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München - Ex-Teamkollege Horace Grant stellt die Dokumentation über Michael Jordan in ein schlechtes Licht. Die NBA-Legende muss sich schwere Vorwürfe anhören lassen.

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Die Dokumentation "The Last Dance" über die Karriere von Michael Jordan wird weltweit gelobt und abgefeiert - dennoch gibt es auch kritische Töne.

Jordans früherer Teamkollege Horace Grant hat nun einige Aussagen des Superstars heftig kritisiert und selbst die Bezeichnung "Dokumentation" in Frage gestellt.

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Vor allem die Wiederholung der Vorwürfe, dass Grant beim 1992 erschienenen Enthüllungsbuch "The Jordan Rules" von Sam Smith als Whistleblower fungiert und dem Journalisten geheime Details über Jordan zugesteckt haben soll, sorgte bei diesem für Ärger.

"Dazu habe ich nicht beigetragen", sagte Jordan in der Doku. "Das war Horace. Er erzählte alles, was in der Gruppe vor sich ging."

Grant und Jordan waren von 1987 bis 1993 Teamkollegen bei den Chicago Bulls, gemeinsam erreichten sie den ersten Threepeat der Bulls (1991-1993).

Jordan "wird versuchen, deinen Charakter zu zerstören"

Schon als das kontroverse Buch, das die Hintergründe des ersten Titelgewinns 1991 beleuchtete, und eine unbekannte negative Seite Jordans beleuchtete, herauskam, bezeichnete MJ Grant als Spitzel. Grant dementierte die Vorwürfe stets und schoss nun zurück.

"Lügen, Lügen, Lügen...wenn MJ wegen mir grollt, können wir das wie Männer lösen. Sprechen wir darüber oder verarbeiten wir es auf anderem Wege", sagte der frühere Forward in der Radioshow ESPN 1000. "Aber immer noch erzählt er diese Lüge, dass ich die Quelle (hinter dem Buch, Anm. d. Red.) war. Sam (Herausgeber Sam Smith) und ich waren immer gute Freunde. (…) Aber ich würde nie etwas Persönliches aus der Umkleide erzählen. Sam Smith war ein Enthüllungsjournalist. Er muss also zwei Quellen haben, um ein Buch zu schreiben, denke ich. Warum zieht MJ mich raus?"

Der Grund sei lediglich Jordans Ärger auf Grant. "Und ich denke, das zeigt er in dieser sogenannten Dokumentation. Wenn du etwas über ihn sagst, schneidet er dir das Wort ab und wird versuchen, deinen Charakter zu zerstören."

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Dass einige der im Buch enthüllten Geschichten über Jordan von Grant stammen, ist anzunehmen, konnte aber nie belegt werden. Beim Threepeat fungierte der Forward als drittwichtigster Spieler der Bulls hinter Jordan und Scottie Pippen, bekam jedoch nie den gleichen Ruhm ab wie das Duo.

Der heute 54-Jährige wechselte außerdem 1994 zu den Orlando Magic, das mit Penny Hardaway, Shaquille O'Neal und Nick Anderson als Team der Zukunft galt. Bei Jordans Comeback nach dem Baseball-Intermezzo setzte es 1995 auch das Playoff-Aus gegen die Magic, ein Jahr darauf gewannen die Bulls jedoch das Duell gegen Orlando deutlich mit einem 4:0-Sweep.

Anschließend zerbrachen die Magic, O'Neal schloss sich den Los Angeles Lakers an und Grant musste bis 2001 auf seinen vierten NBA-Titel (bei den Lakers) warten.

Grant: Jordan ein Spitzel

Jordans früherer Teamkollege regte sich auch darüber auf, dass Jordan in der ESPN-Doku erzählte, dass er in seiner Rookie-Saison einen Mitspieler in einem Raum mit "Koks, Gras und Prostituierten" gefunden habe. Damit wollte er belegen, dass einige Spieler in seiner Anfangszeit Basketball nicht ernst genommen haben.

"Mein Punkt ist: Warum zur Hölle erzählt er das jetzt? Was hat das mit irgendetwas zu tun? Wenn du jemanden einen Spitzel nennen willst, dann ist genau er ein verdammter Spitzel", schimpfte Grant.

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Die Jordan-Doku habe einige Spieler in einem falschen Licht dargestellt, in deren Zitaten sei stets das Positive an Jordans Führungsstil betont worden. Er selbst habe ihm jedoch wie einige Mitspieler auch Kontra gegeben, was im Film nicht aufgegriffen wurde. Vielmehr tue es ihm für die Spieler leid, die von Jordan schlecht dargestellt wurden – damit habe er eine Grenze überschritten.

Das ist so aber nicht ganz richtig. Steve Kerr, Toni Kukoc oder Scott Burrell äußern sich durchaus zu Jordans sehr hartem Umgang mit Teamkollegen.

Grant bestätigte auch eine von Journalist Smith vor einem Monat öffentlich gemachte Erzählung, dass Jordan einst durchsetzte, dass Grant beim Rückflug von einem Spiel kein Essen gebracht werde, da seine Leistung Jordan nicht gefallen habe.

"Ja, das ist wahr, dass er mit dem Flugbegleiter gesprochen hat: 'Gib ihm nichts, weil er wie Dreck gespielt hat.' Dann bin ich direkt auf ihn zu gegangen, habe einige klare Worte gesagt, die ich hier nicht wiederholen werde. Aber ich habe ihm das gesagt und bin aufgestanden. 'Wenn du willst, komm und hol es dir.' Aber natürlich hat er sich nicht bewegt, er hat nur gebellt."

Letzter Kontakt vor drei Jahren

Grant erklärte auch, dass er letztmals vor drei Jahren mit Jordan Kontakt hatte, als sie sich Textnachrichten über Golf schrieben. Sollten sich beide begegnen, würden sie sich seiner Meinung nach respektvoll gegenüber verhalten. "Aber wenn das nicht so sein sollte, würde ich deshalb trotzdem ruhig einschlafen können", meinte der 54-Jährige.

Immer wieder bezeichnete Grant die zehnteilige Serie als "sogenannte Dokumentation".

Ob diese unabhängig von Jordans Meinung gedreht wurde, ist Gegenstand einiger Diskussionen. Die beiden ausführenden Produzenten Estee Portnoy und Curtis Polk sind zwei von Jordans engsten Vertrauten. Kritiker werfen dem 57-Jährigen vor, dass er das letzte Wort und die kreative Kontrolle über den Film hatte. Regisseur Jason Hehir dementierte dies bereits entschieden.

"Wenn diese sogenannte Dokumentation hauptsächlich über eine Person ist und er hat das letzte Wort darüber, was dort zu sehen ist... dann ist das keine Dokumentation", sagte Grant. "Es ist seine Erzählung, was in diesem 'Last Dance' passiert. Das ist keine Doku, weil viele Dinge rausgeschnitten wurden. Darum nenne ich sie eine sogenannte Dokumentation."

Erinnerungsstücke für Höchstpreise versteigert

Die zehnteilige ESPN-Serie endete nach fünf Wochen am vergangenen Sonntag, die letzten beiden Episoden fuhren mit 5,9 Millionen TV-Zuschauern in den USA eine starke Quote ein.

Auch die Preise für Erinnerungsstücke aus Jordans Karriere zogen deutlich an. Bei einer Versteigerung eines von "Air Jordan" getragenen Paar Sneakers aus dem Jahr 1985 kam am Sonntag die stolze Summe von 560.000 Dollar (517.000 Euro) beim Auktionshaus Sotheby's zusammen.