Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier freut sich über den Sieg von Thomas Dreßen auf der Streif © SPORT1-Grafik: Davina Knigge/ Getty Images/ Imago

Ein Sieg in Kitzbühel ist selbst Markus Wasmeier nie gelungen. Im Interview adelt er Thomas Dreßen und verrät, dass dessen Talent in Deutschland verkannt wurde.

von Ljubo Herceg

Der sensationelle Erfolg von Thomas Dreßen in Kitzbühel war mehr als nur sein Sieg. Der Mittenwalder fuhr auf der gefährlichsten Abfahrtspiste der Welt allen davon und bescherte der (Ski)-Nation den ersten deutschen Sieg auf der Streif seit 39 Jahren.

Das letzte Mal, dass ein Deutscher die Ski-Nation derart in Ekstase versetzt hatte, war 1994. Damals krönte sich Markus Wasmeier in Lillehammer zum Doppel-Olympiasieger in Super-G und Riesenslalom. 

In der Abfahrt gewann Wasmeier zwar keine Titel, dennoch gehörte er auch in dieser Disziplin zur absoluten Weltspitze und feierte Siege in Wengen und Garmisch-Partenkirchen. In Kitzbühel kam er allerdings nie über Rang sechs hinaus.

Dreßen kennt die deutsche Ski-Legende schon lange, da einer seiner Söhne gegen den Streif-Sieger in Schülerrennen antrat.

Im SPORT1-Interview spricht Wasmeier über Dreßens harten Weg an die Spitze und dessen Chancen bei den Olympischen Spielen. 

SPORT1: Herr Wasmeier, Thomas Dreßen hat mit seinem Sieg auf der Streif alle überrascht. Sie auch?

Markus Wasmeier: Ja, absolut. Ausgerechnet in Kitzbühel sein erstes Weltcup-Rennen zu gewinnen, in seinem zweiten Rennen auf der Streif überhaupt: Sensationell! Ich habe es leider nie geschafft, diesen Mythos zu gewinnen. Thomas aber hat sich diesen Sieg redlich verdient und sich damit im Ski-Sport verewigt. Das kann ihm keiner mehr nehmen.  

SPORT1: Wie ist dieser Sieg einzuordnen?

Wasmeier: Er stand in Beaver Creek schon auf dem Podest und hat damit angedeutet, welches Potenzial in ihm schlummert. Thomas hat sich seit der vergangenen Saison kontinuierlich und Schritt für Schritt gesteigert – und je höher es geht, desto bemerkenswerter ist es. Gewöhnlich wird die Luft extrem dünn, wenn es in Richtung Sieg geht. Thomas hat gezeigt, dass er über seine Grenzen hinausgehen kann, hat ganz klar bewiesen, dass er ein Siegfahrer ist. Manch einer setzt einen Abfahrtssieg auf der Streif mit einem WM-Titel oder Olympia-Gold gleich. Ich würde nicht so weit gehen, aber es ist ein Ritterschlag.

SPORT1: Haben Sie diese kontinuierliche Entwicklung erwartet?

Wasmeier: Für mich kommt sie nicht überraschend, denn ich kenne ihn seit seinem 12. Lebensjahr gut. Er ist so alt wie einer meiner Söhne und die beiden waren oft im Schülercup zusammen unterwegs. Für mich war damals schon klar, dass er ein guter Abfahrer werden kann. Darüber habe ich mehrmals mit ihm gesprochen.

SPORT1: Wie kam es, dass er sich seinen Schliff in Österreich und nicht in Deutschland geholt hat?

Wasmeier: Er wurde trotz seiner guten Platzierung von der Schüler-Wertung nicht in die D-Nationalmannschaft vom Deutschen Skiverband aufgenommen. Für mich völlig unerklärlich. Doch er wollte unbedingt auf ein Ski-Gymnasium und hat sich in Stams beworben, da er dort die beste sportliche Förderung bekommen würde, aber auch sein Abitur machen konnte. Die Stamser haben ihn aber nicht genommen. Schließlich ist er dann in Saalfelden gelandet.

SPORT1: Was macht ihn als Persönlichkeit aus?

Wasmeier: Mit seinen 24 Jahren ist er geistig viel weiter als andere. Er musste schneller erwachsen werden, ist sehr bodenständig und bescheiden. Das zeugt auch von Stärke und spiegelt sich in seinem Selbstbewusstsein beim Sport wider. Er scheut keine Diskussion und hat eine klare Meinung. Er hat immer sein Ziel vor Augen gehabt und alles dafür getan - und sogar noch mehr daraus gemacht. Deutschland hat im Ski-Sport wieder einen feinen Kerl, auf den wir stolz sein können.

SPORT1: Dass er schneller erwachsen werden musste, hängt mit dem frühen Tod seines Vaters bei dem Seilbahn-Unglück in Sölden zusammen.

Wasmeier: Man wächst im Leben mit seinen Schicksalen. So tragisch, wie das war, ist Thomas dabei gewachsen. Er hat sein Schicksal angenommen. Und er ist dabei stärker geworden als viele andere, die so etwas nicht erleben mussten. Diese Tragödie war für die Mutter eine riesige Herausforderung. Für Thomas war der Sport sein Antrieb, eine große Motivation, da sein Vater das Skifahren so sehr geliebt hat und immer wollte, dass sein Sohn Profi-Skifahrer wird. Das Ganze ist nun wie ein wahr gewordener Traum. Besonders schön, wie er emotional erklärt hat, dass sein Vater bei seinem größten Erfolg auch dabei ist.

SPORT1: Wie steht es um seine Medaillenchancen bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang?

Wasmeier: Hätte er nicht die Streif gewonnen, wäre er ohne viel Druck und Erwartungen zu den Olympischen Spielen gefahren. Jetzt ist das aber eine ganz andere Nummer. Er steht nun auf der Liste der Medaillenkandidaten. Sein Heimrennen in Garmisch-Partenkirchen am Wochenende wird somit schon ein erster Härtetest für ihn. Die Erwartungshaltung bei Fans und in den Medien ist nun viel extremer. Damit muss er erstmal klarkommen. Und die Konkurrenz hat ihn jetzt auch auf dem Schirm.

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