Laura Siegemund holte insgesamt acht Titel auf der WTA-Tour
Laura Siegemund holte insgesamt acht Titel auf der WTA-Tour © Imago
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München - Laura Siegemund genießt unter den WTA-Profis nicht den besten Ruf, was sie bei den French Open beweist. Barbara Rittner nimmt sie bei SPORT1 in Schutz.

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Wehklagen ist ihr Ding wahrlich nicht. Dafür hat Laura Siegemund wohl ganz einfach schon zu viel erlebt.

"Entweder man ist Profi oder ist keiner", hatte die deutsche Tennisspielerin kürzlich deshalb auch schon Victoria Azarenka mit auf den Weg gegeben, als die bei den French Open darüber aufstöhnte, das Wetter sei doch zu nass und kalt. "Man hat sich entschieden, hier Tennis zu spielen - dann kann man nicht jammern."

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Das war in der ersten Woche von Paris, wo Azarenka seit ihrem Zweitrunden-Match nur noch Zuschauerin ist, während Siegemund nach einem beeindruckenden Sieg über die Spanierin Paula Badosa Gilbert zum ersten Mal im Einzel in einem Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers steht. (Spielplan und Ergebnisse der French Open 2020)

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In der öffentlichen Wahrnehmung spürbar ist ihr Höhenflug erst so richtig seit dem Titelgewinn der 32-Jährigen bei den US Open vor nicht einmal vier Wochen, im Doppel an der Seite von Vera Zvonareva.

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Siegemund dreht als erfahrene Spielerin auf

"Ich hatte schon viel eher damit gerechnet, dass Laura auf Sand bei großen Turnieren mal ein Viertelfinale erreicht", meint Barbara Rittner bei SPORT1.

Doch Siegemund war jahrelang nur eine durchschnittliche Spielerin im Profi-Bereich. Zwischenzeitlich dachte sie sogar ans Aufhören, studierte Psychologie und machte den Trainerschein. In ihrer Bilanz stehen bislang zwei WTA-Titel zu Buche, einer 2016 in Bastad, der andere ein Jahr später in Stuttgart, beide auf Sand.

Auf diesem Belag erlitt sie wenige Wochen später auch den größten Rückschlag ihrer Karriere. Beim Turnier in Nürnberg zog sich die damals 29-Jährige einen Kreuzbandriss zu.

Dass Siegemund drei Jahre später den größten Einzelerfolg bei einem Grand Slam feiert, spricht für ihren Charakter. Siegemund zeichnet sich durch Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit und Kampfgeist aus.

Rittner lobt Variabilität von Siegemund

Rittner, Bundestrainerin und Eurosport-Expertin, sieht Siegemund denn auch unterschätzt: "Laura ist eine Kombination aus einer sehr harten, fleißigen Arbeiterin, die körperlich topfit ist und auch immer wieder an technischen Dingen feilt. Sie bezwingt ihre Gegnerinnen, weil sie mit sehr viel Finesse spielt."

"Laura lässt sich immer was einfallen. Sie hat einen Plan B, ist eine sehr strukturierte, taktische Spielerin. Sie versucht, den Rhythmus ihrer Gegnerinnen durch ihr variables Spiel zu brechen, hat dabei ein großes Spielverständnis", fügt Rittner an.

Auf diese Fähigkeiten wird es auch im Viertelfinale gegen Petra Kvitova wieder ankommen (French Open: Viertelfinale Petra Kvitova - Laura Siegemund am Mittwoch ab 12 Uhr im LIVETICKER). Die zweimalige Wimbledon-Siegerin, die im WTA-Liveranking 41 Plätze weiter oben geführt wird als Siegemund, ist eine ganz andere Hausnummer.

Die geborene Filderstädterin wird dabei vermutlich auch wieder auf ihr erfolgreiches Mittel aus dem Achtelfinale setzen. "Gegen Badosa hat sie zwölf Stopps gespielt und davon neunmal den Punkt gemacht - das nervt deinen Gegenüber natürlich. Du weißt bei Laura eben nie, was kommt und kannst dich nie richtig auf sie einstellen - sie spielt also wirklich anders, nicht so ballmaschinenmäßig", erklärt Rittner.

Nicht nur deshalb gilt Siegemund als unangenehme Gegnerin. "Es macht keinen Spaß, gegen sie zu spielen", stellte auch Badosa fest.

Schummel-Sieg gegen Mladenovic bei French Open

Und dennoch: Siegemund wandelt in ihren Matches bisweilen auf einem schmalen Grat, reizt die Regeln bis zum Äußersten aus. Beispiele gefällig?

In Runde eins gegen Kristina Mladenovic spielte sie bei einem Satzball der Französin unbewusst einen Ball, der regelwidrig zweimal aufgesprungen war, und gewann den Ballwechsel. Ihre Gegnerin fand es schade, dass sie den Fehler nicht zugab.

"In der Partie gegen Mladenovic war die Schiedsrichterin schwach. Laura hat sich auch da im Rahmen der Regeln korrekt verhalten. Für mich ist das okay, wenn Laura sagt, sie wisse nicht genau, ob der Ball zweimal oder einmal aufgesprungen ist, nachdem sie aus vollem Lauf nach vorne gesprintet ist und einen Stopp erlaufen hat. Die Schiedsrichterin muss das halt sehen. Die Zeiten, in denen jemand einen Ball einfach gut gibt, sind vorbei", nimmt Rittner Siegemund in Schutz und ergänzt:

"Das mag für manchen nicht die Moralvorstellung eines fairen Sportlers sein, aber so ist die heutige Sportwelt. Dass das einigen Leuten so nicht passt, das kann ich nachvollziehen, da muss sich aber jeder sein eigenes Bild machen."

Rittner nimmt Siegemund in Schutz

Gegen Petra Martic nahm Siegemund ein Medical Timeout, kurz bevor die Kroatin zum Satzgewinn servierte. So sieht sie sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, sie würde sich nicht wirklich fair verhalten.

Hinzu kommt, dass sie nach Fehlern ihrer Gegnerinnen gerne mal applaudiert oder nach eigenen Punkten hin und wieder sehr schrill aufschreit.

"Laura reizt die Dinge manchmal aus. Es wird ihr oft als unfair ausgelegt, dass sie zum Beispiel nach einem verlorenen Satz den Platz verlässt und sich umzieht oder eine Auszeit nimmt oder sich auch zwischen den Punkten gerne viel Zeit lässt. Aber dafür gibt es Regeln, und sie bewegt sich im Rahmen dieser Regeln. Dass sie dabei eine Verwarnung riskiert, nimmt sie in Kauf", erklärt die ehemalige Kapitänin des deutschen Fed-Cup-Teams.

Und selbst bei einer Verwarnung würde Siegemund nicht jammern, denn das ist einfach nicht ihr Ding ...