Philipp Kohlschreiber will in New York endlich ins Viertelfinale
Philipp Kohlschreiber will in New York endlich ins Viertelfinale © SPORT1-Grafik: Getty Images

Nur noch Philipp Kohlschreiber hält bei den US Open die deutsche Fahne hoch. Er gilt lange als Stinkstiefel. Doch im Herbst seiner Karriere kommt die Wandlung.

von Michael Prieler

Generationenwechsel auf der ATP-Tour? Nicht mit den noch immer hungrigen Oldies! (Der komplette US Open Spielplan der Männer)

An der Spitze der Weltrangliste lassen sich Rafael Nadal, Roger Federer, Novak Djokovic und Co. einfach nicht vertreiben. Und selbst im deutschen Tennis wehrt ein alter Hase die Attacken der aufstrebenden Jugend ab. 

Philipp Kohlschreiber, immerhin schon stolze 34, schaltete in der 3. Runde der US Open den 13 Jahre jüngeren Alexander Zverev aus, spielte mit der Nummer vier der Weltrangliste teilweise Katz und Maus. Er hält damit als einziger Tennis-Profi in der zweiten Woche die deutsche Fahne hoch. Ab 17 Uhr (im LIVETICKER) fordert er den Japaner Kei Nishikori heraus.

"Vielleicht habe ich ihm und seinem Team gezeigt, wo er noch nicht weltklasse ist", ließ sich der gebürtige Augsburger nach dem Coup eine kleine Spitze gegen seinen Landsmann Zverev nicht nehmen.

Ruf als Querkopf

Unterschiedlicher könnten die Werdegänge der beiden aktuellen deutschen Spitzenspieler kaum sein. Während "Kohli" zu Beginn seiner Profi-Karriere 2001 das große Erbe der Giganten Boris Becker und Michael Stich antreten sollte, war das deutsche Herren-Tennis bei Zverevs Durchbruch beinahe in der Versenkung verschwunden.

Einen Hype, wie ihn der 21-jährigen Shootingstar nach seinen ersten Erfolgen auslöste, erlebte Kohlschreiber nie. Im Gegenteil: Lange Zeit haftete ihm in der Öffentlichkeit ein eher zweifelhafter Ruf an, der zwischen streitbarem Querkopf und Stinkstiefel hin und her pendelte.

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Egoismus-Vorwürfe

Der Mann mit der lehrbuchhaften einhändigen Rückhand steht zwar seit zwölf Jahren ununterbrochen unter den Top 100 der Welt und sammelte insgesamt acht Turniersiege auf der ATP-Tour. Sein Verhalten abseits des Platzes sorgte aber mehrfach für Ärger.

Stichwort: Davis Cup. Immer wieder musste sich Kohlschreiber im Rahmen des prestigeträchtigen Team-Wettbewerbs Egoismus-Vorwürfe gefallen lassen, weil er Matches wegen angeblicher Verletzungsproblemen absagte.

Beim Spiel gegen Spanien vor vier Jahren rauschten seine Sympathiewerte in den Keller, nachdem er sich nicht im Stande sah, zum dritten Einzel anzutreten. Das deutsche Team führte damals schon uneinholbar mit 3:0. Kohlschreiber wurde gnadenlos ausgepfiffen. 

Der Eklat und anschließende Machtkampf gipfelte in der Entlassung von Team-Chef Carsten Ariens. Auch mit dessen Vorgänger Patrick Kühnen hatte sich Kohlschreiber schon heillos zestritten.

Zoff mit Trainern und Mitspielern

Dass Kohlschreiber bei seinen Meinungsverschiedenheiten mit Trainern und Mitspielern bisweilen die Diplomatie vermissen ließ, steht außer Frage.

"Wir sind kein Team, das durch Freundschaft glänzt. Wir sind unterschiedliche Charaktere, die sich wie Magnetpole voneinander weg bewegen", konstatierte der Rechtshänder 2012 auf dem Höhepunkt des Zwists mit Kühnen und dem damaligen Spitzenspieler Tommy Haas ("Wir gehen uns aus dem Weg") - und wurde vom Captain aus dem Team geworfen.

Das öffentliche Armdrücken mit Kohlschreiber verlor Kühnen letztlich aber genauso wie später Ariens. Genugtuung verschaffte dies dem Augsburger indes nicht. Er fühlte sich eher missverstanden: "Bin ich ruhig, bin ich der Böse. Sage ich etwas, bin ich auch der Böse", haderte Kohlschreiber damals.

Kohlschreiber zeigt sich geläutert

Im Herbst seiner Karriere zeigt sich Kohlschreiber einsichtig: "Ich habe dazugelernt", sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Er wisse, dass er zu oft "angeeckt" habe, dass er sich "gewehrt" habe, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Mit dem Alter sei er dagegen lockerer geworden: "Ich bin vielleicht ein besserer, umgänglicherer Mensch geworden." Das hilft Kohlschreiber im hohen Tennisalter nun auch auf dem Platz.

Nach dem Sieg gegen Zverev steht "Kohli" zum fünften Mal in New York im Achtelfinale. Bei keinem anderen Grand Slam spielt der Deutsche so konstant gut. Ins Viertelfinale stieß er in Flushing Meadows allerdings noch nie vor.

Das könnte sich am Montag gegen Nishikori ändern. Zwar verlor Kohlschreiber beide bisherigen Aufeinandertreffen mit dem Japaner, nach einer langen Verletzungspause ist der US-Open-Finalist von 2014 allerdings noch nicht wieder ganz in der Form früherer Tage.

Der "neue Kohlschreiber" erlebt dagegen dank der nötigen Lockerheit gerade seinen zweiten Frühling.