Der deutsche Wintersport steht vor einer schwierigen Zukunft
Der deutsche Wintersport steht vor einer schwierigen Zukunft © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/SPORT1
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München - Wintersport-Weltcups kämpfen mit Corona und dem Klima. SPORT1 spricht mit Vertretern aus Oberhof, Ruhpolding und Dresden über die Zukunft des Wintersports in Deutschland.

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Deutschland gilt als große Wintersport-Nation und wird von Fans in ganz Europa für seine stimmungsvollen Weltcups geschätzt.

Sogar Skandinavier, bei denen der Wintersport große Tradition hat und die mit dem Holmenkollen sowie Lillehammer legendäre Wintersport-Stätten aufweisen können, reisen mit Vorliebe zu den Weltcups nach Deutschland, um in Oberhof, Ruhpolding, Dresden und Co. ihre Athleten anzufeuern.

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Doch aktuell kämpfen die Standorte mit einigen Problemen. Während Ruhpolding gar keinen Weltcup hat, muss Oberhof zwei ohne Fans stemmen. Dresden plante bis zuletzt mit 500 Fans in der Skiarena am Elbufer, ehe sich auch diese Hoffnung zerschlug. Vorwürfe von Klimaschützern kommen erschwerend hinzu.

Bei SPORT1 sprechen Verantwortliche der Weltcups vor dem Biathlon- und Langlauf-Auftakt über ihre schwierige Lage und erklären, ob die Corona-Pandemie und Klimaveränderungen sogar die Zukunft der Wintersport-Weltcups in Deutschland gefährden.

Ruhpolding: World Team Challenge statt Weltcup

Am schlimmsten erwischt hat es vermeintlich Ruhpolding. Der Biathlon-Weltcup in der Chiemgau Arena fällt in dieser Saison aus, da der Biathlon-Weltverband IBU die Reisetätigkeit minimieren will. Da in Oberhof 2023 die WM steigt, war schnell klar, dass dort beide deutsche Weltcups stattfinden werden.

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Das sei schmerzhaft, da Biathlon laut Ruhpoldings Bürgermeister und OK-Chef Justus Pfeifer "Teil unserer Identität ist". Doch im Gespräch mit SPORT1 sagte er auch: "Aufgrund der Corona-Pandemie hätten wir ohne Zuschauer geplant - insofern wäre es ein finanzielles Verlustgeschäft gewesen."

Dass die Biathlon-Stars für die World Team Challenge am 28. Dezember nun trotzdem nach Ruhpolding kommen, freut Pfeifer, zumal es sich finanziell lohnt: "Wir als Gemeinde vermieten nur die Anlage an den Veranstalter. Daher haben wir unsere Stadionmiete, die wir für den einen Tag verlangen."

Justus Pfeifer, Erster Bürgermeister
Justus Pfeifer, Erster Bürgermeister in Ruhpolding und OK-Chef © Ruhpolding Rathaus

Beim Weltcup wären dagegen die Fixkosten für die Wachs-Container, Verpflegung der Athleten und ganze Infrastruktur bei der Gemeinde hängengeblieben. Ohne Zuschauereinnahmen ist Pfeifer daher aus finanzieller Sicht mit Blick auf Oberhof froh, "dass dieser Kelch an uns vorübergegangen ist".

Oberhof plant mit zwei Weltcups

In Oberhof ist sich OK-Chef Thomas Grellmann vor den Weltcups von 7. bis 17. Januar der schwierigen Situation bewusst. "Wenn man die reinen Zahlen betrachtet, ist aus der Veranstaltung selbst ein Defizit zu erwarten", sagte Grellmann im Gespräch mit SPORT1.

Doch trotz der fehlenden Zuschauereinnahmen wäre ein Weltcup-Verzicht für ihn fatal gewesen: "Mit Blick auf die WM ist die Durchführung notwendig. Zudem will Oberhof nach der Kritik bezüglich des Schnees und der Streckenpräparation beim letzten Weltcup zeigen, dass man es besser kann."

Thomas Grellmann, OK-Chef der Oberhofer Biathlon-Weltcups
Thomas Grellmann, OK-Chef der Oberhofer Biathlon-Weltcups © Privat

Neun Tage TV-Präsenz sieht er außerdem als ideale Möglichkeit an, um "die Region und das Land Thüringen medial zu bewerben". Und weiter: "Das ist ein Vorteil für den touristischen Standort, den man beachten muss. Rechnet man den Kartenwert dagegen, bewegt man sich immer noch in der Gewinnzone."

Vor allem, da die Kosten durch die recht frühe Absage von Fans reduziert wurden. "Diverse zusätzliche Kosten wie zusätzliche Tribünen oder große Flatscreens konnten so verhindert werden. Zudem wird es ohne VIPs und Ehrengäste auch kein VIP-Zelt geben", verriet Grellmann (Der Biathlon-Kalender für die Saison)

Auch Dresden ohne Fans

Für das City-Event in Dresden am 19. und 20. Dezember hatte man dagegen bis zuletzt mit 500 Fans pro Renntag geplant. Die Verlängerung des "Lockdown light" machte dem Vorhaben jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Daniela Möckel. Head of Media beim Dresdner City-Event
Daniela Möckel, Pressechefin beim Dresdner City-Event © DailySkier

Pressesprecherin Daniela Möckel bedauert bei SPORT1 dies, hat aber Verständnis für die Entscheidung der Regierung in der sehr dynamischen Situation: "Wir arbeiten jetzt an Lösungen, die Ränge der Skiarena dennoch bunt zu gestalten und damit zu zeigen, wie sportbegeistert und weltoffen Dresden ist."

