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München - Steph Curry ist aktuell der vielleicht größte NBA-Star. Die Basketball-Welt lernte ihn 2008 als schmächtigen Jungen kennen, der March Madness explodieren ließ.

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Der 10. November 2006 war ein ganz normaler Tag im College Basketball - fast.

An jenem Tag gewann das unbedeutende und winzige Davidson College aus North Carolina mit 81:77 gegen Eastern Michigan, obwohl sich der neue Point Guard gleich 13 Ballverluste leistete.

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Niemand ahnte damals, dass dieser schmächtige Junge, der aussah als wäre er gerade einmal zwölf, die Basketball-Welt erschüttern und danach erobern würde: Wardell Stephen Curry II - oder einfach Steph.

Sein Vater Dell ist eine Legende der Charlotte Hornets, der kleine Steph wuchs praktisch in Basketball-Hallen auf und wusste immer, dass er das auch wollte. Schon den Hornets fiel damals der Wurf von Curry jr. auf.

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Duke und Co. ignorierten Curry

Aber wieso landete Curry mit diesem Namen und großen Basketball-Colleges in der Nachbarschaft bei den unscheinbaren Wildcats? Virginia Tech - das College seines Vaters - wollte ihm kein Stipendium anbieten, sondern ihn nur als Walk-On ins Team aufnehmen.

Die Schwergewichte Duke und North Carolina hatten kein Interesse, obwohl Curry sein Team zu drei Conference-Titeln führte und in das All-State Team berufen wurde. Zu klein, zu schmächtig, zu viele Turnover lautete das Urteil.

"Wir haben ihn seit er in der 10. Klasse war beobachtet. Er hatte definitiv etwas Besonderes. Ich habe ihn so oft angerufen, um ihn zu überzeugen, wie es ging", sagte der damalige Assistenztrainer Matt Matheny. Der zweite Co-Trainer Jim Fox war ebenfalls sofort begeistert: "Er sah so unfassbar jung aus. Heute sagt jeder: Davidson hatte Glück. Das ist Quatsch, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht."

Nur Durant toppt ihn als Freshman

Schon in seinem zweiten Spiel für Davidson schenkte er dem traditionsreichen College Michigan in einem Auswärtsspiel 32 Punkte ein. Er stellte in jener Saison einen Rekord für die meisten Dreier eines Freshman der College-Historie auf und lag am Ende mit 21,5 Punkten pro Spiel nur hinter einem Freshman im Land zurück: einem gewissen Kevin Durant.

"Für mich war Coach McKillop ein wichtiger Faktor. Er hat mich von seinem Traum überzeugt. Ich wusste, er würde mir helfen, mein gesamtes Potenzial auszuschöpfen", sagt Curry heute.

Warriors-Coach Kerr war begeistert

Nach dem Aus in der ersten Runde des March-Madness-Turniers 2007 ging Curry hochmotiviert in sein zweites Jahr. Gegen UCLA mit den späteren NBA-Stars Kevin Love und Russell Westbrook setzte es Anfang Dezember eine 63:75-Niederlage, Curry traf nur sechs seiner 19 Würfe, trotzdem beeindruckte er einen Tribünengast.

"Es war magisch. Seine Würfe fielen nicht, aber sein Gefühl für das Spiel, seine Ballbehandlung stachen heraus. Das ganze Spiel drehte sich um ihn", erinnert sich sein heutiger Coach Steve Kerr (damals General Manager der Phoenix Suns) bei ESPN.

"Seine Eltern Dell und Sonya waren auch da. Sonya fragte mich, ob Steph in der NBA spielen könne. Ich sagte: natürlich! Sie war so erleichtert. Sie wussten nicht mal, ob er es in die NBA schaffen würde. Wenn ich dann heute sehe, was er schon alles erreicht, ist das einfach unglaublich", sagt Kerr.

