Das Zeitalter der Ladenhüter
Das Zeitalter der Ladenhüter © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago
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München - Viele Vereine haben Probleme, nicht mehr erwünschte Spieler loszuwerden. Die Corona-Krise verschärft die Situation, ist jedoch nicht Wurzel des Problems.

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Endspurt auf dem Transfermarkt.

Noch bis zum 5. Oktober haben die Klubs aus den europäischen Top-Ligen Zeit, neue Spieler zu verpflichten. Aufgrund der Corona-Pandemie und des damit einhergehenden engeren Spielplans wurde entschieden, den Transferzeitraum nach hinten zu verlegen. Normalerweise sind Transfers nur bis Ende August erlaubt.

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Doch in diesem Sommer ist alles anders. Das spiegelt sich auch auf dem Transfermarkt wider. Denn viele Teams müssen aufgrund der geringeren Einnahmen (unter anderem durch fehlende Zuschauer) sparen und können nicht wie gewünscht auf dem Markt agieren. Oft muss sich zuerst von Altlasten getrennt werden, um Spielraum für Neuverpflichtungen schaffen zu können.

Vereine werden Ladenhüter nicht los

Doch das ist für die Klubs oft gar nicht so einfach, auch hier trägt die aktuelle Situation durch Corona ihren Teil dazu bei – allerdings nur einen kleinen. SPORT1 erklärt, warum viele Top-Klubs ihre Ladenhüter nicht loswerden.

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Bei fast jedem Top-Klub gibt es sie: Spieler, die keine Rolle mehr spielen, gleichzeitig aber nicht an andere Klubs vermittelbar sind. Mesut Özil ist eines der prominentesten Beispiele. Der 31-Jährige wurde 2013 vom FC Arsenal für 47 Millionen Euro verpflichtet. Doch er spielt schon länger keine Rolle mehr im Team der Gunners.

Der Weltmeister von 2014 denkt aber nicht an einen Wechsel. Er kündigte an, seinen bis 2021 laufenden Vertrag in London erfüllen zu wollen - trotz der geringen Aussicht auf Besserung. Ein zentraler Grund für Özils Entscheidung liegt auf der Hand: Bis zur Vertragsverlängerung von Pierre-Emerick Aubameyang war Özil der absolute Spitzenverdiener von Arsenal, einer der Topverdiener der Premier League. Dieser Vertrag fällt den Gunners jetzt auf die Füße.

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Gareth Bale galt lange als ähnliches Beispiel. Der Waliser, einst für 101 Millionen Euro von den Tottenham Hotspur zu Real Madrid gewechselt, war bei den Königlichen schon länger außen vor. Zudem demonstrierte er seine Lustlosigkeit und provozierte die Real-Verantwortlichen beispielsweise mit Grimassen auf der Bank.

Gehälter erschweren Verkäufe

Nun kehrte der inzwischen 31-jährige Bale zwar vor wenigen Tagen zu den Spurs zurück, allerdings nur leihweise. Und das auch nur, weil Real weiterhin einen Teil seines königlichen Gehalts übernimmt. Sollten die Spurs allerdings von einem Kauf absehen, droht Real dasselbe Problem mit Bale wie in der vergangenen Saison, da dessen Vertrag noch bis Sommer 2022 läuft. 

In der Premier League besitzt nahezu jeder Verein solche Ladenhüter. Da die Vereine im Schnitt die besten Gehälter zahlen, ist es bei Misserfolg sehr schwer, diese Spieler wieder an den Mann zu bringen. Bei Manchester United ist Jesse Lingard so ein Beispiel, die Spurs wollen Danny Rose loswerden.

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Mit Alexis Sanchez wurde United erst vor wenigen Wochen den mit Sicherheit teuersten Ladenhüter der Vereinsgeschichte los. Am Ende zahlten die Red Devils dem Chilenen sogar noch eine Abfindung, damit dieser seinen Vertrag auflöste und sich ablösefrei Inter Mailand anschloss, an das er zuvor ausgeliehen war.

Auch in der Bundesliga gibt es Beispiele, die besten liefert aktuell Schalke 04. Nabil Bentaleb sollte eigentlich schon längst verkauft werden, doch auch hier macht den Königsblauen dessen fürstliches Gehalt, das weit über der neu auferlegten Gehaltsgrenze von 2,5 Millionen Euro liegen soll, einen Strich durch die Rechnung. Notgedrungen wird der Algerier aktuell wieder ins Team integriert.

