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München - Neymar kann dank einer FIFA-Regel in diesem Sommer auch ohne das Einverständnis von PSG nach Barcelona wechseln. Der Artikel 17 bringt jedoch große Risiken mit sich.

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Rückblick: Sommer 2019, der FC Barcelona befindet sich auf großer Shopping-Tour. Nach Antoine Griezmann (120 Mio. Euro Ablöse) und Frenkie de Jong (75 Mio.) sollte auch Neymar den Weg nach Katalonien zurückfinden.

Doch der Wechsel scheiterte, trotz größtmöglicher Bemühungen legte Paris Saint-Germain sein Veto ein. Egal, ob Barca Bankkredite aufnahm, Spieler zum Tausch anbot oder eine Leihe mit anschließender Kaufpflicht offerierte - PSG blieb hart und Neymar ging nach seinem 222-Millionen-Wechsel 2017 in sein drittes Jahr in Paris.

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2020 dürfte Barca nun den nächsten Anlauf unternehmen, den verlorenen Sohn zurückzuholen. Neymar handelte sich dank einiger disziplinarischer Fehltritte auch in dieser Saison Ärger bei PSG ein, zudem schwärmt Lionel Messi regelmäßig von seinem Kumpel und möglichen Erben bei Barca.

Anders als im vergangenen Jahr haben die Spanier dabei aber einen Trumpf in der Tasche: Artikel 17.

Dieser Abschnitt der FIFA-Transferregeln erlaubt es Spielern bis zum Alter von 28 Jahren - Neymar ist 28 -, ohne Angaben von Gründen nach drei Jahren bei einem Klub zu kündigen und in ein anderes Land zu wechseln. Bei Spielern über 28 wäre die "Schutzzeit" sogar schon nach zwei Jahren erreicht.

Webster-Wechsel erinnert an Fall Bosman

Die 2001 eingeführte Regel wurde auf Druck der Europäischen Union geschaffen, die das Freiheitsrecht von Spielern schützen wollte und ihnen - ebenso wie allen anderen Arbeitnehmern der EU - das freie Arbeitsrecht innerhalb der EU-Grenzen einräumt.

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Laut verschiedenen Quellen von ESPN will Barca genau diesen Artikel nun in Anspruch nehmen.

Der erste Schritt dazu wäre, dass Neymar innerhalb von 15 Tagen nach dem letzten Pflichtspiel seines Klubs - dem Zeitpunkt, an dem die Schutzzeit offiziell endet - PSG über die Absicht eines Wechsels informieren würde. Daraufhin würden der Klub von Thomas Tuchel und Barca in Verhandlungen treten. Enden diese wie im vergangenen Jahr erfolglos, könnte Barcelona sich auf Artikel 17 berufen - der Fall würde dann zur FIFA gehen, anschließend kann der abgebende Verein den internationalen Sportgerichtshof CAS einschalten.

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Erstmals geschah dies im Jahr 2006, als der schottische Nationalspieler Andy Webster seinen Klub Hearts of Midlothian verließ und zu Wigan Athletic in die Premier League wechselte. Die FIFA forderte daraufhin eine Strafzahlung von 625.000 Pfund (672.000 Euro), der CAS setzte diese Summe aber auf 150.000 Pfund herunter - die Summe, die Webster als Jahresgehalt in seinem letzten Jahr bei den Hearts verdient hatte.

Nach dem Beschluss des CAS wurde der Artikel 17 als ebenso schwerwiegende Veränderung im Fußball wie das Bosman-Urteil 1995 empfunden, das es Spielern nach Ablauf ihres Vertrags erlaubt, ihren Klub ablösefrei zu verlassen.

Der Transfer ging als Webster-Urteil in die Geschichte ein, laut ESPN wollen genau das auch Barca, Neymar und deren jeweilige Anwälte erreichen. Präsident Josep Maria Bartomeu setzt seine Hoffnungen in den belgischen Rechtsanwalt Wouter Lambrecht, der seit 2017 für den Klub arbeitet und zuvor für FIFA und ECA (Europäische Klubvereinigung) im Einsatz war. 

Gentlemen's Agreement beim Artikel 17

Praktisch hat das Webster-Urteil aber nicht ansatzweise so eine hohe Bekanntheit wie das Bosman-Urteil erreicht, tatsächlich wurde es seit über einem Jahrzehnt überhaupt nicht mehr benutzt. Vielmehr besteht ein Gentlemen's Agreement zwischen allen Klubs, dass Artikel 17 des FIFA-Transfergesetzes nicht ausgeübt wird.