March Madness 2008: Curry explodiert

Wenige Monate später sollte die gesamte Basketball-Welt Curry kennenlernen. Am 21. März führte er seine Truppe von Studenten - nur ein Teamkollege spielte später als Profi (in Frankreich) - in die erste March-Madness-Runde gegen Gonzaga.

Mit unfassbaren 30 Punkten in der zweiten Hälfte und insgesamt acht Dreiern schockte Curry den Favoriten. "Ich glaube, Steph hatte das Gefühl, das würde sein Moment sein. Wir mussten ihm nur Platz schaffen. Sobald der Ball seine Finger verließ, war alles gut", erklärte Teamkollege Thomas Sander (heute Vizepräsident einer Bank) Jahre später.

Unfassbare Show gegen Georgetown

Davidson spielte damals seine ersten beiden Runden in Raleigh, North Carolina - quasi Stephs Nachbarschaft. Entsprechend groß war der Heimvorteil.

Nach Gonzaga kam Georgetown. Die Hoyas gehören zum Hochadel im College Basketball: Patrick Ewing, Allen Iverson - noch Fragen? Das 2008er-Team bestand aus den späteren NBA-Spielern Roy Hibbert, DaJuan Summers, Vernon Macklin und Chris Wright, dazu Patrick Ewing jr. und dem späteren Bayern-Star Jonathan Wallace.

Viele Experten trauten den Hoyas das Final Four zu. Zwölf Minuten vor Schluss lag Davidson noch zweistellig hinten, ehe Curry einen Dreier mit Foul versenkte und das Spiel komplett auf den Kopf stellte. Mit einem seiner heute bekannten ganz tiefen Dreier entschied Curry das Spiel - die Halle stand Kopf.

"Es war unfassbar! So ein kleiner Guard mit einem Durchschnittsteam zerstört das komplette NCAA-Turnier. Ich habe wirklich gehofft, er kommt ins Final Four", sagt sein heutiger Teamkollege Draymond Green.

Bitteres Ende im Viertelfinale gegen Kansas

Nach einem klaren Sieg und 33 Curry-Punkten über die an Nummer drei gesetzten Wisconsin Badgers stand im Football-Stadion der Detroit Lions nur noch das große Kansas im Weg der kleinen Wildcats ins Final Four.

Alle acht Kansas-Spieler mit mehr als fünf Minuten in dem Spiel kamen später zu NBA-Einsätzen, Mario Chalmers gehörte zu LeBron James' Superteam in Miami.

Trotzdem verlangte ihnen Davidson beim hauchdünnen 57:59 alles ab. Kansas doppelte und triplete Curry, trotzdem machte er 25 Punkte. Mehr als 57.000 Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Im letzten Angriff ließ Kansas ihn aber nicht an den Ball kommen und ein Teamkollege vergab die Siegchance.

Kansas gewann später das Endspiel gegen Derrick Rose' Memphis, aber von jenem verrückten März 2008 bleibt vor allem Steph Curry in Erinnerung. Den Rekord für Dreier in einem Turnier (27) verpasste er nur um ganze vier - obwohl er zwei Spiele weniger als möglich absolvierte.

Curry bleibt sich treu

Im Jahr darauf war Curry mit fast 29 Punkten Topscorer der NCAA, nach dem Aus in Runde zwei von March Madness entschied er sich für den NBA-Draft. Die Golden State Warriors wählten ihn an Nummer sieben aus. Der Rest ist Geschichte.

"Für mich ist von damals am wichtigsten, was wir als Team erreicht haben. Egal, was ich persönlich geschafft habe, das wäre ohne meine Mitspieler nicht möglich gewesen. Das ist keine Phrase, so sehe ich das", sagt Curry elf Jahre später.

Genau das unterscheidet den zweimaligen MVP in Zeiten von Instagram-Ruhm und zügellosem Egoismus von anderen Sportstars. So oft er kann, besucht er sein College und seine Heimat Charlotte.

Curry ist sich treu geblieben und in vielerlei Hinsicht immer noch der schmächtige Junge von damals, der es allen gezeigt hat.