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München - Anne Haug feiert beim Ironman auf Hawaii einen der größten Erfolge ihrer Karriere. Im SPORT1-Interview spricht sie über den Triumph und die deutsche Dominanz.

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Wer den Ironman auf Hawaii gewinnt, verewigt sich in der Ruhmeshalle des Triathlonsports.

In diesem Jahr haben es gleich zwei Deutsche geschafft, ganz oben auf dem Podest zu stehen. Nach dem dreifachen Hawaii-Sieger Jan Frodeno durfte sich auch Anne Haug über ihren ersten Triumph im tropischen Paradies freuen.

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Bis dorthin war es allerdings ein langer Weg. Die Qualifikation für Hawaii schaffte sie erst auf den letzten Drücker. Lange war nicht einmal klar, ob sie nach ihrer Verletzung überhaupt in der Lage ist, in dieser Saison einen Marathon durchlaufen zu können.

Im exklusiven SPORT1-Interview spricht die 36-Jährige über diese Zeit und was ihr der Erfolg auf Hawaii bedeutet. Dazu erklärt sie die deutschen Erfolge bei der Triathlon-WM - und wie ihr Rihanna und Eminem bei der Vorbereitung helfen.

SPORT1: Frau Haug, man sagt ja, dass das Leben nach so einem großen Erfolg Kopf steht. Wie turbulent ist es bei Ihnen gerade?

Anne Haug: Natürlich merkt man schon, wie sich das Medieninteresse verändert hat. Aber mein Leben persönlich ist jetzt noch wie zuvor. Ich hoffe, es bleibt auch so. Aber das Medieninteresse ist enorm. Das hatte ich mir vorher nicht so erträumt.

SPORT1: Ist es der größte Triumph in Ihrer Karriere?

Haug: Einen Weltmeistertitel hatte ich bisher noch nicht. Das ist natürlich Wahnsinn. Aber ich möchte auch meine beiden Olympiateilnahmen nicht missen. Auch der Sieg in Hamburg ist mir noch ganz deutlich in Erinnerung. Ich würde das alles auf ein Level setzen.

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SPORT1: Haben sie denn schon realisiert, was Sie mit diesem Triumph auf Hawaii erreicht haben?

Haug: Es klingt immer noch ein bisschen surreal. Aber je öfter man es hört, desto mehr glaubt man es. Aber ich fühle mich immer noch so wie vorher. Ich habe mich an die Startlinie gestellt und wollte mein Bestes geben. Dafür bin ich mit dem Weltmeistertitel belohnt worden. Das ist natürlich super. Aber ich persönlich fühle mich immer noch so wie vorher.

Mit Eminem und Rihanna zum Erfolg

SPORT1: Acht Stunden und 40 Minuten – das ist schnell, aber trotzdem eine lange Zeit. Was macht man, wenn man so lange unterwegs ist?

Haug: Im besten Fall denkt man sich gar nichts. Man wünscht sich am liebsten ein Vakuum im Kopf und die Kilometer sollen einfach verfliegen. Aber das ist natürlich unrealistisch, weil es immer wieder Phasen gibt, wo es etwas besser oder schlechter läuft. Da muss man sich vorher drauf einstellen und Strategien bereithalten. Da singt man sich dann manchmal einen Song vor oder ein Mantra oder konzentriert sich auf Techniksachen. Man kann sich auch auf kurzfristige Ziele fokussieren. Wann kommt die nächste Verpflegungsstation? Was muss ich da machen, um mich möglichst gut zu versorgen? Es ist enorm wichtig, das Hirn aktiv zu halten und das ganze Rennen in kürzere Abschnitte zu untergliedern.

SPORT1: Welcher Song oder welches Mantra hat Sie zum Sieg getragen?

Haug: Der Ironman lief zum Glück ziemlich gut, da habe ich kein Mantra gebraucht. Aber es gibt schon einen Song, den höre ich immer, wenn ich auf der Rolle bin. Der ist ein fester Bestandteil meiner Playlist – von Rihanna und Eminem "I like the way it hurts". Das spiegelt einen Ironman irgendwie gut wider. Außerdem hat der Song einen Beat, zu dem man gut fahren kann. Und "I like the way it hurts" beruhigt mich irgendwie.

