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München - Die Dokumentation "The Last Dance" über Michael Jordan beschreibt auch dessen innige Freundschaft zu Kobe Bryant. Diese haben die Alphatiere stets geheim gehalten.

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"Vielleicht werden die Leute überrascht sein, dass Kobe und ich sehr enge Freunde waren. Aber wir waren sehr enge Freunde."

Als Michael Jordan seine Rede bei der Trauerfeier für den im Januar bei einem Hubschrauberabsturz verstorbenen Kobe Bryant begann, merkten die Basketball-Fans und -Experten weltweit auf.

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Dass die beiden NBA-Legenden und Alphatiere privat innig befreundet waren, war bis dato weithin unbekannt - was von Bryant und Jordan auch bewusst so gewollt war. Beide verabscheuten die Vergleiche und Debatten der Fans zwischen ihnen und wollten diesen durch die Bekanntheit der engen Beziehung kein neues Futter liefern.

Jordan-Doku zeigt innige Freundschaft

"Jeder wollte sonst immer nur über die Vergleiche zwischen ihm und mir reden. Ich wollte einfach nur über Kobe reden", erklärte Jordan während der Trauerfeier und brach in Tränen aus. Zehn Minuten redete er anschließend vor den Gästen über die viel zu früh verstorbene Basketball-Ikone, ständig begleitet von einem Schwall an frischen Tränen, die sein Gesicht herunterliefen.

Die ESPN-Dokukumentation "The Last Dance" widmete die gesamte fünfte Folge der Freundschaft zwischen Bryant und Jordan, die sich selbst liebevoll "little brother" und "big brother" nannten. Jordans zehnteilige Doku geht in den USA derzeit durch die Decke, bei der Premiere Ende April knackte ESPN mit mehr als sechs Millionen sogar seinen Zuschauerrekord. Auch Bryant könnte einen Dokumentarfilm über seine Laufbahn bekommen.

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Den Startpunkt der Beziehung zwischen beiden bildete die letzte Saison Jordans bei den Chicago Bulls 1997/98. Bryant selbst spielte gerade sein zweites Jahr in der NBA, mit lediglich 19 Jahren hatte er in der damals von älteren Spielern dominierten Liga einen schweren Start hinter sich.

Aus einem Ärgernis wird Liebe

Der für die Los Angeles Lakers spielende Bryant wartete nach dem Duell mit den Bulls vor der Umkleide auf Jordan, um ihn auszufragen. Allerdings war Jordan stets der Spieler, der am längsten überhaupt im Locker Room brauchte.

Für Behandlungen, Studium seiner Spielstatistiken, Duschen und Umziehen benötigte "MJ" regelmäßig über eine Stunde - dennoch nahm sich Bryant die Zeit und ließ seine Teamkollegen im Mannschaftsbus warten, bis er mit Jordan gesprochen hatte.

Gemeinsam gingen die beiden auf dem Weg aus der Umkleide kleine Details an Bewegungen und Würfen durch, sprachen aber auch über die richtige Anordnung des persönlichen Kabinenschrankes oder die Wahl der Schuhe.

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"Er neigt aus welchen Gründen auch immer dazu, sich in andere Dinge einzumischen. Es war ein Ärgernis, wenn ich dieses Wort sagen darf. Aber aus diesem Ärgernis wurde mit der Zeit Liebe", erklärte Jordan in der Doku.

"Man kann nichts lernen, wenn man nicht fragt", meinte Bryant, als er für "The Last Dance" 2019 interviewt wurde. "Ich weiß, dass viele Spieler von ihm eingeschüchtert waren und ihn 'schwarzen Jesus' oder sowas genannt haben. Ich war nicht eingeschüchtert."

Bryant befragt Jordan sogar nachts

Als die "Black Mamba" nicht aufhörte, Jordan auszufragen und seine Tipps zäh und ausdauernd umzusetzen versuchte, machte die häufig als unnahbar bezeichnete NBA-Legende etwas, das sie normalerweise nicht tut. Er gab Bryant seine Telefonnummer.

"Er hat mich immer angerufen oder mir geschrieben. Um 11.30 Uhr, 2.30 Uhr, 3 Uhr am Morgen. Zuerst war es ein Ärgernis, aber dann wurde es zu einer gewissen Leidenschaft. Dieses Kind hatte eine Leidenschaft, wie man sie nie kennen würde", meinte Jordan.

MJ beeindruckten der Enthusiasmus und die Energie des Jungstars, er wollte ihm die Chance zum Durchstarten in der NBA ermöglichen.

