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München - Neben MVP Leon Draisaitl ist auch Tim Stützle in der NHL auf dem Weg zum "Franchise Player". SPORT1-Experte Rick Goldmann erklärt die deutschen Phänomene.

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Es gibt Athleten, die solche Ausnahmeerscheinungen sind, dass sie die Wahrnehmung einer Sportart für Jahrzehnte prägen.

Boris Becker war ein solches Phänomen im deutschen Tennis, Dirk Nowitzki im deutschen Basketball, Leon Draisaitl, der erste deutsche MVP in der NHL, schien es für das deutsche Eishockey zu sein.

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Bei Draisaitl muss man mit dieser Einschätzung mittlerweile etwas vorsichtiger sein. Nicht, weil der 25-Jährige selbst nachgelassen hätte - im Gegenteil. Allerdings reift in der NHL gerade noch ein zweiter deutscher Top-Spieler heran, dem ähnliches Potenzial attestiert wird: Der 19 Jahre alte Tim Stützle, von den Ottawa Senators wie Draisaitl an Position 3 gedraftet, hat sich bei dem kanadischen Team noch schneller als Leistungsträger etabliert als Draisaitl es in seiner ersten Saison bei den Edmonton Oilers geschafft hatte.

Wie ist es dazu gekommen, dass das deutsche Eishockey innerhalb kurzer Zeit gleich zwei "Franchise Players" hervorgebracht hat? Und kann Stützle - heute gegen die Calgary Flames im Einsatz (ab 22 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) - Draisaitl langfristig sogar übertrumpfen? SPORT1-Experte Rick Goldmann ordnet die bemerkenswerte Entwicklung ein - die er keineswegs für einen Zufall hält.

Deutsche Welle in der NHL kein Zufall

"Die deutsche Nachwuchs-Ausbildung hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich verbessert", sagt der langjährige DEL-Verteidiger, der 1996 selbst von den Ottawa Senators gedraftet worden war. Bei den deutschen Teams hat sich nach Einschätzung des 45-Jährigen ein größeres Bewusstsein entwickelt, "dass junge deutsche Spieler Qualität haben können". Und auch auf der anderen Seite des Atlantiks seien die Sinne geschärft.

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"Bei den Trainern in Nordamerika ist durch Leon Draisaitl, Tim Stützle, Moritz Seider oder beispielsweise Philipp Grubauer die Aufmerksamkeit für deutsche Spieler noch größer geworden", meint Goldmann: Generell werde das deutsche Eishockey "international auch wegen der Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft und dem Gewinn der olympischen Silbermedaille anders wahrgenommen". (Ausgewählte Spiele der NHL LIVE im Free-TV auf SPORT1)

Eine entscheidende Rolle spiele aber auch der Ehrgeiz von Spielern wie Stützle: "Die deutschen Topleute haben einen höheren Anspruch an sich selbst: Für die war frühzeitig klar, dass es in die NHL geht, dem haben sie alles untergeordnet. Wenn dein Weg so vorgezeichnet ist, wirst du dadurch auch mental anders geprägt." (Tim Stützle verrät im SPORT1-Interview kuriose Rituale)

Die NHL LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVESTREAM

Goldmann findet Tim Stützle "unglaublich"

Gerade in Sachen Mentalität sei der frühere Mannheimer Jungadler Stützle herausragend - und wie Draisaitl kein Spieler, wie ihn Eishockey-Deutschland alle paar Jahre produzieren könne: "Er hat einen unbändigen Willen, große mentale Stärke und ist geil auf den Wettbewerb." Hinzu komme "ein unglaubliches Offensivverständnis mit den entsprechenden technischen Fähigkeiten". Der Linkshänder spiele "unglaubliche Pässe, das alles in einer enormen Geschwindigkeit und das gepaart mit viel Selbstvertrauen."

Mit Blick darauf, dass Stützle bei Ottawa gleich in der ersten Saison Schlüsselfigur ist - anders als Draisaitl es zu diesem Zeitpunkt in Edmonton war - warnt Goldmann allerdings vor einer Überinterpretation.

"Man darf Franchises und ihre jeweiligen Situationen nicht miteinander vergleichen, dafür sind Situationen, Philosophien und Pläne oftmals zu unterschiedlich", hält er fest: "Ottawa ist eine sehr junge Mannschaft und befindet sich in einem Riesenumbruch. Die Youngster kriegen daher bewusst viel Eiszeit, und Tim nutzt diese Situation." Ottawa sei für ihn "genau die richtige Adresse zum richtigen Zeitpunkt". Und: "Vielleicht stellt sich mit diesem jungen Team in den nächsten drei, vier Jahren denn dann auch Erfolg ein." (Ergebnisse und Spielplan der NHL)

Leon Draisaitl "noch kompletter"

Wird Stützle so gut wie Draisaitl, vielleicht sogar besser? Das hänge von vielen Faktoren ab, allerdings sei schon jetzt festzuhalten: "Der Umgang mit der Scheibe ist sowohl bei Stützle als auch Draisaitl von ihren Anlagen her gleich hoch ausgeprägt. Genauso die technischen Fähigkeiten und das Spielverständnis. Doch natürlich ist Leon da auf einem höheren Niveau, wenngleich Stützle Wahnsinns-Potenzial hat."

Wobei auch Draisaitl sein Niveau zuletzt noch einmal gesteigert hätte: "Er hat mit seinem Spiel noch mal eins draufgesetzt, weil er noch mehr Verantwortung übernimmt, noch kompletter spielt. Er hat allein eine Reihe erfolgreich geführt, steht für ein überragendes Überzahlspiel. Es ist immer gefährlich, wenn er auf dem Eis steht."

Draisaitl sei an einem Punkt, an dem er eigentlich nur noch "Nuancen" verbessern könnte: "So wie Draisaitl jetzt spielt, ist er schon wahnsinnig komplett, mit einem offensiven Drive und einem Biss, etwas erreichen zu wollen, der noch größer geworden ist."