München - Unfair? Sexistisch? Serena Williams' Attacke auf den US-Open-Schiri bewegt die Sport-Welt. Hat sie recht? SPORT1 befragt DTB-Tennis-Chefin Barbara Rittner.

von Franziska Wendler

Mit ihrem Ausraster beim Damenfinale der US Open hat Serena Williams für Negativ-Schlagzeilen gesorgt.

Nachdem Stuhlschiedsrichter Carlos Ramos sie wegen unerlaubten Coachings zu Beginn des zweiten Satzes verwarnt hatte, attackierte ihn Williams verbal. Wenig später zerstörte sie aus Frust ihren Schläger. Nach dem Spiel warf sie dem Unparteiischen Sexismus vor. 

Für das Schiedsrichter-Büro des Grand-Slam-Turniers in Flushing Meadows Grund genug, die Tennis-Ikone zu einer Geldstrafe von 17.000 Dollar (14.700 Euro) zu verdonnern.

Barbara Rittner, Head of Women's Tennis beim DTB, kann Williams Verhalten nicht nachvollziehen. Im SPORT1-Interview spricht Rittner über den Ausraster, die Rolle des Schiedsrichters, Naomi Osakas sportliche Zukunft und die Sexismus-Debatte.

SPORT1: Das Verhalten von Serena Williams beim Finale der US Open hat für viel Aufsehen gesorgt. Können Sie ihre Verhaltensweisen in irgendeiner Form nachvollziehen?

Barbara Rittner: Nein. Ich persönlich glaube, dass Serena Williams den Traum lebt, mindestens 24, wenn nicht sogar 25 Grand Slams zu gewinnen, um damit die beste Spielerin aller Zeiten zu sein. Die Jagd nach Rekorden hat sich in ihrem Kopf eingebrannt. Als Naomi Osaka auf alles eine Antwort hatte, war Serena von der Situation überrascht. Während sie realisiert hat dass sie verlieren könnte, sind die Emotionen mit ihr durchgegangen.

SPORT1: Welche Rolle hat der Schiedsrichter gespielt?

Rittner: Carlos Ramos hat wenig Fingerspitzengefühl bewiesen. Er ist eigentlich ein guter und erfahrener Schiedsrichter. Trainer Patrick Mouratoglou hat Serena Handzeichen gegeben und dies auch im Anschluss zugegeben, ich glaube aber, dass Serena das nicht gesehen hat. Der Schiedsrichter hätte Serena aber erst einmal inoffiziell zu sich rufen können und ihr eine Verwarnung androhen können, anstatt gleich eine offizielle Verwarnung auszusprechen. Serena hat sich zu Beginn zu Recht aufgeregt, weil sie die Anweisungen ihres Trainers nicht mitbekommen hat.

SPORT1: Nachdem sie ihren Schläger zertrümmert hat, wurde sie zum zweiten Mal verwarnt. Im Anschluss daran ist sie erneut auf den Schiedsrichter losgegangen. Warum?

Rittner: Nach der zweiten Verwarnung ist sie einfach ausgeflippt und wurde irrational. Sie hatte Glück, dass sie nicht komplett disqualifiziert wurde, weil sie den Schiedsrichter nach einer berechtigten Verwarnung beleidigt hat. Hätte der Referee auf die erste Verwarnung verzichtet, hätte es nach der Zerstörung des Schlägers auch keinen Punktabzug gegeben. Vielleicht hätte Serena dann noch ein wenig mehr zu sich finden können.

SPORT1: Hätte Serena Ihrer Meinung nach eine Chance gehabt, das Match zu gewinnen, wenn sie sich besser im Griff gehabt hätte?

Rittner: Nein. Osaka war die bessere Spielerin und hat unheimlich cool und souverän gespielt. Sie hatte auf alles eine Antwort und hätte das auch durchgezogen, wenn Serena nicht ausgerastet wäre. Sie hat die US Open völlig zu Recht gewonnen.

SPORT1: Müsste sich eine Spielerin wie Serena Williams, die 23 Grand Slams gewonnen und enorm viel Erfahrung hat, nicht besser im Griff haben?

Rittner: Natürlich sollte und müsste man das in diesem Alter mit ihrer Erfahrung, aber sie ist sehr emotional, seit der Geburt ihrer Tochter noch mehr. Nichtsdestotrotz müsste sie sich Osaka gegenüber entschuldigen oder zumindest noch einmal bekunden, dass es ihr leid tut. Sie hat dies bei der Siegerehrung zwar versucht, aber das Publikum hat extrem unangemessen reagiert. Alle wollten den Traum vom 24. Titel wahr machen. Erst als Serena versucht hat, die Situation zu retten, hat das Publikum Osaka den nötigen Respekt gezollt.

US-Open-Siegerin Naomi Osaka (l.) brauchte am Ende Zuspruch von Serena Williams
US-Open-Siegerin Naomi Osaka (l.) brauchte am Ende Zuspruch von Serena Williams © Getty Images

SPORT1: Serena ist mittlerweile 36 Jahre alt. Wie hoch ist die Chance, dass sie die Grand-Slam-Titel 24 und 25 noch holt?

Rittner: Ihr rennt mittlerweile die Zeit davon. Serena wird nicht jünger und du musst bei einem Grand Slam immer wieder über zwei Wochen gesund bleiben. Außerdem steht ihr mit Osaka nun eine Spielerin gegenüber, die sie immer schlagen kann. Das US-Open-Finale war keine Eintagsfliege, Osaka wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Es wird also nicht leichter, dennoch muss man mit Serena Williams immer rechnen.

Sport1: Hat Serena Williams mit ihrem Verhalten Naomi Osaka ihren ersten Grand-Slam-Sieg verdorben?

Rittner: Williams hat Osaka den Moment des Sieges genommen und die Show gestohlen. Es geht komplett unter, was für eine unfassbar starke Leistung Osaka bei den US Open abgeliefert hat. Sie war die absolut beste Spielerin. Dennoch wird sie in der Nachbetrachtung mit ihrem Trainer die Situation richtig analysieren und aufarbeiten. Dann wird sie mit Stolz erkennen, was sie erreicht hat. Ich glaube nicht, dass es ihr letzter Grand-Slam-Titel war.

SPORT1: Nach der Partie hat Serena Williams dem Schiedsrichter auf der Pressekonferenz vorgeworfen, sie sexistisch behandelt zu haben. Bei einem männlichen Spieler würden demnach weniger gravierende Strafen ausgesprochen als bei ihr. Wie stehen Sie dazu?

Rittner: Die ganze Sexismus-Debatte ist meiner Meinung nach an den Haaren herbeigezogen. Carlos Ramos würde auch in einem Herren-Finale entsprechende Verwarnungen aussprechen, insofern kann ich ihre Meinung nicht teilen. Ich finde das gesamte Thema viel zu sehr aufgebauscht. Der Schiedsrichter hat zwar sehr hart durchgegriffen, dafür ist er aber bekannt. Zudem war alles regelkonform.

SPORT1: Können Sie mit Sexismus-Vorwürfen im Tennis generell etwas anfangen? Werden Frauen schlechter behandelt als Männer?

Rittner: Ich finde die Debatte falsch und völlig überzogen. Es ist alles zu viel Drama.

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