US-Kenner Andreas Herzog spricht über Christian Pulisic und Ousmane Dembele © Grafik SPORT1 Marc Tirl

München - USA-Experte Andreas Herzog spricht im SPORT1-Interview über seinen früheren Schützling Christian Pulisic und verurteilt das Verhalten von Ousmane Dembele beim BVB.

von Reinhard Franke

Andreas Herzog kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, wenn die Rede auf den US-Amerikaner Christian Pulisic von Borussia Dortmund kommt.

Der 18-Jährige überzeugt als Offensivkraft. Herzog, ehemaliger Bundesliga-Profi, Rekordspieler der österreichischen Nationalmannschaft und bis 2016 Co-Trainer von Jürgen Klinsmann im US-Nationalteam, kennt Pulisic gut.

Bei Pulisic-Kollege Ousmane Dembele verfinstert sich Herzogs Miene. Der 20-Jährige möchte unbedingt zum FC Barcelona wecheln und ist seit zwei Wochen von den BVB-Bossen suspendiert, weil er dem Training fern blieb.

Im SPORT1-Interview spricht Herzog über Pulisic und Dembele.

SPORT1: Herr Herzog, seit 2016 spielt Christian Pulisic vom BVB für die A-Nationalmannschaft der USA. Sie sollen ein richtiger Fan von ihm sein.

Herzog: Das stimmt. Ich kenne Christian sehr gut. Neben meiner Arbeit als Assistenztrainer der amerikanischen Nationalmannschaft war ich auch Trainer der U23. Da wollte ich Christian schon das eine oder andere Mal dazunehmen, aber dann hatte Jürgen ihn schon zum A-Nationalteam geholt, so dass er nicht mehr für Kroatien spielen konnte. 

SPORT1: Während Dembele gerade alle beim BVB verärgert, scheint bei Pulisic die Mischung zu stimmen - menschlich und sportlich...

Herzog: Ganz genau. Es ist die Mischung, die ihn so stark und unberechenbar macht. Obwohl er beim BVB und in einem riesigen Land wie den USA, in dem Fußball immer mehr an Bedeutung gewinnt, einen Raketenstart hingelegt hat, ist er auf dem Boden geblieben. Er ist ein richtig guter Junge und ich bin absolut überzeugt von ihm. Er arbeitet hart an sich und wird in den nächsten Jahren noch besser werden. Er ist ein großes Talent und spielt schon jetzt auf einem sehr hohen Niveau.

SPORT1: Hätten Sie Pulisic das zugetraut? 

Herzog: Ich habe ihn das erste Mal vor einigen Jahren in Florida bei der U17-Nationalmannschaft gesehen und schon damals ist er mir sofort aufgefallen. Ich dachte mir bereits 'Das könnte mal ein richtig Großer werden'. U17 und Profifußball ist zwar schon ein Unterschied, aber von den Anlagen her war das damals schon eine hohe Qualität.

SPORT1: Was macht Pulisic inzwischen noch stärker?

Herzog: Wie er dribbelt, das Tempo aufnimmt, wie er beschleunigt, dass er keine Angst im Zweikampf hat und zudem torgefährlich ist, das ist sehr beeindruckend. Bei der U17 hat er auf der Zehn gespielt und jetzt kann er durch seine Wendigkeit und Antriebsschnelligkeit auch auf den Außenbahnen spielen. Seine Haken auf engstem Raum und in höchstem Tempo sind brandgefährlich. Christian kann sich immer schnell vom Gegenspieler lösen und Tore vorbereiten.

SPORT1: Jetzt gibt es beim BVB die schwierige Situation um Dembele. Pulisic ist ein ganz anderer Typ, SPORT1 nannte ihn den Anti-Dembele. Wie sehen Sie es? 

Herzog: Christian macht sich darüber keine großen Gedanken. Er hat unter Thomas Tuchel in der vergangenen Saison schon mit Dembele gemeinsam gespielt, doch nun ist es für ihn vielleicht etwas einfacher, weil Mario Götze wieder zurück ist. Aber bei allen Qualitäten von Dembele ist Christian im Endeffekt eine richtige Waffe für Dortmund. Und er ist charakterlich besser als Dembele und da hat der Trainer (Peter Bosz, d. Red.) auch mehr Freude. Weil er auf lange Sicht konstanter spielen wird. Nicht ganz so genial wie Dembele, auf Dauer jedoch kann man mit ihm vernünftiger arbeiten.

SPORT1: Was sagen Sie zum Dembele-Theater?

Herzog: Für Dortmunds Verantwortliche ist es natürlich eine untragbare Situation und vor ihnen liegt eine sehr schwere Entscheidung. Und für den Fußball ist das richtig schlimm. Die Spieler können sich heutzutage alles erlauben. Natürlich darf ein Verein nichts herschenken, wenn es um 100 Millionen geht, aber ich würde mir mal wünschen, dass man so einen Spieler zwei Jahre auf die Tribüne setzt oder ihm zumindest damit droht. Irgendein Klub müsste mal die Kraft haben, dies durchzuziehen. Man darf sich von so einem Spieler nicht auf der Nase herumtanzen lassen. 

SPORT1: Harte Worte...

Herzog: Ja schon, aber es ist so. Ich verstehe Dembele, wenn ein Angebot vom FC Barcelona kommt, dann will er natürlich dorthin, aber er kann doch eine Lösung nicht herbeiführen, indem er in einen Streik tritt. Das ist unmöglich und so ein Verhalten ist nicht zu tolerieren.

SPORT1: Kann es da überhaut noch einen Weg zurück geben?

Herzog: Es wird für den Jungen auf jeden Fall sehr schwer. Er hat die Mannschaft im Stich gelassen und die Fans vergessen das nicht. Für Trainer Bosz ist es nicht leicht, wenn ihn ein wichtiger Spieler so im Stich lässt. Dembele ist ein junger, hochtalentierter Junge, keine Frage, aber was er da gerade abzieht, ist eine Katastrophe. Er hätte nach zwei Tagen wieder kommen und sagen müssen 'Ich habe einen Riesen-Fehler gemacht, ich entschuldige mich'. Dann hätte man das Ganze gerade biegen können. Auch von seinem Berater ist das grob fahrlässig. 

SPORT1: Was glauben Sie, ist es für Pulisic belastend, dass er nun als eine Art neuer Dembele angesehen wird?

Herzog: Er ist sicher froh, dass er zeigen kann, welche Qualitäten er hat. Und er wird immer mehr Selbstvertrauen kriegen, das hat man schon an den zurückliegenden Spielen beim BVB und in der Nationalmannschaft gesehen. Christian ist ein außergewöhnlicher Spieler. Er braucht sich hinter Dembele nicht verstecken. Denn auf engem Raum ist er noch passsicherer und kombinationssicherer als Dembele. Klar ist der auch extrem stark, aber der Charakter spricht eindeutig für Christian.