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Oberhausen - Michael van Gerwens Dominanz bröckelt gewaltig. Ist er bei der Darts-WM schlagbar wie nie? Im SPORT1-Interview gibt er selbst eine Einschätzung.

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Michael van Gerwen gehört bei der Darts-Weltmeisterschaft (alle Spiele der Darts-WM 2021 LIVE im TV auf SPORT1, im LIVESTREAM und LIVETICKER) stets zum Favoritenkreis - auch bei der PDC-WM 2021.

Dennoch ist die Ausgangslage in diesem Jahr eine andere: Seine Dominanz bröckelte in den vergangenen Monaten gewaltig, der Weltranglistenerste befand sich in gewissen Phasen der Saison in einer veritablen Formkrise.

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Zwar sorgte er mit dem Titel bei den Players Championship Finals kurz vor dem wichtigsten Darts-Event des Jahres für ein Ausrufezeichen, zuvor hatte "Mighty Mike" allerdings seit den UK Open im März keinen Major-Titel mehr gewonnen – zwei in einem Jahr bedeuten seine geringste Ausbeute seit 2013.

Eine Frage rückt daher zwangsläufig in den Fokus: Ist MvG schlagbar wie nie?

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Hopp: "Van Gerwen nie schlagbarer als jetzt"

Max Hopp brachte es auf den Punkt: "Das Jahr von Michael van Gerwen war sehr durchwachsen. Seine Position an Nummer 1 wackelt etwas, falls er bei der WM früh rausfliegen sollte. Er war definitiv noch nie schlagbarer als jetzt", sagte die deutsche Nummer zwei bei SPORT1.

Weltmeister Peter Wright erklärte bei SPORT1, dass dem Niederländer das Selbstvertrauen fehle: "Aber manchmal ist es einfach weg. Aber bei ihm geht es rauf runter, rauf runter und so weiter. Das zeigt, dass er auch nur ein Mensch ist." (Spielplan und Ergebnisse der Darts-WM 2021)

Dennoch gehört van Gerwen nach wie vor zu den Top-Favoriten auf den WM-Titel, wie Hopp betonte: "Man muss im Hinterkopf behalten, was er schon geleistet hat. Er kann jederzeit zu seinem besten Spiel finden", so der "Maximiser".

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Auch sein deutscher Kollege Gabriel Clemens warnte davor, den 31-Jährigen zu unterschätzen: "Michael van Gerwen darf man nie abschreiben", sagte der "German Giant" bei SPORT1.

Van Gerwen über WM-Titel: "Großes Ziel"

Wie van Gerwen seine Chancen selbst einschätzt, womit er sein Formtief erklärt und was er von den deutschen Spielern bei der WM erwartet, verriet er im Interview mit SPORT1

SPORT1: Herr van Gerwen, was sind Ihre Ziele für die diesjährige Weltmeisterschaft? 

Michael van Gerwen: Es ist natürlich mein großes Ziel, die WM zu gewinnen. Es ist ein enorm wichtiges Turnier, in diesem Jahr unter schwierigen Bedingungen. Aber was soll man machen? Es ist für alle das Gleiche. Es ist ein globales Problem. Covid-19 ist ein riesiges Problem und wir können nicht wirklich etwas dagegen tun, außer, auf die Verantwortlichen zu hören. 

SPORT1: Was erwarten Sie unter diesen komplett anderen Umständen? 

Van Gerwen: Es ist immer noch ein großes Turnier für uns. Ich denke, wir sollten alle glücklich sein, dass wir immer noch spielen können und weiterhin unseren Lebensunterhalt verdienen. Es ist für alle schwierig, aber jetzt muss man sich voll auf die WM fokussieren. (Alle Infos zur Darts-WM 2021)

SPORT1: Das Jahr 2020 lief nicht optimal für Sie. Sind Sie traurig oder sauer? 

Van Gerwen: Beides vielleicht. Aber was soll ich tun? Es ist ein Teil meines Lebens, durch den ich durchmuss. Am Ende werde ich gestärkt daraus hervorgehen. Ich muss weiter trainieren, weiter hart arbeiten, damit ich stärker wieder da rauskomme. Ich komme immer noch in europäische Finals. Aber nicht wirklich mit meinem A-Game. Das muss ich verbessern, aber es liegt einzig und allein an mir. Ich bin der Einzige, der das ändern kann. 

So erklärt MvG sein Formtief

SPORT1: Sehen Sie irgendeinen Grund für Ihr Formtief? 

Van Gerwen: Nicht wirklich, aber da spielen viele Kleinigkeiten eine Rolle. Corona, die lange Pause - das spielt da alles mit rein. Aber damit muss man klarkommen. Es liegt nur an mir, etwas zu ändern. 

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SPORT1: Bei der letzten WM haben Sie das Finale gegen Peter Wright verloren. Was ist an diesem Tag mit Ihnen geschehen? 

Van Gerwen: Peter und ich hatten danach auch noch viele Spiele und wir werden auch immer wieder gegeneinander spielen, weil wir beide zur Weltspitze gehören. Wir spielen zusammen in der Premier League, in großen Turnieren. Deshalb ist es normal, dass wir gegeneinander spielen. Ab und zu gewinne ich gegen ihn, ab und zu verliere ich gegen ihn. Das muss ich akzeptieren. Nur, wenn ich es akzeptiere, kann ich daraus lernen.  

SPORT1: Vor dieser WM spricht jeder davon, dass Sie Probleme und die anderen eine Chance haben. Wie sehen Sie das? 

