© SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Getty Images
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München - Der Film "Concussion" facht das Thema Gehirnerschütterungen, ihre Folgen und den Umgang der Liga mit dem Thema neu an. Spieler fühlen sich verraten. Es geht auch um Geld.

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Das - im wahrsten Sinne des Wortes - Totschweigen ist Geschichte.

Die NFL hat zwar inzwischen nach Jahren der Inaktivität ihr Schneckenhaus verlassen, aber Hirnschädigungen sind die wichtigste Problematik, der die Liga ihre Aufmerksamkeit widmen muss - und nicht Luftdruck in den Bällen.

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Nicht zuletzt durch den Hollywoodfilm "Concussion", der unter dem Titel "Erschütternde Wahrheit" am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, erreicht das Thema eine breite Öffentlichkeit.

NFL-Stars reagieren emotional auf "Concussion"

In den USA lief der Streifen mit Superstar Will Smith zwar mäßig, die potenziellen Folgen von Gehirnerschütterungen rütteln dennoch nun die NFL-Profis auf.

"Wir ermuntern die Spieler, sich den Film anzuschauen - vor allem als Lektion über die nicht so weit zurückliegende Ligageschichte im Hinblick auf Gesundheit und Schutz der Spieler", sagte George Atallah von der Spielergewerkschaft (NFLPA).

Viele Athleten reagierten sehr emotional. "Es ist ein wichtiger Film für alle im Football-Geschäft. Wir wissen, dass wir mehr tun müssen", twitterte beispielsweise Ex-Quarterback Kurt Warner.

CTE weit verbreitet

In dem Film geht es um den realen Fall Mike Webster (Pittsburgh Steelers), bei dessen Obduktion der Arzt Bennet Omalu (gespielt von Smith) 2002 die sogenannte chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) erstmals diagnostizierte. Dieses Leiden entsteht durch schwere Hirntraumata.

Neben Webster wurde CTE inzwischen bei etwa 100 verstorbenen Spielern wie Junior Seau oder Chris Henry nachgewiesen. Wie viele aktuelle und ehemalige Profis damit leben, ist unklar, denn bisher kann die Erkrankung nur nach dem Tod anhand abgestorbener Nervenzellen diagnostiziert werden.

Die Folge sind häufig schwere Depressionen, die wie bei Seau zum Selbstmord führen können, oder Demenz. Über mögliche Zusammenhänge mit Gewalttaten wird von diversen Instituten bereits geforscht.

Immer mehr Gehirnerschütterungen

Der Film thematisiert auch den unrühmlichen Umgang der NFL mit dem Thema. Die heute zum Standard gehörenden Tests auf Gehirnerschütterungen beschränkten sich zu jener Zeit hauptsächlich auf die Frage "Wie viele Finger halte ich nach oben?".

Entsprechend überrascht der rasante Anstieg der diagnostizierten Gehirnerschütterungen in der Saison 2015 (271, 2014: 202) nicht - schließlich wurden zweimal so viele Spieler getestet.

Früher undenkbar: immer mehr Spieler verlangen den Test nach einer Kollision. Sie haben schlicht Angst vor den Folgen. 2014 beendete der damals 24-jährige Linebacker Chris Borland deshalb seine Karriere.

"Nachdem ich das alles weiß, fühle ich mich betrogen. Da wurde sogar von Liga-Medizinern versucht, die Ergebnisse zu diskreditieren", schrieb D'Brickashaw Ferguson (New York Jets) in einem Essay in der Sports Illustrated.

NFL zum Handeln gezwungen

Die fast schon krankhaft auf ihr Image bedachte Liga äußert sich eher schmallippig. "Wir konzentrieren uns nicht auf einen Film, sondern auf Fortschritte bei diesem Thema. Bezüglich Regeländerungen und Forschung haben wir schon viel erreicht", sagte Commissioner Roger Goodell im Dezember.

Mittlerweile ist der Führungsspitze klar, dass ihre jährlichen Rekordumsätze auf dem Spiel stehen. Immer mehr Eltern verbieten ihren Jungs Football, im April 2015 wurde nach einer Sammelklage von Ex-Spielern bereits ein Vergleich über 800 Millionen Dollar geschlossen.

Das über Jahrzehnte transportierte Bild des unzerstörbaren Kriegers wird inzwischen nicht mehr so offensiv verkauft, aber ein komplettes Umdenken hat noch nicht stattgefunden.

Training ohne Helme

Unlängst verweigerte die NFL einem unabhängigen Forschungsprojekt zugesagte Förderung, weil die Leitung ein in der Vergangenheit ligakritischer Mediziner hat. Stattdessen wird jetzt mit der US-Armee an Lösungen gearbeitet.

92 der 182 während Saisonspielen 2015 erlittenen Gehirnerschütterungen stammten übrigens von inzwischen illegalen Helm-zu-Helm-Kollisionen.

Deshalb führte die Universität von New Hampshire jetzt Trainings ohne Helm ein, um dem Risiko vorzubeugen und den Spielern eine andere Art des Tacklings beizubringen.

Die Balance zwischen Spektakel und Profit bei optimaler Sicherheit der Spieler zu finden, ist die große Herausforderung der NFL.