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München - In der NFL wird das Thema Gleichberechtigung und Vielfalt vor dem Super Bowl heiß diskutiert. Fortschritte sind zu erkennen, doch es gibt noch viele Probleme.

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Es ist das größte Einzelsport-Ereignis der Welt. Der Super Bowl lockt jährlich fast eine Milliarde Menschen vor die Fernsehgeräte. (NFL: Super Bowl LV Tampa Bay Buccaneers - Kansas City Chiefs mit Tom Brady gegen Patrick Mahomes, Montag 0.30 Uhr im LIVETICKER)

Kein Wunder also, dass die NFL die am stärksten in der amerikanischen Gesellschaft verankerte Sportliga des Landes ist. Was immer dort passiert, hat deshalb eine enorme Bedeutung. 

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Seitdem das Land durch den Tod von George Floyd im Mai aufgerüttelt worden ist und Sportler aus allen Bereichen deutlich wie nie Stellung gegen Rassismus bezogen haben, ist das Verhalten der NFL zudem verstärkt in den Fokus gerückt.

In der NBA gehen die Teams, Schiedsrichter und Trainer vor jeder Begegnung während der Hymne geschlossen auf ein Knie. Von dieser Einigkeit war die NFL ein großes Stück entfernt. Manche Teams blieben für die Hymnen in der Kabine.

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Viele Spieler knieten, viele standen. In einigen Stadien trafen sich beide Mannschaften zu gemeinsamen Aktionen vor dem Anpfiff, die Seattle Seahawks und die Atlanta Falcons knieten nach dem Kickoff für einige Sekunden.

Gemeinsam haben alle Stadien in den Endzonen die Slogans "End Racism" (Beendet Rassismus) und "It takes all of us" (Es braucht uns alle) - und zeigten zudem ein Video. 

Kaepernick-Kumpel Reid: "NFL bestenfalls halbherzig"

Eric Reid äußerte sich dennoch kritisch zur NFL: "Was die NFL macht, ist bestenfalls halbherzig. Sie nutzt eine unaufrichtige PR und setzt gleichzeitig die systematische Unterdrückung fort."

Der Verteidiger hatte Colin Kaepernick - er ging während der Nationalhymne auf ein Knie, anstatt wie üblich im Stehen die Hand auf die Brust zu legen - in dessen Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze unterstützt.

Nun ist Reid ist wie sein Ex-Teamkollege ohne Vertrag. Dass Szenen von Kaepernicks Protest in dem Video auftauchen, aber noch immer kein Team bereit ist, dem inzwischen 33-Jährigen einen Vertrag zu geben, verärgerte Reid.

Kaepernick wiederum kritisierte, dass sein Freund trotz einer starken vergangenen Saison keine neues Team gefunden hat. (Ergebnisse und Spielplan der NFL)

Dabei steht in der NFL das Thema Gleichberechtigung und Vielfalt schon seit vielen Jahren auf der Tagesordnung. Immer wieder weist die Liga auf Probleme in diesem Bereich hin. Doch das alleine genügt nicht.

Neue Regeln für Trainer-Positionen

Immerhin hat die NFL seit dem letzten Frühjahr  mehrere Maßnahmen ergriffen, um die Chancen für bisher Benachteiligte zu verbessern.

Dazu gehören die Verschärfung der Anforderungen an Vorstellungsgespräche für Kandidaten aus Minderheitengruppen und die Einführung einer neuen Regel, die ein Team belohnt, das einen Kandidaten aus einer Minderheitengruppe entwickelt, der von einer anderen Franchise als Head Coach oder General Manager eingestellt wird.

Fakt ist, dass drei Franchises schwarze General Manager eingestellt haben, nachdem es in der Vorsaison nur zwei gewesen sind. Aber: Nur zwei von sieben Head-Coach-Stellen gingen an Kandidaten, die einer Minderheit angehören.

In einer Liga mit rund 70 Prozent schwarzen Spielern blieb die Zahl der schwarzen Head-Coaches nach der Entlassung von Los Angeles Chargers-Coach Anthony Lynn und der Einstellung des langjährigen Assistenten David Culley durch die Houston Texans bei drei.

Vier afroamerikanische Assistant Coaches beim Super Bowl

Rod Graves, der Geschäftsführer der Fritz Pollard Alliance für Gleichberechtigung in der NFL, zeigte sich "enttäuscht", dass nicht mehr schwarze Cheftrainer eingestellt wurden.

DeMaurice Smith, der Geschäftsführer der NFL Players Association, betonte zuletzt: "Ich bin ein schwarzer Mann in Amerika, der im Football in einer Gewerkschaft arbeitet. Und hin und wieder kratzt man sich in diesem Job tatsächlich immer noch am Kopf, wenn man sich rechtfertigen muss, dass man überhaupt am Tisch sitzt. Das ist einfach real."

Eric Bieniemy, der Offensive Koordinator der Kansas City Chiefs, wird am Sonntag in Tampa zum zweiten Mal in Folge im Super Bowl coachen. Der 51-Jährige ist einer von vier afroamerikanischen Assistent Coaches, die dieses Jahr beim Super Bowl dabei sein werden.