In der 2. Bundesliga versucht der Hamburger SV schon länger, den einst mit einem fürstlichen Erstligavertrag ausgestatteten Bobby Wood zu transferieren. Und auch der BVB versuchte in den vergangenen Jahren, Ladenhüter wie André Schürrle zu veräußern. Doch die Leihvereine sahen von einer Verpflichtung ab und der Weltmeister von 2014 kehrte immer wieder zurück, bevor er im Sommer überraschend seine Karriere beendete.

Ladenhüter werden zu "lame ducks"

Der FC Barcelona trennte sich in diesem Sommer von altgedienten Spielern wie Ivan Rakitic, Arturo Vidal und Luis Suarez. Ablöse gab es nur für Rakitic, und die war mit 1,5 Millionen Euro minimal. Dennoch ist man in Barcelona froh, das Gehalt der drei ehemaligen Säulen einsparen zu können.

"Es ist schwer, solche Spieler loszuwerden" erklärte ein nicht genannter Sportdirektor bei The Athletic. Er führte weiter aus: "Die Leute denken: 'Sein Klub will ihn nicht? Da muss irgendwas mit ihm nicht stimmen'. Sie werden dadurch schnell zu "lame ducks" (lahme Enten), dass es beängstigend ist."

Der Grund, warum Spieler nicht mehr gewünscht sind, variiert. Schlechte Leistungen, Undiszipliniertheiten oder Verletzungspech können Gründe sein. Oft liegt es aber an einem Trainerwechsel, dass ein Spieler von jetzt auf gleich keine Rolle mehr spielt.

Spieler werden auf Geheiß eines Übungsleiters verpflichtet. Wenn dieser dann ersetzt wird, kann sein Nachfolger nicht selten wenig bis nichts mit dem Spieler anfangen, weil dieser nicht in die neue Philosophie passt. Problematisch wird es besonders dann, wenn der verpflichtete Akteur das Gehaltsgefüge eines Vereins durcheinandergebracht hat.

Hier kann eine Art Teufelskreis entstehen. Wenn ein Top-Spieler nicht mehr spielt, sinkt sein Marktwert und damit auch das Interesse von Spitzenklubs. Gerade in diesen unruhigen wirtschaftlichen Zeiten können es sich viele Klubs nicht leisten, ein Risiko mit Spielern ohne Spielpraxis einzugehen.

Kleinere Vereine, die vielleicht Interesse hätten, werden dann aber meist von den Gehaltsforderungen abgeschreckt und können diese nicht erfüllen.

Leihgeschäft als Ausweg?

Nicht erst seit der Corona-Krise geht der Trend daher immer mehr zum Leihgeschäft. In Italien ist eine Leihe mit Kaufpflicht aus steuerlichen Gründen schon länger gängiges Mittel.

Doch meistens beinhalten Leihgeschäfte keine Kaufpflicht, höchstens eine Option. Ein abgebender Verein hat also keine Gewissheit, den Spieler nach der Saison wirklich los zu sein.

Und doch stimmen immer mehr Klubs solchen Deals zu – und zahlen wie im Fall Bale sogar noch drauf. Die Königlichen übernehmen während der Leihe einen Teil seines Gehalts, anders wäre der Deal vermutlich nicht zustande gekommen.

Für den ausleihenden Verein entsteht so ein überschaubares Risiko. Er kann abwarten, ob der Spieler die gewünscht Verstärkung ist und die sportliche und finanzielle Situation einen permanenten Deal zulässt.

Der verleihende Verein spart sich zumindest für ein (oder zwei Jahre) die Gehaltskosten oder zumindest einen Teil davon. Überzeugt der Spieler bei seinem neuen Verein, bleibt er entweder dort oder kann im kommenden Jahr zu einem lukrativeren Preis verkauft werden.

Das absolut letzte Mittel, einen Ladenhüter loszuwerden, ist die Vertragsauflösung wie bei Sanchez. Doch je nach Restlaufzeit des Vertrages kann das ein teures Unterfangen für den Klub werden, schließlich steht dem Spieler eine Abfindung zu, die sich an Gehalt und Vertragslaufzeit orientiert.

Hier muss ein Verein ganz genau abwägen, ob dieses radikale Mittel Sinn macht. Denn eine Auflösung ist trotz allem meist günstiger, als den Spieler den Vertrag aussitzen zu lassen.

Viel Zeit bleibt den Klubs nicht mehr, ihre Ladenhüter an den Mann zu bringen. Und so werden einige sicherlich auch in der kommenden Saison das coronageplagte Budget weiter belasten.