Der deutsche Trainer Sascha Bajin führte Naomi Osaka ins Halbfinale der US Open
Der deutsche Trainer Sascha Bajin führte Naomi Osaka ins Halbfinale der US Open © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images

München - Bei den US Open steht Naomi Osaka erstmals im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Bei SPORT1 spricht ihr Trainer Sascha Bajin über den Erfolg und wie es dazu kam.

von Sven Sartison

Bei den US Open steht die Japanerin Naomi Osaka erstmals im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. In der Nacht auf Freitag (ab 2.15 Uhr im LIVETICKER) kämpft sie gegen die US-Amerikanerin Madison Keys um den Einzug in das Finale. Dort könnte es zu einem Duell mit Superstar Serena Williams kommen.

Einer, der Williams besonders gut kennt, ist Osakas Coach Sascha Bajin. Lange arbeitete der 33-Jährige als Trainer der 23-maligen Grand-Slam-Siegerin, heute betreut er die 20-jährige Osaka.

Im SPORT1-Interview spricht Bajin über die Unterschiede zwischen Williams und Osaka sowie die besondere Beziehung Osakas zu ihrer japanischen Heimat.

SPORT1: Sie haben einmal gesagt, "Naomi hat keine Angst vor der großen Bühne, darum glaube ich, dass sie etwas Großes in sich trägt." Trauen Sie ihr schon den Sieg bei den US Open zu?

Sascha Bajin: Selbstverständlich. Wir sind hier noch lange nicht fertig und sind nicht hierhergekommen, um ins Halbfinale zu kommen. Ich bin schon immer auf jedes Turnier mit meinen Spielerinnen gefahren mit dem Ziel, das Turnier auch zu gewinnen. Wir geben uns hier jede Mühe und nehmen es eine Runde nach der anderen, aber wir sind noch lange nicht zufrieden. Natürlich ist das Resultat bislang gut, aber es sind noch zwei Matches zu erledigen. (Der komplette Spielplan der Damen)

SPORT1: Das Viertelfinal-Spiel gegen Lesja Tsurenko war sehr eindeutig. Was kann Naomi Osaka überhaupt noch verbessern?

Bajin: Auch im Spiel gegen Tsurenko gab es zwei Kleinigkeiten, die Naomi nicht so gut gemacht hat. Insgesamt war ich jedoch sehr zufrieden. Sie hat ihre Emotionen in den Griff und ihre Nervosität unter Kontrolle bekommen. Es war ihre erste Möglichkeit, bei einem Grand Slam ins Halbfinale zu kommen, und das gegen eine ungesetzte Spielerin. Folglich war sie die Favoritin und der Druck entsprechend hoch. Ich bin sehr stolz darauf, wie sie das gemeistert hat. Nach solchen Spielen versuche ich aber nur positives Feedback zu geben, um noch mehr Selbstbewusstsein mit in die nächste Runde zu nehmen.

SPORT1: Sie haben lange Jahre mit Serena Williams gearbeitet. Inwieweit kann man die Arbeit mit ihr und Naomi vergleichen?

Bajin: Die Arbeit mit Serena war ein wenig anders. Es sind ja auch komplett unterschiedliche Typen. Serena hatte schon bevor wir zusammen gearbeitet haben acht Grand-Slam-Titel gewonnen. Dazu war sie älter und erfahrener und wusste, was sie machen muss, um an der Weltspitze mitzuspielen. Sie war bereits eine komplette Spielerin. Bei ihr musste ich dafür sorgen dass sie fit ist und Lust hat auf Tennis. Naomi ist dagegen eine junge und aufstrebende Spielerin, für die alles noch Neuland ist. Sie braucht Struktur - in ihren Schlägen und ihrer Mentalität, wie sie Spiele angeht. Sie weiß selbst noch nicht genau, wann sie Gas geben muss und wann nicht. Sie muss geduldiger werden.

In Miami hat Naomi Osaka Serena Williams gleich zum Auftakt mit 6:3 und 6:2 besiegt
In Miami hat Naomi Osaka Serena Williams gleich zum Auftakt mit 6:3 und 6:2 besiegt © Getty Images

SPORT1: Gibt es Parallelen oder Unterschiede zwischen den beiden abseits des Courts?

Bajin: Vom Typ her sind sie relativ verschieden. Selbst wenn Naomi ähnlich spielt, ist sie ruhiger und zurückhaltender. Dagegen ist Serena deutlich aggressiver auf dem Platz – auch von der Mentalität her. Das beeinflusst die Zusammenarbeit mit einer Spielerin enorm. 

SPORT1: In einem möglichen Finale könnte Naomi Osaka auf Serena Williams treffen. Wäre das für Sie ein Vorteil, da Sie Serena ja aus dem Effeff kennen und Osaka somit wichtige Tipps geben können?

Bajin: Ob das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. Serena hat nicht so viele Schwächen. Gerade wenn man sich ihre Statistik in Grand-Slam-Finals anschaut, hat sie nicht viele verloren. Wir haben erst einmal das Halbfinale vor uns. Wenn Gott will und alles so zusammenläuft, dass wir im Finale auf Serena treffen, kann ich ihr natürlich Tipps geben. Aber es gibt kaum Schwächen, die Naomi wirklich nutzen könnte. 

SPORT1: Zuletzt war davon zu lesen, dass Osaka in Japan unter gehörigem Druck steht, da sie dort von vielen Landsleuten wegen ihrer dunklen Hautfarbe nur als Halbjapanerin gesehen wird. Wie äußert sich dieser Druck? Immerhin lebt Sie seit dem Kindesalter in den USA.

Bajin: Sie ist sehr stolz auf ihre japanische Herkunft. Wir waren dort beim Fed Cup gegen Großbritannien, und die Unterstützung ist einzigartig. Ich sage ihr immer wieder, dass der Druck etwas Gutes ist. Kann man damit umgehen, kann man das für sich selbst nutzen. Je mehr Druck man hat, desto mehr muss man eigentlich auch erreicht haben im Leben. Denn wenn keiner etwas von dir erwartet und kein Druck da ist, bist du quasi ein Niemand. Ich probiere ihr klar zu machen, dass das etwas Positives ist. Wie genau ihre Situation als Halbjapanerin ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass das Land sie unterstützt und die Leute sie mögen. 

SPORT1: Olympia findet 2020 in Tokio statt. Für Osaka wäre es ein Heimspiel. Wie sehr hat sie das bereits im Hinterkopf, was sind ihre eigenen Ansprüche und was trauen Sie ihr zu?

Bajin: Bis dahin dauert es noch zwei Jahre. Wir wollen zuerst die Saison so gut wie möglich beenden. Dann steht im nächsten Jahr die Titelverteidigung in Indian Wells an. Außerdem will sie ihre Position in der Weltspitze bestätigen - das wird schwer genug. Erst dann schauen wir ins Jahr 2020. So weit voraus planen wir nicht.

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