Die FIFA hegt offenbar Gedanken, das Ablösesystem zu revolutionieren. Widerstand ist Präsident Infantino (links) gewiss © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/iStock

München - Bei der FIFA gibt es offenbar Pläne für eine Reform der Ablösesummen. Ein Algorithmus soll künftig den Wert von Spielern bestimmen. Es regt sich Widerstand.

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Gegen Überlegungen des Weltverbands FIFA, Ablösesummen für Fußballer künftig mithilfe von Algorithmen bestimmen und wenn nötig reglementieren zu lassen, gibt es erstmals Widerstand aus Deutschland.

Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Henning Vöpel, sagte SPORT1, eine solche Maßnahme sei ein "unangemessener Eingriff in freie Marktentscheidungen" von Vereinen.

Vöpel ist einer der renommiertesten Ökonomen hierzulande. Auf Bitte dieser Redaktion hat er sich genauer mit jenem Szenario beschäftigt, das offenbar gerade hinter den Kulissen diskutiert wird – und den Weltfußball womöglich nachhaltig verändern könnte.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte von einem entsprechenden Plan der FIFA berichtet.  

FIFA warnt: Transfers "ein spekulativer Markt"

Ein interner Bericht des Weltverbands, aus dem Reuters zitierte, warnt demnach vor einem Transfersystem, das "sich zu einem spekulativen Markt gewandelt" habe.

Diese Entwicklung will die FIFA offenbar durch den Einsatz eines Algorithmus eindämmen, welcher "Transfer-Werte und -wahrscheinlichkeiten auf wissenschaftlicher Basis schätzt".

Ein radikaler Schritt, an dem konservative Transferentscheider auf den ersten Blick vielleicht sogar ihre Freude hätten.

Je nachdem wie ausgereift ein solches System ist, könnte es helfen, bei anstehenden Transfers den exakten Marktwert eines Spielers leichter zu ermitteln. So ließen sich Fälle wie der von Kepa Arrizabalaga künftig wohl eher vermeiden.

Der baskische Torwart ist in diesem Sommer für 85 Millionen Euro Ablöse von Athletic Bilbao zum FC Chelsea gewechselt – und war damit eigentlich viel zu teuer. Laut einer Studie des Internationalen Zentrums für Sport-Studien (CIES) lag Arrizabalagas realer Marktwert zum Zeitpunkt seines Wechsels bei lediglich 35 Millionen Euro.

Mit anderen Worten: Chelsea hat 50 Millionen Euro zu viel Ablöse gezahlt.

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Arrizabalaga mag das krasseste Beispiel für das momentane Transfergebaren sein. Er ist jedoch beileibe kein Einzelfall. Wirtschaftswissenschaftler wie Vöpel sprechen bei derlei Phänomenen gerne von dem sogenannten "Winner's Curse", dem Fluch des Siegers. Der ist ohne weiteres auch auf den Fußball übertragbar.

Ablöse per Algorithmus? Reiche Klubs würden profitieren

Denn jene Klubs, die für teure Spieler den höchsten Kaufpreis aufbieten, erwarten naturgemäß immer mehr, als sie an tatsächlicher Leistung erhalten. Ein Missverhältnis von optimistischer Erwartung und realem Ertrag. Es gibt eine ganze Reihe an Topklubs, die das zu spüren bekommen. In jeder Transferperiode aufs Neue.

Nur ist das ein Grund, derart massiv in den Markt einzugreifen, wie es die FIFA offenbar erwägt?

Vöpel ist entschiedener Gegner einer solchen Regulation. "Das Gewicht würde sich dadurch noch mehr von den Ausbildungsklubs zu den reichen Vereinen verschieben", sagte er SPORT1.

Worauf er anspielt: Megastars der Branche wie Neymar, Mbappe oder Coutinho mögen sich objektiv betrachtet für zu viel Geld den Verein gewechselt haben. Nur gehört zu einem Klub, der Ablöse zahlt auch immer einer, der selbige erhält. Und das ist häufig der kleinere von beiden. 

Rechnet die FIFA jetzt künftig jede Ablöse kategorisch runter, schwächt das eine für viele Vereine existenzielle Einnahmequelle: die Erlöse aus Spielerverkäufen. Besserer Wettbewerb wäre auf diese Weise sicher nicht hergestellt.

Der englische Liga-Offizielle Bill Bush hatte die FIFA-Pläne deshalb als "lächerlich" bezeichnet. Dem Telegraph sagte er: "Auf einem Markt geht der Preis für etwas nach dem, was jemand denkt, dass es wert ist."

Braucht der Fußball Obergrenzen für Ablösesummen?

Die Sichtweise eines Verfechters der Freien Marktwirtschaft. Nach Ansicht von Henning Zülch, Inhaber des Lehrstuhls für Rechnungswesen, Wirtschaftsprüfung und Controlling an der Leipzig Graduate School of Management, funktioniert dieses Prinzip im Profifußball jedoch schon seit geraumer Zeit nicht mehr.

Zülch hält deshalb regulative Eingriffe für notwendig, um dem Spannungsverfall und dem Verlust von Wettbewerb in den nationalen Top-Ligen entgegenzuwirken.

Die von der FIFA angedachten algorithmusgesteuerten Ablösesummen hält er für irreführend: "Bevor ich mich mit so aufwändigen Systemen beschäftige, die keiner durchdringt, warum setze ich nicht auf Maßnahmen, die sich im Markt bereits bewährt haben?", sagte er SPORT1.

Der Wirtschaftswissenschaftler schlägt stattdessen auch im Fußball die Einführung einer Salary Cap (Gehaltsobergrenze) oder eines Draft-Systems vor - nach dem Vorbild der US-Sportarten.

Ökonom Vöpel warb bei SPORT1 unterdessen für eine sogenannte Luxury Tax. Dabei müssten hohe Ablösesummen "systematisch besteuert" werden. 

Und zwar nicht nur die Einnahmen von abgegebenen Klubs, sondern bewusst auch die Ausgaben von Käufer-Vereinen. 

Ein ähnliches Modell gibt es in den USA vor allem im Baseball.