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Das liegt auch am Transfer des Brasilianers Matuzalem, der wie Webster 2008 einen Wechsel von Schachtar Donezk zu Real Saragossa erzwingen wollte. Der frühere U20-Nationalspieler war 2004 für acht Millionen Euro in die Ukraine gewechselt, vier Jahre später sollte es nach Spanien weitergehen.

Saragossa benutzte Artikel 17, der Fall ging vor die FIFA, die eine Strafzahlung von 6,8 Millionen Euro verlangte. Nach dem Gang vor den CAS war die Summe aber fast doppelt so hoch, nämlich 11,9 Millionen Euro. Der CAS berief sich damit nicht nur auf das letzte Jahresgehalt, sondern auch auf die Kosten, die für einen Ersatz mit ähnlicher Qualität auf Donezk zukommen würden.

Als weder Saragossa noch Matuzalem für die Kosten aufkommen konnten, wurde der Brasilianer lebenslang für alle Fußballspiele gesperrt. Der CAS bestätigte das FIFA-Urteil, dieses wurde später vor dem Schweizer Bundesgericht aber wieder verworfen.

"Es ist schwierig, für Spieler, Klubs und Berater, den Fall vorzubereiten und zu wissen, ein Spieler ist die Summe X oder Y wert", sagte Sportanwalt Juan de Dios Crespo ESPN. "Es gibt keine offiziellen Kriterien. So will es die FIFA. So können sie eine Situation vermeiden, in der ein Spieler oder ein Agent den Vertrag kündigt und weiß, wie viel sie ein Wechsel zu einem anderen Klub kostet."

Barcelona und Neymar drohen heftige Strafen

Beim Wechsel von Morgan De Sanctis von Udinese Calcio zum FC Sevilla im Jahr 2007 verlangte die FIFA eine Strafe von vier Millionen Euro, nach Überprüfung des CAS waren es nur noch 2,2 Millionen.

Die wenigen Fälle und die Ungewissheit über die Strafzahlungen machen eine Nutzung des Artikels 17 im Fall Neymar für Barca so kompliziert. Eine ganze Menge an Faktoren käme bei der Höhe der Zahlung zusammen, darunter das ausstehende Gehalt und die Frage, wie viel PSG ein Nachfolger mit ähnlicher Qualität kosten würde.

Anwalt Juan de Dios Crespo (l.) war bereits beim Neymar-Deal zu PSG 2017 involviert
Anwalt Juan de Dios Crespo (l.) war bereits beim Neymar-Deal zu PSG 2017 involviert © Getty Images

Sollte Barcelona die Strafzahlung nicht berappen können, wären die Konsequenzen für Spieler und Klub enorm. Der Bericht zitiert eine Quelle, nach der die Strafe eine Transfersperre über zwei Wechselperioden sein könnte, wie sie der Klub bereits vor gut fünf Jahren wegen Transfers Minderjähriger absitzen musste. Dazu käme eine hohe Geldstrafe.

"Ich glaube nicht, dass sich die Klubs trauen, den Artikel nochmal zu benutzen", meint Antwalt Dios Crespo, der 2006 für Webster und 2008 für Donezk verhandelte. "Viele Klubs fragen mich um Hilfe beim Artikel 17, aber es gab seit Jahren keinen Fall mehr."

Barcelona will Gehälter einsparen

Für Barca stellt sich die Möglichkeit also äußerst kompliziert dar. Deshalb versucht der Klub, auf anderem Wege Einnahmen zu erlangen, um Neymar auf "normalem" Weg von PSG loseisen zu können.

Dazu zählt der mögliche Verkauf des an den FC Bayern ausgeliehenen Philippe Coutinho, aber auch Gehaltseinsparungen für die Profis durch die Pause wegen der Coronakrise. Die spanische Liga hat am Montag eine Unterbrechung auf unbestimmte Zeit beschlossen, in einem Mitte der Woche stattfindenden Meeting will Barca die temporäre Reduzierung der Profigehälter diskutieren.

Neben der Geldfrage ist auch die sportliche Qualität und Fitness Neymars zu hinterfragen. Der Brasilianer muss immer wieder Pausen wegen Verletzungen einlegen und geht auf die 30 zu, hat sich einen zweifelhaften Ruf als Schauspieler erarbeitet und fiel immer wieder durch Undiszipliniertheiten negativ auf.

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Ob der Offensivstar wirklich ein Nachfolger von Messi sein kann, ist fraglich - und macht das Risiko des Artikels 17 noch ein Stück größer.