Ex-Bundestrainer Jochen Behle erklärt, was im deutschen Langlauf falsch läuft
Ex-Bundestrainer Jochen Behle erklärt, was im deutschen Langlauf falsch läuft © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Für die deutschen Langläufer jagt bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf eine Enttäuschung die nächste. Jochen Behle erklärt bei SPORT1 die Gründe.

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Massive Wachsprobleme im Skiathlon der Damen, Sturzpanne im Teamsprint der Herren und im Skiathlon sogar langsamer als Andorra: Die deutschen Langläufer erleben bislang eine Heim-WM zum Vergessen!

Zwar kann sich ein zehnter Platz von Laura Gimmler im Sprint sehen lassen, ansonsten allerdings hagelte es bei den Titelkämpfen der nordischen Skisportarten in Oberstdorf regelrecht schlechte Resultate. Entsprechend ernüchtert fiel die Zwischenbilanz von Bundestrainer Peter Schlickenrieder aus. (Zeitplan der Nordischen Ski-WM 2021 in Oberstdorf)

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"Es war sicherlich eine große Menge Pech dabei. Aber wir müssen auch einfach ehrlich und realistisch sein. Bei unserem Leistungslevel kämpfen wir hier einfach nicht um Medaillen", konstatierte der ehemalige Athlet nach der ersten Wettkampfwoche. (Weltcupstände im Skilanglauf)

Behle: Hennig einzige Läuferin auf Spitzenniveau

Schlickenrieders Vor-Vorgänger zieht bei SPORT1 ein ähnliches Zwischenfazit. "Neben dem Aspekt, dass sie bei dem ein oder anderen Wettkampf ein wenig unglücklich agiert haben, muss man festhalten, dass sie leistungsmäßig nicht auf der besten Welle unterwegs sind", drückt es Jochen Behle, von 2002 bis 2012 Bundestrainer, sogar noch harmlos aus. Unter ihm erlebte der deutsche Skilanglauf seine erfolgreichste Zeit.

Die harte Realität heute ist: Die deutschen Langläufer*innen "hatten von vornherein mit Katharina Hennig nur eine Athletin, die das Potenzial hat, vorne mitzulaufen", gerade "die Ergebnisse im Skiathlon sind schon schwach. Die vier Minuten Rückstand bei den Männern sind Welten." (Skilanglauf-Weltcup: Kalender und Ergebnisse)

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Behle kritisiert falsche Planung für WM

Behle will zwar nicht beurteilen, ob Schlickenrieder bereits gescheitert ist, stellt aber klar, dass er gerade die Herangehensweise an Großevents wie die WM für falsch hält.

"Man kann nicht nur jahrelang auf ein Großereignis hinweisen, wo man alles richten will", kritisiert der 60-Jährige das Vorgehen im Verband: "Langlauf ist eine Ausdauersportart, in der man entsprechende Grundlagen vorweisen und in den Jahren und insbesondere in der Saison davor adäquate Leistungen gezeigt haben muss, die es rechtfertigen, so zu denken. Das war nicht immer der Fall."

Stattdessen hätten sich die Verantwortlichen um Schlickenrieder in Verweise auf die Zukunft geflüchtet, moniert Behle. "Es fiel immer wieder die Entschuldigung für schlechte Leistungen: Wir konzentrieren uns auf die WM.' Für den einstigen Bundestrainer, in dessen Ära DSV-Männer viermal den Gesamtweltcup gewannen, der falsche Ansatz. "Man setzt die Sportler auch wahnsinnig unter Druck, dass sie bei der WM das leisten sollen, was sie vorher noch gar nicht leisten konnten", gibt er zu bedenken.

Zwar könne man Bundestrainer Schlickenrieder "nicht alleine verantwortlich machen", betont Behle - sagt aber auch: "Ich ziehe immer gerne den Vergleich heran, dass der Bundestrainer derjenige ist, der im Zug ganz vorne sitzt, die Hebel in der Hand hält und damit die Richtung vorgibt. Das ist entscheidend. Und wenn die falsch ist, dann muss man umdenken."

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Wohlfühloase statt Konkurrenzkampf?

Vor allem die fehlende Weiterentwicklung bereitet dem langjährigen Erfolgscoach des Deutschen Ski-Verbandes Sorgen. Bis auf wenige Ausnahmen seien bei den Athleten, insbesondere bei den talentierten Mädchen, kaum Fortschritte erkennbar.

Deshalb müsse man im Training mehr Konkurrenzkampf entfachen. "Zu meiner Zeit als Bundestrainer gab es noch einzelne Stützpunkte. Wenn man die Athleten der Stützpunkte zu Lehrgängen zusammengeholt hat, gab es einen gewissen Konkurrenzkampf. Das fehlt mir heutzutage ein bisschen", erklärt Behle.

Bei aller Wichtigkeit von Spaß am Sport ist für ihn im DSV zu viel Wohlfühloase. "Es ist auch so, dass einfach mal Fleiß gefragt ist, um entsprechende Leistungen zu bringen. Man kann mal bei den Russen oder Norwegern nachfragen. Ich glaube nicht, dass die jeden Tag im Training Spaß haben. Da muss man schon Prioritäten setzen.", meint Behle.

Jochen Behle zog von 2002 bis 2012 selbst die Fäden im deutschen Langlauf
Jochen Behle zog von 2002 bis 2012 selbst die Fäden im deutschen Langlauf © Imago

"Was machen die da?"

Passend dazu kritisiert der Korbacher, der selbst bis 1998 im Langlauf aktiv war, dass die Leistungsnormen zu wenig beachtet würden.

"Am Ende muss man sich an den Ergebnissen speziell bei Großereignissen und im Weltcup messen lassen. Dafür gibt es auch die Kriterien, die man beispielsweise für Olympia erreichen muss. Die gelten in anderen Sportarten auch, so müssen sie auch im Langlauf gelten", erklärt Behle: "Und wenn es eben wenige sind, die diese Normen schaffen, dann sind es eben wenige Starter. Dann fällt dieser Wohlfühl-Faktor ein wenig weg. Bei den Männern waren beispielsweise im Sprint Athleten am Start, von denen ich gesagt hätte: 'Was machen die da?'"

Dass junge Sportler wie Lisa Lohmann oder Friedrich Moch WM-Luft schnuppern dürfen, dagegen sei nichts einzuwenden. Bei erfahreneren Athleten müsse aber der Leistungsgedanke mehr im Vordergrund stehen.

Nachwuchs bereitet Behle Sorgen

Schließlich macht Behle generell ein zunehmendes strukturelles Problem an der Basis des Sports aus.

"Ich denke, wir werden in Deutschland in allen Ausdauersportarten Probleme kriegen. Wir sehen es beispielsweise bereits im Biathlon, wo wir Probleme insbesondere im läuferischen Bereich haben. Es werden nicht mehr Talente, die diese Fleiß-Disziplinen ausüben wollen", warnt er. Das System hierzulande sei dafür nicht mehr aufgebaut.

"Das fängt in der Schule an, wo die Kinder bis nachmittags in den Unterricht müssen", erklärt Behle: "Da gewinnt man nicht mehr so viele junge Leute für trainingsintensive Sportarten. Die fehlen uns später auch in den Elitebereichen. Die Auswahl wird immer dünner und dünner."

Möglicherweise wird man sich an aus deutscher Sicht enttäuschende Weltmeisterschaften im Langlauf gewöhnen müssen.