Van Gerwen: Es ist immer eine Chance da. Es besteht immer die Möglichkeit, dass du einen Fehler machst.  

SPORT1: Vielleicht eine etwas größere Chance? 

Van Gerwen: Das ist wahr. Es wird ein größerer Druck auf den anderen Spielern lasten, mich bei der WM zu schlagen. Weil sie immer noch gegen mich spielen. Man konnte es bei der European Tour beobachten. Große Spieler wie Mensur Suljovic oder Nathan Aspinall sind immer noch nervös, wenn sie gegen mich spielen. Und auch, wenn ich schlecht spiele, kann ich sie immer noch schlagen.  

Van Gerwen über Price, Wright und Durrant

SPORT1: Wer ist nach Ihnen selbst der größte Favorit für Sie? 

Van Gerwen: Es gibt jede Menge gute Spieler. Ich weiß, ich habe dieses Jahr nicht wirklich gut gespielt, aber trotzdem ist niemand nach vorne geprescht und hat gesagt: 'Jetzt bin ich hier der Boss.' Das hat keiner gemacht. Das eine Turnier wurde von Gerwyn Price gewonnen, das nächste von Peter Wright, dann das nächste von Glen Durrant. Es gibt niemanden, der sagt: 'Hey, ich bin jetzt der dominante Spieler und ich werde alle Turniere gewinnen.' Das passiert nicht. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit und dann müssen sie wieder mit mir klarkommen und ich hoffe, das ist schon bei der Weltmeisterschaft der Fall. 

SPORT1: Lieben Sie Darts immer noch? 

Van Gerwen: Ja, das tue ich. Wenn du Darts nicht liebst, wird es schwierig. Mir gefällt immer noch, was ich tue. Verlieren hasse ich natürlich genauso sehr, wie alle anderen oder vielleicht sogar noch mehr, weil ich nicht daran gewöhnt bin. Aber das ist Teil des Spiels. Du musst mit dir selbst klarkommen und du musst hart arbeiten. Jeder weiß das, aber du musst es umsetzen. 

SPORT1: Wie schwierig ist es für Sie ohne Zuschauer? 

Van Gerwen: Es ist wirklich hart, besonders für mich. Denn ich bin ein Spielertyp, dem es gefällt, vor großen Mengen zu performen. Weil es dir Adrenalin gibt und deinen Körper aufpumpt. Das fehlt jetzt. Manche Spieler mögen es lieber ruhig. Ian White zum Beispiel, er ist ein ruhigerer Spieler. Ihn stören große Menschenmengen. Für mich macht es keinen Unterschied, ob die Leute mich ausbuhen oder anfeuern. Ich finde, es ist schön, das im Darts zu haben. Das ist, was mir gefällt. Jetzt haben wir das leider nicht mehr. Wir müssen drauf warten, bis alles wieder normal ist. (Anmerkung: zuletzt fanden die Turniere ohne Zuschauer statt, bei der WM sind pro Session 1000 Fans zugelassen - Interview wurde vor dieser Entscheidung geführt)

Rückkehr von Barney? MvG: "Ging zu schnell"

SPORT1: Es gibt momentan viele junge Spieler. Denken Sie, das ist die "neue Generation"? 

Van Gerwen: Sie müssen sich erstmal über einen längeren Zeitraum beweisen. An der Stelle sind schon andere Leute gescheitert. Zum Beispiel Paul Nixon. Er gewann ein großes Turnier und danach rutschte er ab. Du musst konstant Leistung zeigen. Woche für Woche, Jahr für Jahr. Wenn du das nicht tust, wirst du in der Rangliste abrutschen und jeder wird dich vergessen.  

SPORT1: Was denken Sie über die deutschen Spieler? 

Van Gerwen: Gaga hat sehr gut gespielt in letzter Zeit. Mir gefällt seine Art zu werfen. Er ist ein wirklich guter Typ. Es ist ein bisschen traurig, das zu sagen, aber er macht sich momentan etwas besser als Max. Da spielt sich eine kleine Rivalität ab, vielleicht noch mit Nico im Hintergrund. Das ist schön zu sehen, aber in einem Land wie Deutschland sollte noch viel mehr Talent vorhanden sein. Die Deutschen müssen ran an die Trainingsscheibe. Nicht immer nur an Fußball denken. Darts wird ebenfalls immer größer.

SPORT1: Letzte Frage: Raymond van Barneveld hat seine Karriere beendet, jetzt aber angekündigt, zurückzukommen. Eine gute Idee? 

Van Gerwen: Die Art und Weise, wie er es gemacht hat, ist nicht wirklich gut. Ich würde es anders machen. Ich denke das ging zu schnell. Er hat sein Abschiedsspiel gegeben, alle haben Tickets gekauft und sechs Monate später ist er wieder da. Das ist ein wenig ungünstig. Aber das habe ich ihm auch schon persönlich gesagt. Ich bin niemand, der etwas hinter jemandes Rücken erzählt. Ich würde es jedenfalls anders machen. Ich hätte nichts zur Presse gesagt und hätte einfach an der Q-School teilgenommen und dann kommt die Entwicklung. Denn jedes Mal, wenn du etwas ankündigst, werden Leute dich unter Druck setzen, dir Fragen stellen. Du wirst mit allem möglichen beschäftigt sein, während du eigentlich am Board trainieren solltest. Das ist nicht ideal für ihn.