Das nächste Kapitel in der Freundschaft der beiden begann 2001, als Jordan aus dem Karriereende zurückkehrte und für die Washington Wizards auflief. Wieder begegneten sich die beiden nach dem Spiel, diesmal suchte jedoch Jordan die Kabine von Bryant auf, der mittlerweile als Anführer der Lakers agierte.

"Es war eine unglaubliche Hilfe"

Bryant hatte erneut Fragen an die alternde Legende, die mittlerweile eher als Elder Statesman auftrat. Er fragte ihn, wie man die Kabine auf seine Seite bekommen könne. "Wie geht man mit Teamkollegen um, denen die falschen Dinge wichtig sind? Teamkollegen, die nicht so physisch sind, nun aber gegen ein physisch agierendes Team spielen müssen. Wie bringt man sie auf Kurs?"

Jordan erklärte Bryant, dass er selbst als Anführer der entscheidende Mann sei. "Niemand wird in einigen Jahren sagen: 'Okay, ihr habt verloren, weil diese Person eine schlechte Einstellung hatte.' Niemand wird das sagen. Sie werden sagen, dass du es nicht geschafft hast, ihn hinzukriegen. Man muss durch die Hölle gehen."

Der Rat seines Mentors gab Bryant noch mehr Selbstvertrauen. "Es war eine unglaubliche Hilfe", bedankte er sich.

Im Lauf der Jahre stellte der "kleine Bruder" dem älteren nicht nur Fragen, sondern studierte ihn auch. Wie Jordan mit dem Alter zurecht kam, welche Fehler er machte, wie er sich nach dem Karriereende gab.

Großer Unterschied zwischen Bryant und Jordan

So engagierte Bryant 2007 den Personal Trainer Tim Grover, als seine Knie zu schmerzen begannen. Grover hatte Jordan nach seinem ersten Rücktritt auf das Comeback vorbereitet - und sah einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Megastars.

"Michael wusste, wann es genug war. Wann er sagen musste: 'Okay, ich gönne meinem Körper Ruhe, ich muss relaxen.' Mit Kobe war es das genaue Gegenteil. Wenn er nicht schlafen konnte, meinte er: 'Ich verschwende meine Zeit. Ich muss zum Training gehen und ein paar Würfe nehmen.'"

Michael Jordan weinte bei seiner Rede für Kobe Bryant hemmungslos
Michael Jordan weinte bei seiner Rede für Kobe Bryant hemmungslos © Getty Images

Als Bryants Karriereende näher rückte, wollte er sich erstmals von seinem Mentor unterscheiden. Ein Rücktritt vom Rücktritt kam nicht infrage, auch eine Rolle als Trainer oder Manager schloss er vorerst aus. Vielmehr wollte die Lakers-Legende sich ganz auf etwas Neues einlassen und nicht in Erinnerungen an seine Glanzzeit schwelgen.

"Denn ich will verdammt sein, wenn ich sinnlos in den Ruhestand gehe. Das wird mir nicht passieren", erklärte Bryant.

Michael Jordan bewundert Kobe Bryant

Als er sich von seinem Achillessehnenriss 2016 erholte, dachte Bryant intensiv über seine Zukunft nach und fragte Jordan um Rat. Er sprach mit Autorin Joanne K. Rowling ("Harry Potter"), Regisseur Darren Aronofsky ("Black Swan") und besuchte das Set von "Modern Family". Bryant sammelte Artkel über Film- oder TV-Projekte, dachte sich Charaktere für Kinderbücher aus und sammelte ständig neue Ideen, die er nach dem Karriereende aufnehmen konnte. Bryant überlegte sogar, die Produktion einer Dokumentation über Jordans letzte Saison zu übernehmen.

"Ich habe ihn bewundert", erklärte die Legende auf Bryants Trauerfeier im Februar. "Wegen seiner Leidenschaft. Man sieht selten jemanden, der sich jeden einzelnen Tag verbessern will. Nicht nur im Sport, sondern als Vater und Ehemann. Er hat mich durch sein Tun inspiriert und in dem, was er mit Vanessa (Bryants Witwe, Anm. d. Red.) und seinen Kindern geteilt hat."

Jordan stellte dar, dass er letztlich genau so viel von Bryant gelernt habe wie dieser von ihm.

"Ich kann es nicht erwarten, heimzukommen und meine Kinder zu umarmen und all die Liebe und das Lachen zu sehen, das sie uns Eltern geben. Er hat mir das beigebracht. Wenn ich mir anschaue, wie er auf die Menschen, die er tatsächlich liebt, reagiert und mit ihnen umgegangen ist. Das sind die Dinge, die wir weiterhin von Kobe Bryant lernen werden."