Dallas Mavericks v New York Knicks
Enes Kanter spielt seit 2017 für die New York Knicks in der NBA © Getty Images

NBA-Profi Enes Kanter spricht sich gegen die Türkei aus - Nun ist er staatenlos. In einem Interview erklärt er, wieso er weiterhin lautstark seine Meinung vertritt.

von Milena Belogortseva

Enes Kanter hat sich offen zu seinem schwierigen Verhältnis zur Türkei geäußert.

Im Mai 2017 wurde dem NBA-Spieler der New York Knicks, der in Zürich geboren wurde, die türkische Staatsbürgerschaft annulliert - weil er ein Kritiker des autoritären türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist. Seitdem hat auch sein Vater mit Problemen zu kämpfen. 

Kanters Vater Mehmet wurde in den vergangenen Monaten zweimal verhaftet.

Kanter: "Ich habe Angst"

"Natürlich habe ich Angst, mein Vater sitzt für 15 Jahre im Gefängnis. Allerdings hoffe ich, dass es kürzer sein wird. Ich glaube nicht, dass der Präsident so lange im Amt sein wird und hoffentlich wird er nicht so lange am Leben sein", sagte Kanter.

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Der aktuell staatenlose Basketballer, der 2017 von den Oklahoma City Thunder im Trade um Carmelo Anthony nach New York geschickt wurde, ist Anhänger der opppositionellen Hizmet-Bewegung des Predigers Fethullah Gülen.

Die Glaubensgemeinschaft zog sich jedoch Ende 2013 den Zorn von Erdogans Regierungspartei AKP zu, als sie einen Bestechungsskandal mit hochrangigen Regierungsmitgliedern ins Rollen brachte. Seitdem führt die AKP Krieg gegen Institutionen und Personen, die mit der Hizmet-Bewegung in Verbindung stehen - so auch gegen Kanter.

Gefühl der Heimatlosigkeit

Außerhalb der USA fühle er sich nicht sicher, deshalb nehme er an keinen Veranstaltungen im Ausland teil. In New York habe er diese Paranoia nicht, zu seinem Schutz kann er jederzeit Sicherheitspersonal anrufen.

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Nächste Saison absolvieren die Knicks ein Spiel in London. Ob er dort spielen wird, weiß Kanter bislang noch nicht. "Ich habe keinen türkischen Pass. Wenn Interpol mich erwischt, müssen sich mich in die Türkei ausweisen, da ich kein amerikanischer Staatsbürger bin", sagte Kanter auf die Frage, ob er nach dem Spiel in die USA einreisen könne. Er ist im Besitz einer Greencard ist, der Prozess der Einbürgerung dauert aber noch zwei bis drei Jahre.

Kanter fühlt sich heimatlos. "Wenn man mich fragt, wo ich herkomme, weiß ich nicht was ich sagen soll. Türkei? Dort will man mich nicht. Amerika? Ich bin kein Amerikaner. Schweiz? Dort bin ich geboren, aber ich komme nicht von dort. Wahrscheinlich am ehesten aus der Türkei, weil ich dort aufgewachsen bin."

In der Türkei wäre Kanter nicht sicher

Doch wenn er tatsächlich in die Türkei zurück müsste, "wäre es das letzte Mal, dass man von mir hören würde." Zwar glaube er nicht, dass man ihn offensichtlich mit einer Pistole umbringen würde, aber "etwas würde ihm zustoßen. Ein Autounfall - oder eine Vergiftung vielleicht."

Obwohl sein Twitter-Account ist in der Türkei gesperrt, hat er nicht vor, still zu sein: "Über 140.000 Menschen sitzen im Gefängnis. Die Türkei ist das Land mit den meisten inhaftierten Journalisten - dort gibt es keine Meinungsfreiheit", macht er deutlich. 

Trotzdem liebe er die Türkei, betonte Kanter. Ihm etwas anderes vorzuwerfen, entspräche nicht der Wahrheit. "Ich liebe mein Land, meine Flagge, meine Landsleute - mit der Regierung habe ich ein Problem", stellt er klar.

Kanters letzter Aufenthalt in der Türkei liegt schon drei Jahre zurück, und eine Wiederholung sieht er in weiter Ferne: "Vielleicht in zehn Jahren", nachdem seine NBA-Karriere zu Ende ist.