Bloß nicht der Schmidtchen-Schleicher-Schnappschritt

SPORT1: Sie überraschen immer wieder mit interessanten Begriffen. Als Sie letztes Jahr bei SPORT1 zu Besuch waren, war es der Longo-Modus, in den Sie nicht verfallen wollten. Dieses Jahr war es wohl der Schmidtchen-Schleicher-Schnappschritt. Was dürfen wir darunter verstehen?

Haug: Wenn man von der Kurzdistanz kommt, läuft man entweder sehr schnell oder sehr langsam. Diesen Vierer-Schnitt, den man so beim Marathon läuft, den würde man da als nicht Fisch und nicht Fleisch bezeichnen. Daher muss man sich beim Marathon erst an dieses Tempo gewöhnen und ich nenne das eben Schmidtchen-Schleicher-Schnappschritt. Auf der Kurzdistanz war man mit einem 3:20-Minuten-Schnitt gelaufen und jetzt muss man sich an einen neuen Schritt gewöhnen. Das ist ein ungewohnter Schritt und ich habe ihm einfach diese Bezeichnung gegeben.

SPORT1: Sie scheinen dann aber mit der Laufzeit noch nicht ganz zufrieden zu sein. Auf Hawaii war es 2:51 Stunden. Was ist noch möglich bei Ihnen?

Haug: Als Leistungssportler ist man wahrscheinlich grundsätzlich unzufrieden. Denn wenn man mal zufrieden ist, hat man keinen Ansporn mehr, sich zu verbessern. Einen Einzelmarathon bin ich schon in 2:31 Stunden gelaufen. Da denk ich mir dann schon, ein bisschen schneller geht es auch im Rahmen eines Triathlons schon noch. Aber natürlich kann man einen normalen Marathon nicht mit einem Ironman-Marathon vergleichen. Trotzdem hoffe ich schon, noch etwas näher an diese Zeit ranzukommen. Ob es wirklich klappt, weiß ich nicht. Aber es ist mein Ansporn. In meiner Vorstellung kann ich schneller laufen. Vielleicht nicht unbedingt auf Hawaii, weil es dort sehr bergig und heiß ist. Die Bedingungen sind einfach extrem. Dennoch denke ich, dass mehr möglich ist.

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Große Unsicherheit vor Kopenhagen

SPORT1: Zwischen dem Triumph auf Hawaii und Ihrer Aussage in Kopenhagen 'Wenn nötig, dann gehe ich den Marathon eben ins Ziel' lagen nur 55 Tage. Hatten Sie damals die Befürchtung, dass die Saison verloren ist, weil es nicht funktioniert?

Haug: Dieser Erfolg war nicht absehbar. Ich war ein halbes Jahr verletzt und konnte laufspezifisch gar nichts machen. Von daher war vor dem Ironman in Kopenhagen eine große Unsicherheit da – bei mir und meinem Trainerteam. Mein Trainer meinte, dass ich grundsätzlich fit bin, aber eben nicht laufspezifisch. Vielleicht geht es nur bis zum Halbmarathon und danach muss ich Gehpausen einlegen. Von daher waren wir umso überraschter, wie gut es dann doch funktioniert hat. (Haug siegte in deutschem Rekord von 8:31:32 Stunden/Anm.d.Red.) Dazu konnte ich in der Zeit zwischen Kopenhagen und Hawaii einen guten Block von vier Wochen setzen.

Hawaii ist wie Olympia

SPORT1: Bei den Langdistanzathleten wird extrem auf den Wettbewerb auf Hawaii geschaut. Hadern Sie manchmal damit, dass die ganze Saison oft auf dieses eine Rennen reduziert wird?

Haug: Nein. Man kann im Ironman nicht jede Woche einen Wettkampf machen. Das ist unmöglich. Daher ist das eher wie Olympia. Man muss an diesem einen Tag seine Leistung abrufen. Es ist nun mal das einzige Rennen, wo die komplette Weltspitze am Start ist. Alle haben sich explizit auf diesen Wettkampf vorbereitet. So ist es auch die einzige Möglichkeit, zu sehen, wo man eigentlich wirklich steht.

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Deutsche Tugenden helfen

SPORT1: 2016 gab es bei den Männern den deutschen Dreifach-Triumph, dieses Jahr den Doppelerfolg mit Ihnen und Jan Frodeno. Warum sind deutsche Athleten aktuell so stark auf Hawaii?

