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München und New York City - Alexander Zverev verbindet bei den US Open Lockerheit und Nervenstärke. Dass er so gereift wirkt, hat auch mit den besonderen Umständen des Turniers in New York zu tun.

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Dass dieses Aufschlagsspiel wirklich der Moment war, in dem das ganze Match zugunsten von Alexander Zverev kippen würde, ist nur zu vermuten.

Wie der Deutsche nach dem Spiel aber über diese Situation sprach, sagt zumindest einiges über seine Verfassung in diesen Tagen bei den US Open aus.

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Es stand also 1:6 und 2:4 aus der Sicht des Hamburgers, und viel sprach zu dieser Zeit nicht für ihn. Außer seine Einstellung.

"Ich habe mir überhaupt keine Sorgen gemacht, um ehrlich zu sein", sagte der 23-Jährige bei Eurosport über sein Befinden beim angesprochenen Spielstand. "Wenn ich so weiter spiele, fahre ich eben nach Hause." (Spielplan und Ergebnisse der US Open 2020)

Zverev erster deutscher US-Open-Halbfinalist seit Becker

Es ist auch diese Lockerheit, die ihn in New York von Sieg zu Sieg eilen lässt. Am Dienstag gewann er bereits sein fünftes Match bei den diesjährigen US Open.

Nach dem 1:6, 7:6, 7:6 und 6:3 gegen den Kroaten Borna Coric steht Zverev als erster Deutscher seit Boris Becker 1995 im Halbfinale des Grand-Slam-Turniers in New York.

Und eben dieser Boris Becker machte anschließend seinem Nachfolger ein großes Kompliment. "Du hast eine mentale Stärke gezeigt, die ich so noch nie gesehen habe", lobte er Deutschlands Top-Spieler im Gespräch mit Zverev.

Doch woher kommt diese Lockerheit? Wenn man sich die Schlagzeilen um Zverev in den vergangenen Monaten ansah, hätte man eher einen missmutigen Spieler auf den Courts in Flushing Meadows erwarten können, der mit sich und der Welt hadert.

Zverev lässt Negativ-Erlebnisse hinter sich

Die Teilnahme an der umstrittenen Adria-Tour von Novak Djokovic mit ausschweifender Party, während auf dem West-Balkan die Corona-Zahlen wieder zunahmen. Die Bilder einer weiteren Feier in Monaco kurz nach seinem Versprechen, sich nun etwas genauer an die Abstandsregeln zu halten.

Und nicht zuletzt die angebliche und in den Boulevard-Medien ausgeschlachtete Trennung von seiner Freundin Brenda Patea, einer ehemaligen Kandidatin der TV-Show "Germany's Next Topmodel".

All das scheint er hinter sich gelassen zu haben. Und bei aller Tragik um die Gründe für die Austragung dieses Major-Turniers ohne Zuschauer; auch dieser Umstand dürfte zumindest ein Grund für Zverevs anhaltendes Hoch sein. Schließlich kann er sich in der Blase von New York, wo sehr viele Menschen dem Coronavirus zum Opfer fielen, ungestört nur auf sich und sein Spiel konzentrieren.

Gegen Coric zeigte er abermals, dass er auch in den schwierigen Situationen gereift ist. Er ließ sich weder von den eigenen Fehlern noch davon beeinflussen, dass sein Gegner immer wieder den Platz verließ, um die verschwitzten Klamotten zu wechseln.

Becker: "Er ist sehr erwachsen"

"Er ist sehr erwachsen. Es gab genügend Gründe, mal den Schläger zu werfen, mal herumzuschreien. Das hat er nicht gemacht", analysierte Becker als Experte von Eurosport.

Wie stark sich Zverev mental derzeit tatsächlich präsentiert, belegt eine Statistik eindrucksvoll. Sein Gegner hatte 15 Breakbälle, von denen er nur vier nutzen konnte. Anders ausgedrückt: Zverev wehrte elf (!!!) Breakbälle ab. Ihm selbst reichten für die drei entscheidenden Breaks nur acht Chancen.

Obwohl er nicht bei ihm ist, kann man hinter diesen Zahlen und Eindrücken auch bereits die Handschrift seines neuen Trainers David Ferrer erkennen. Der Spanier war bis 2019 selbst noch aktiv und stand immer für Kontinuität und Willenskraft.

"Ferrer hat immer sehr schlau gespielt, seine Waffen immer sehr gut eingesetzt. Insofern kann er mit Sicherheit da auch die eine oder andere Hilfe geben", hatte Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann schon Anfang Juli bei SPORT1 gesagt.

Auch in Sachen Disziplin könne Ferrer positiv auf seinen Schützling einwirken, meinte Kohlmann, "weil er sehr diszipliniert sein Leben gestaltet hat und deswegen auch so erfolgreich war".

Zverev in Kontakt mit Ferrer

Mit Ferrer ist Zverev auch aus den USA regelmäßig in Kontakt. "Wir telefonieren jeden Tag vor dem Match. Er hat Kontakt zu dem Trainer, der hier ist", sagte Zverev und ließ durchblicken, dass der Spanier auch über die Trainingspläne in New York ständig im Bilde ist.

Ferrer wird ihn auch auf das Halbfinale gegen seinen Landsmann Pablo Carreno-Busta bestmöglich einstellen. Der Spanier hatte im Achtelfinale davon profitiert, dass sein Gegner Novak Djokovic wegen unsportlichen Verhaltens disqualifiziert wurde.

Eine Entscheidung, die auch Zverev in den Favoritenkreis gespült hatte. "Ich würde das Turnier liebend gerne gewinnen", sagte er und nannte auch einen Grund, warum das gar nicht mal so unwahrscheinlich ist: "Um gegen mich bei einem Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, musst du drei Sätze gewinnen."

Das müsse man zwar gegen jeden anderen Gegner auch, relativierte Zverev. Aber gegen ihn ist das derzeit doch etwas schwerer als gegen die meisten anderen.