Bei den Tampa Bay Buccaneers stehen mit Byron Leftwich in der Offense, Todd Bowles in der Defense und Keith Armstrong in den Special Teams drei schwarze Koordinatoren an der Seite, die für Coach Bruce Arians arbeiten.

"Wenn alles gesagt und getan ist, warum müssen wir immer wieder über die Hautfarbe dieser bestimmten Koordinatoren sprechen?" fragte Bieniemy zuletzt: "Das zeigt einfach, dass es großartige Trainer in dieser Liga gibt und viele weitere müssen die gleichen Chancen erhalten."

Bieniemy ist eine der Schlüsselfiguren hinter der furiosen Chiefs-Offense. Doch auch für die kommende Saison erhielt er keinen Posten als hauptverantwortlicher Coach. Mehrere Teams führten Gespräche mit Bieniemy, entschieden sich aber letztlich gegen ihn.

NFL-Legende Belichick distanziert sich von Trump

Einige Fortschritte sind dennoch zu erkennen: NFL-Legende Bill Belichick verzichtete kürzlich auf eine Auszeichnung durch Donald Trump. Der Ex-Präsident wollte dem langjährigen Coach der New England Patriots die "Presidential Medal of Freedom" überreichen.

Belichick begründete seine Aktion mit dem Sturm des Kapitols durch Trumps Anhänger, die dieser mit seinem Verhalten angestachelt hatte.

Im Wahlkampf 2016 hatte Belichick indes Trump noch unterstützt. Dessen persönliche Verbindungen zu den Patriots entstanden auch durch eine langjährige Freundschaft mit Franchise-Besitzer Robert Kraft.

Diese drückte sich auch nach dem Super-Bowl-Triumph 2017 aus, nach dem Kraft Trump beim Empfang im Weißen Haus einen extra für ihn angefertigten Super-Bowl-Ring schenkte, in den die doppeldeutigen Botschaften "We are all Patriots" und "greatest comeback ever" eingraviert worden waren. Doch neben Kraft distanzierten sich zuletzt auch andere Owner von Trump.

Erstmals Schiedsrichterin beim Super Bowl

Auch Frauen sind in der NFL noch immer die Minderheit. In Sachen Erhöhung der Quote wurden jüngst wenigstens einige Meilensteine erreicht.

Nachdem Katie Sowers im Vorjahr als erste weibliche Trainerin bei den San Francisco 49ers in einem Finale an der Seitenlinie stand, sind es mit Lori Locust und Maral Javadifar auf Seiten der Tampa Bay Buccaneers jetzt gleich zwei.

Zudem leitet mit Sarah Thomas erstmals eine Schiedsrichterin den Super Bowl, auch wenn sie "nur" als "Down Judge" tätig sein wird (für den Forward Progress auf seiner Spielseite verantwortlich). 

Die 47-Jährige schreibt damit erneut Geschichte. 2015 war sie bereits die erste Vollzeitschiedsrichterin der NFL. Sie ist bis dato auch die einzige. (Tabellen der NFL)

"Egal, ob Frau oder Mann: Mache etwas, weil du es liebst, nicht um jemandem etwas zu beweisen oder Beachtung dafür zu finden. Lass dich nicht durch dein Geschlecht, deine Rasse oder was auch immer von etwas abhalten, das du liebst", sagte Thomas.

Pionierin bei Washington Football Team

Bei der Partie des Washington Football Teams gegen die Cleveland Browns im September war Thomas ebenso im Einsatz wie Callie Brownson (Browns) und Jennifer King (FT). Es war das erste Spiel, bei dem auf beiden Seiten Trainerinnen standen und zugleich eine Schiedsrichterin im Einsatz war.

Außerdem trafen in der ersten Playoff-Runde mit den Tampa-Trainerinnen und Washingtons King auch erstmals in der NFL-Postseason-Geschichte Frauen an den Seitenlinien aufeinander. King schied zwar mit ihrem Football-Team aus, schrieb aber nur wenige Wochen später selbst Geschichte.

Denn die bisherige Praktikantin wurde für die kommende Saison zur Assistenztrainerin der Offense befördert. Die 36-Jährige ist damit die erste fest angestellte Afroamerikanerin in einem Coaching Staff der NFL.

Frauen in der NFL als Weg zur Siegerkultur?

Anschließend meinte King im Hinblick auf die diesjährigen Playoff-Teams, dass NFL-Coaches, die sich Frauen in der NFL nicht verschließen würden, auch langfristig mehr Erfolg hätten: "Es ist kein Zufall, dass diese Teams eine Siegerkultur entwickelt haben." 

Die NFL hat trotz dieser positiven Entwicklungen noch einen langen Weg vor sich, bis ihr jeder den vereinten Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten abnimmt.

Dass sie die Macht und Reichweite hätte, in den Köpfen vieler Amerikaner zumindest einen Prozess anzustoßen, ist jedoch unbestritten.