Zumindest bringt der neue Termin einen großen Vorteil mit sich. "Wir bilden so die Generalprobe für die Tour de Ski. Alle großen Nationen haben gemeldet", freut sich Möckel.

Schneemangel durch Klimaerwärmung

Ein großes Thema bei den Weltcups in Deutschland ist neben der Corona-Pandemie die Klimaerwärmung. Gerade Dresden hatte mit Protesten von Klimaschützern zu kämpfen, nachdem zur Premiere 2018 Schnee aus dem 120 Kilometer entfernten Erzgebirge besorgt werden musste.

Doch daraus habe man gelernt, versichert Möckel: "Unser Schnee für die nur 650m lange Strecke gewinnen wir aus Regenwasser, was im Dach des Dresdner Flughafens aufgefangen wird. Das Regenwasser dort wird mit Ökostrom in der Snow Factory zusammengebracht, so entsteht unser Schnee."

In Oberhof hat man sich ebenfalls die Kritik nach dem vergangenen Weltcup zu Herzen genommen, als Schnee quer durch Deutschland nach Oberhof gefahren werden. "Es wurde massiv in die Umbauarbeiten eingegriffen, um das Thema Schnee-Erzeugung und -Management künftig besser in den Griff zu bekommen", sagte Grellmann.

Auch in Ruhpolding gibt es ein Schneedepot, was aber allein wohl nicht reicht. "Wir sind dabei, die Wasserkraft zu nutzen", erklärt Pfeifer Ruhpoldings neuesten Plan. Schnee von Gletschern oder Standorten durch die Republik zu fahren, hält er "für den falschen Weg".

Ruhpolding freut sich über IBU-Lob

Dennoch stellt sich die Frage, ob die Wintersport-Weltcups auf Dauer finanzierbar bleiben. Für Ruhpolding sieht Pfeifer erst einmal keine Gefahr, nachdem sowohl "vom DSV als auch von der IBU in der Web-Konferenz nach der Absage klargestellt wurde, dass Ruhpolding ein verlässlicher Partner für die nächsten Jahre ist".

Doch sollte die Corona-Pandemie länger anhalten, fordert er Änderungen: "Wenn man sich Österreich oder Italien anschaut, konnten einige Weltcup-Orte in diesem Jahr leichter damit umgehen, da vom TV zum Veranstalter mehr Geld fließt als bei uns. In Deutschland ist es ein strukturelles Problem, an dem gearbeitet werden muss."

Für Pfeifer steht deshalb fest: "Ein Jahr kann überstanden werden - dauert es länger, würden der DSV und die Austragungsorte in ihren Grundpfeilern erschüttert werden und sich Gedanken über das Weitergeben von TV-Geldern und Werbeeinnahmen machen müssen."

Grellmann macht sich ebenfalls "große Sorgen um den Wintersport". Eine dauerhafte Pandemie-Situation hätte aber überall im Leistungssport "dramatische Folgen": "Das würden selbst die Profi-Fußballklubs bis auf zwei, drei Ausnahmen nicht durchhalten. Sportevents wären unter dauerhaften Pandemie-Bedingungen nicht finanzierbar."

Zukunft des Dresdner City-Events offen

Ob der Weltcup in Dresden noch eine längerfristige Zukunft hat, ist offen (Der Skilanglauf-Kalender der Saison 20/21).

"Nach dem Weltcup im Dezember 2021 endet die Absprache mit Stadt und Land hinsichtlich der Finanzierung", erklärt Möckel, die City-Events essenziell für den Wintersport hält: "Auch die FIS drängt, in die Städte zu kommen, um den Sport an die Menschen zu bringen."

In Dresden finden Weltcups im Langlauf statt
In Dresden finden Weltcups im Langlauf statt © Imago

City-Events sind für die Pressechefin aufgrund des Schneemangels in Deutschland eine gute Gelegenheit, um den Sport an den Nachwuchs zu bringen: "Den Kindern, die nicht in Nähe der Alpen oder sonstigen Schnee-Regionen aufgewachsen sind, fehlt die Nähe zum Schnee und damit dem Sport."

Für Möckel sind aber auch die Weltcups gefordert, um Kinder für den Wintersport zu begeistern. In Dresden wird die Strecke daher nach dem Weltcup für Schul-, Nachwuchssport und die Allgemeinheit benutzt: "In der Dresdner Skiwoche gibt sogar Tobias Angerer (zweimaliger Langlauf-Gesamtweltcupsieger, Anm. d. Red.) den Skilehrer für die Kinder."

Pfeifer sorgt sich um Nachwuchs

Ein Nachwuchsproblem könnte laut Pfeifer auch drohen, da große Anteile der Kosten für die Anlagen im Nachwuchs-Leistungssport an den Gemeinden hängen bleiben. Pfeifer nennt als Beispiel Ruhpoldings Skisprunganlage, auf der Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler das Skispringen lernten und die nach einer Schnee-Katastrophe zum Totalschaden geworden ist.

"Ich kann meinen Bürgern nicht vermitteln, dass drei der sechs Millionen von 7.000 Steuer-Zahlern getragen werden müssen. Wenn Anlagen wie diese peu à peu verfallen, werden wir nicht mehr die Breite im Sport sehen, sondern Einzelstandorte, die herausragen. In der Fläche wird der Sport und auch die Nachwuchsförderung verloren gehen."

Corona-Pandemie, Schneemangel und Nachwuchsprobleme - dem Deutschen Skiverband und den Verantwortlichen der Wintersport-Weltcups steht eine große Aufgabe bevor, wenn Deutschland weiter eine große Wintersport-Nation bleiben will.