München - Meister, König, Wundermacher: Otto Rehhagel hat den deutschen Fußball maßgeblich geprägt. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. SPORT1 blickt auf eine bewegte Karriere zurück.

von Kerry Hau , Sportinformationsdienst

Den 26. September 1998 wird Otto Rehhagel, komme was wolle, niemals vergessen.

Es lief die 39. Minute des Bundesliga-Spiels zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem VfL Bochum, als sich Rehhagel zum Gespött von ganz Fußball-Deutschland machte.

Anlässlich seines 80. Geburtstages kann wohl auch der so erfolgreiche Trainer nun darüber lachen. Doch der Reihe nach.

Rehhagel und sein peinlichster Moment

Alles begann mit einem unglücklichen Zusammenprall von Lauterns Verteidiger Michael Schjönberg mit Bochum-Keeper Thomas Ernst. Schjönberg zog sich einen Schien- und Wadenbeinbruch zu und musste mit einer Trage vom Platz gebracht werden.

Rehhagel, sichtlich aufgewühlt und unter Zeitdruck stehend, wechselte Pascal Ojigwe ein. So weit, so gut, dachte sich Rehhagel. Sein Team führte zu diesem Zeitpunkt mit 1:0, der Halbzeitpfiff nahte. Alles paletti. Doch wenige Sekunden später merkte der Lautern-Coach, was er da gerade fabriziert hatte.

Mit Ojigwes Hereinnahme spielte der Titelverteidiger jetzt mit vier Ausländern aus einem Land außerhalb Europas. Einem mehr, als das Regelwerk des DFB zuließ. Rehhagel strich sich fassungslos durch die Haare, fluchte lautstark über sich selbst und schmiedete rasch einen verzweifelten Plan, um seinen Fauxpas zu vertuschen.

Lautern: Ramzy auf der Bank legendär

Er pfiff seinen Libero Hany Ramzy, einen Ägypter, in gewohnter Manier zu sich und wechselte einige deutliche Worte mit ihm. Keine drei Minuten später sank Ramzy ohne gegnerische Einwirkung zu Boden, griff sich ans Bein und ließ sich auswechseln.

Auf der Bank angelangt, zog sich Ramzy das Trikot über das Gesicht - und kringelte sich vor Lachen. An seiner Seite: Michael Ballack, ebenfalls grinsend und ungläubig mit dem Kopf schüttelnd. Alle Beteiligten wussten, dass das Spiel bereits entschieden war. "Das", scherzte Mario Basler im Nachhinein, "passiert nur großen Trainern."

Unglaubliche Erfolge von Rehhagel

Und ein großer Trainer ist Rehhagel zweifellos, einer der größten, die es in Deutschland gibt. Mit einem Aufsteiger Deutscher Meister werden, Underdog Griechenland zum EM-Titel führen. Das macht Rehhagel so schnell keiner nach.

Mit 832 Spielen an der Seitenlinie ist er nach wie vor der unangefochtene Rekordtrainer im deutschen Profifußball. Hinzu kommen 213 Spiele als Aktiver. Man könnte ein ganzes Buch mit Anekdoten über ihn füllen. Anekdoten, nach denen Fußball-Nostalgiker heutzutage vergeblich lechzen.

Großartige Anekdoten

1982 zum Beispiel setzte er sich bei einem Auswärtsspiel von Werder Bremen in Bielefeld mit einer kugelsicheren Weste auf die Trainerbank, um den Morddrohungen zu trotzen, die er zuvor erhalten hatte.

1991 befahl er Thorsten Legat nach dessen Wechsel von Bochum zu Werder, sich schleunigst eine Frau fürs Leben zu suchen: "Herr Legat, wenn Sie sich hier durchsetzen wollen, dann müssen Sie kühlen und klaren Kopf bewahren. Um keine Probleme zu kriegen, müssen Sie sich nur auf Fußball konzentrieren. Das heißt: Sie müssen heiraten!"

In Erinnerung bleiben auch seine launigen Interviews. Kult-Reporter Fritz von Thurn und Taxis wurde einmal von Rehhagel mit den Worten rasiert: "Ich bin der erfahrenste Trainer der Bundesliga. Du hast mir nichts zu erzählen."

Legendär auch die Pressekonferenz, auf der der gelernte Maler und Lackierer Rehhagel meinte, er würde nur noch auf Fachfragen antworten und ein Journalist schlagfertig fragte: "Herr Rehhagel, mit welcher Farbe muss ich zu Hause bei mir die Wände streichen?"

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"Einen Basler lässt man laufen"

Speziell war auch sein Verhältnis zu seinen Spielern. "Ich kritisiere Sie als Fußballer, als Mensch sind Sie mir heilig", sagte Rehhagel einmal.

Die Bild nannte sein Wirken als Trainer jüngst eine "Demokratische Diktatur". Seine Spieler siezte der Coach, auch wenn er ihnen gleichzeitig Freiräume zugestand. "Einen Mario Basler kann man versuchen zu disziplinieren oder man bekommt Ärger. Oder man lässt ihn laufen und hat Erfolg", sagte Rehhagel einst.

Aus seinen 14 Jahren in Bremen ist folgender Satz überliefert: "Hier kann jeder sagen, was ich will."

"Otto hat gezeigt, dass man nicht mit dem Laptop arbeiten muss, um Erfolg zu haben", erklärte der langjährige Bundesliga-Trainer Winfried Schäfer bei SPORT1. "Er konnte durch den direkten Kontakt und intensive Gespräche Verständnis für die Probleme seiner Spieler bekommen. Trotzdem war er immer eine Respektsperson, seine Motivation für die Spieler war herausragend."

Rudi Völler nennt Rehhagel heute den "wichtigsten Trainer in meiner Karriere" und steht damit beileibe nicht alleine da.

"Bei ihm wurde ich nicht in irgendwelche Schablonen gepresst, es gab keine taktischen Zwänge. Er hat mir das Gefühl vermittelt, dass ich machen konnte, was ich wollte", erinnert sich Völler.

Werdre Bremens goldene Zeit

Eine Methode, die vor allem an der Weser zum Erfolg führte: In seinen 14 Jahren in Bremen gewann Rehhagel zwischen 1981 und 1995 fünf große Titel und stieg zum gefeierten "König Otto" auf.

Seinen größten Coup landete er aber 2004, als er mit Fußball-Zwerg Griechenland in Portugal die Europameisterschaft gewann.

Dafür wurde ihm in Abwandlung des griechischen Heldennamens Herakles der Spitzname Rehakles verliehen. "Otto möge so lebendig und leidenschaftlich bleiben wie ein Jüngling", sagte der griechische Verbandspräsident Evangelos Grammenos anlässlich des Ehrentags.

Schwarze Monate bei Bayern

Rehhagel hinterließ aber auch deshalb seine Spuren im Fußball, weil er nicht perfekt war. Zu den wenigen Tiefpunkten in seiner Trainer-Zeit gehört das zehnmonatige Intermezzo beim FC Bayern vom 1. Juli 1995 bis 27. April 1996.

Nach dem 30. Spieltag wurde Rehhagel von Franz Beckenbauer abgelöst, die Münchner waren damals Tabellenzweiter.

Für Rehhagel war das kein Beinbruch - im Gegenteil. Er heuerte wenige Wochen später bei Bundesliga-Absteiger Kaiserslautern an, stieg direkt wieder auf und holte 1998 mit den Pfälzern den bis heute einzigen Meistertitel eines Aufsteigers.

Deshalb konnten sie ihm am Betzenberg auch jenen Wechselfehler vom 26. September 1998 nicht übel nehmen.