der Videoassistent auch nicht einschalten." Dass wiederum das anschließende verfrühte Reinlaufen in den Strafraum bei Robert Lewandowskis erstem Versuch geahndet wurde, nannte Heynemann wiederum "zu extrem."

"Alle haben gehofft, dass das in der Sommerpause überarbeitet wurde und mehr Klarheit herrscht. Das war aber nicht der Fall", sagte Bayerns Leon Goretzka: "Auf dem Platz ist eine Ungewissheit. Das ist nicht gut." Das lief bei der WM deutlich besser.

In Russland wirkte der Einsatz des Hilfsmittels deutlich verlässlicher und klarer, wurde deshalb auch seltener zu Rate gezogen. Nicht nur FIFA-Schiri-Chef Pierluigi Collina hatte nach dem Turnier ein erfolgreiches Fazit gezogen. In der Vorrunde hätten laut Collina dank des technischen Hilfmittels "in 99,3 Prozent der 335 von ihnen überprüften Situationen am Ende die korrekte Entscheidung gestanden".

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Allerdings war auch bei der WM nicht alles Gold, was glänzt – hierbei sei an das Finale erinnert, als ein (angebliches) Handspiel von Ivan Perisic zum Elfmeter nach Einsatz des Video-Schiris führte. Und was auch nicht vergessen werden sollte: Die Emotionalität ist hierzulande bei Bundesliga-Partien weitaus größer. "Wenn Spanien gegen Marokko spielt, dann interessiert uns das weniger als Bayern gegen Hoffenheim", so Stark bei SPORT1.

Video-Assistent zu sehr Chef?

Ein Grund für die erfolgreiche Umsetzung bei der WM war auch das gute Zusammenspiel zwischen Video-Assistenten und Haupt-Schiedsrichter. Denn in Russland nahmen beide die Rollen ein, die sie haben sollten.

Die Assistenten gaben Hinweise, doch der Referee auf dem Platz blieb der Chef. Das lag auch daran, dass in Russland teilweise international unerfahrene Referees die Rolle des Video-Assistenten einnahmen.

"Der Schiedsrichter ist der Chef - und der Schiedsrichter hat die Entscheidung auch zu treffen und zu transportieren. Das Wort heißt nicht umsonst Video-Assistent - und nicht Video-Schiedsrichter im eigentlichen Sinne", sagte der künftige Leiter des Bereiches Videobeweis beim DFB, Dr. Jochen Drees, bei Sky. "Wir sehen da auch Bedarf, dass wir die beteiligten Personen noch mehr sensibilisieren", so Drees.

In eine ähnliche Kerbe schlug SPORT1-Experte Reinhold Beckmann. "Wir nehmen den Schiedsrichtern die Autorität weg auf diese Art und Weise", kritisierte Beckmann im CHECK24 Doppelpass. Der Videobeweis "enteiert die Schiedsrichter".

Die Ereignisse beim Chaos-Spiel Wolfsburg gegen Schalke nannte Beckmann ein "Paradebeispiel für die Verunsicherung" der Unparteiischen – das musste auch Drees zugeben.

"Beim Spiel in Wolfsburg war es tatsächlich so, dass nach meiner persönlichen Auffassung in beiden Szenen die ursprüngliche Entscheidung, die der Schiedsrichter und das Schiedsrichter-Team in Verbindung auf dem Platz getroffen haben, für mich richtig und nachvollziehbar war", so Drees. Der 39-Jährige Patrick Ittrich hatte seine Entscheidungen auf Geheiß von Video-Assistent Wolfgang Stark revidiert.

Dieser verteidigt sich. "Wir als Video-Assistenten überstimmen nicht den Schiedsrichter, wir geben ihm nur einen Hinweis in der Szene, was das TV-Bild her gibt", erklärt Stark: "Ich bin hier kein Ober-Schiedsrichter, ich bin Video-Assistent."

Fehlende Transparenz

Und auch in puncto Transparenz könnte sich die Bundesliga die WM zum Vorbild nehmen. Damals wurden die Zuschauer in den Stadien bei strittigen Situationen mit einem dreigeteilten Bildschirm auf der Leinwand informiert.

So wurde der Videobeweis in den Stadien der WM angezeigt © Imago

Zum einen wurde ein Hinweis gegeben, dass der Videobeweis eingreift. Zudem wurde die entsprechende strittige Szene eingeblendet – nebst Videoraum, in dem die Schiedsrichter über die Entscheidung tüftelten. In der Bundesliga ist davon wenig bis gar nichts zu sehen. In München am Freitag wurde der Zuschauer vollkommen im Unklaren gelassen.

Stark verspricht Besserung: "Es ist wichtig, dass alles noch transparenter gestalten werden kann. Es soll demnächst im Stadion erscheinen, was überprüft wird und welche Entscheidung der Schiedsrichter trifft. Dies ist momentan von der Technik noch nicht 1 zu 1 umsetzbar. Das liegt aber nicht an den Video-Assistenten, sondern an den technischen Begebenheiten im Stadion anhand der Video-Leinwände."

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