Haug: Ich denke, dass die Männer dafür gesorgt haben, dass Triathlon in Deutschland sehr populär ist. Mit der Popularität kommen dann mehr Menschen zu diesem Sport. Daher wird die Konkurrenz größer und Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Außerdem glaube ich schon, dass ein Ironman diese deutschen Tugenden unterstreicht. Wir sind sehr fleißig und Ausdauersport lebt vom Fleiß. Vielleicht kommt das den Deutschen zugute. Aber ja, diese deutsche Erfolgsserie ist ungewöhnlich.

SPORT1: Die Männer dominieren nun schon seit sechs Jahren. Wie viele Siege in Serie wird es nun bei den Frauen geben?

Haug: Natürlich hoffe ich, wir können den Männern da nacheifern. Wir haben tolle Athletinnen in Deutschland – um jetzt nur mal Laura Philipp oder Daniela Bleymehl zu nennen. Denen traue ich auch zu, auf Hawaii ganz vorne zu landen. Von daher denke ich, dass wir im Ironman-Bereich gut aufgestellt sind.

SPORT1: Gab es eine Feier in Gedenken an 2013, wo man schon zusammen Weltmeister wurde?

Haug: Tatsächlich ist mir das gar nicht mehr so in Erinnerung gewesen. Aber ein Reporter hatte das schon mal aufgenommen. Damals haben wir auch zusammen den Weltmeistertitel gefeiert – trainiert von Dan Lorang.

Zusammenarbeit mit Lorang begann im Studium

SPORT1: Ein interessanter Fakt ist, dass Sie Dan Lorang schon ewig kennen. Sie lernten sich noch als Studenten in München kennen.

Haug: Wir haben uns an der Universität kennengelernt, wo wir beide Sportwissenschaften studiert haben. Zufällig haben wir uns da in der Triathlon-AG getroffen. Ich hatte gerade angefangen mit Triathlon und wollte das einfach mal kennenlernen. Er meinte dann zu mir, dass er gerne Trainer werden würde und ich würde so ausschauen, als ob ich ganz gut Triathlon machen könnte. Da hat er mir dann einen Trainingsplan aufgestellt und der Rest ist Geschichte.

SPORT1: Was würden Sie dem Nachwuchs raten, der jetzt vielleicht auch mit dem Triathlon anfangen will?

Haug: Einfach anfangen. Ausdauersport lebt von der Regelmäßigkeit. Man muss Spaß daran haben. Am besten fängt man in einer Gruppe an, das ist am einfachsten. Beim Schwimmen würde ich empfehlen, jemanden mitzunehmen, der Ahnung hat. Es ist eine sehr technische Sportart. Technikfehler, die man sich da aneignet, kriegt man nur sehr schwer wieder raus.

SPORT1: Kurz vor Hawaii gab es den ersten Marathon unter zwei Stunden. Haben sie das verfolgt?

Haug: Wirklich verfolgen konnte ich es wegen der Zeitverschiebung nicht. Aber ich habe natürlich alle Berichte darüber gelesen. Das war schon eine tolle Leistung. Direkt danach gab es ja auch noch den Damenweltrekord. Das ist schon Wahnsinn.

Weniger Probleme mit Hitze wie die Marathonläufer in Katar

SPORT1: Wollten Sie deswegen den Schuh auch tragen?

Haug: Den hatte ich tatsächlich schon vorher ausgewählt. Letztes Jahr bin ich bereits das Vorgängermodell gelaufen. Da war es klar, dass ich auch in diesem Jahr wieder mit diesem Schuh laufen werde.

SPORT1: Bei der Weltmeisterschaft in Katar mussten aufgrund der klimatischen Bedingungen viele Athleten beim Marathon aussteigen. Warum scheinen Triathleten solche Bedingungen besser zu verkraften als die Spezialisten?

Haug: Wir laufen ja nicht mit der gleichen Geschwindigkeit. Die Intensität ist eine ganz andere. Ein Wettkampf, der über zwei Stunden geht, findet in einem völlig anderen Intensitätsbereich statt, als ein Wettkampf über acht Stunden. Ich weiß auch nicht, ob die so viele Verpflegungsstationen haben, wie wir beim Triathlon, wo alle zwei Kilometer Eis oder Schwämme angeboten werden. Dazu befassen wir uns ganz anders mit dem Thema, weil wir einfach jedes Jahr in Hawaii sind. Das ist Teil unseres Jobs, dass wir uns mit diesen Hitzebedingungen auseinandersetzen. Daher sind wir da vielleicht besser vorbereitete.