Für Roger Federer (r.) haben Nick Kyrgios (l.) und Alexander Zverev (m.) nicht die Klasse von Nadal
Für Roger Federer (r.) haben Nick Kyrgios (l.) und Alexander Zverev (m.) nicht die Klasse von Nadal © SPORT1-Grafik: Getty Images

München - Alexander Zverev und Nick Kyrgios zählten einst zur gefeierten Next Gen. Doch Hitzköpfigkeit und Arroganz bringen ihnen viele Feinde. Auch Federer übt Kritik.

von Stefan Schnürle

"We need a clown for this circus" - das sagte Rekord-Grand-Slam-Champion Roger Federer 2015 in Madrid während einer Partie gegen Nick Kyrgios.

Die häufigste Frage auf Social Media danach lautete: Wozu sucht Federer einen Clown, wenn auf der anderen Seite Kyrgios steht? Es sagt viel über den Ruf, den sich der Australier bei den Tennis-Fans erarbeitet hat.

Federer erklärte später, dass er seine Aussage nur aus Verärgerung über Linienrichter-Entscheidungen getroffen hatte - doch ob bewusst oder nicht: Mit "Zirkus" hatte er auch perfekt die Atmosphäre einer Kyrgios-Partie beschrieben.

Aushängeschilder Kyrgios und Zverev 

Kyrgios ist neben Alexander Zverev das Aushängeschild der von der ATP groß vermarkteten Next Gen. Nachdem die Generation nach Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic als "verlorene" gilt, sollte diese wieder für Glanzlichter sorgen.

Doch aktuell arbeitet die jüngste Generation eher daran, als die "verhasste" in die Geschichtsbücher einzugehen. Verzogen, hitzköpfig, arrogant, unbelehrbar sind nur einige Vorwürfe, die sich Kyrgios, Zverev und Co. anhören müssen.

Zverevs Aussagen nach seiner Niederlage in Toronto gegen Next-Gen-Kollege Stefanos Tsitsipas zuletzt waren Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker. Die Leistung seines Gegners kommentierte der 21-Jährige mit den Worten: "Ich denke nicht, dass er gut gespielt hat. Ich denke, das Match war erbärmlich auf allen Ebenen."

Zverev muss von Federer lernen

Wer das Match sah, wird Zverev zustimmen - weder er noch Tsitsipas hatten an ihrem Limit gespielt. Doch es ist eine Sache, dies in der Nachbesprechung mit dem Trainer anzumerken und eine andere, einen der größten Siege in der Karriere des Gegners öffentlich schlecht zu reden.

Wie man es clever lösen kann, ohne zu lügen, bewies Federer eine Woche später. Im Finale gegen Djokovic zeigten beide nicht ihr bestes Tennis und vor allem Federer leistete sich ungewöhnlich viele Return-Fehler.

Als Federer nach der Partie zu seiner mäßigen Leistung gefragt wurde, entgegnete er: "Novak ist ein großartiger Champion und darum sollte es in dieser Pressekonferenz gehen. Nicht darum, ob ich bei zweiten Aufschlägen Returnfehler machte. Er hat Geschichte geschrieben."

Zerstörte Schläger und verletzte Schiris 

Auch andere Next-Gen-Mitglieder fallen immer wieder durch flegelhaftes Benehmen auf. Borna Coric zerstört gerne einmal mehrere Schläger auf einmal und Denis Shapovalov schoss nach einem Wutanfall sogar einen Ball auf den Schiedsrichter, der dabei einen Bruch der Augenhöhle erlitt.

Daniil Medvedev warf in Wimbledon 2017 Münzen vor den Stuhl der Schiedsrichterin. Im März trafen mit dem Russen und Tsitsipas gleich zwei Hitzköpfe aufeinander. Es hagelte obszöne Beschimpfungen und am Ende musste der Schiedsrichter einschreiten, um eine Schlägerei zu verhindern.

Kyrgios kommentierte es süffisant: "Die beiden werden sowieso nichts reißen." Er schwebt sowieso in anderen Sphären - Kyrgios flucht, schenkt Spiele ab oder beleidigt gar die Freundinnen des Gegners, wie im Falle von Stan Wawrinka.

Kyrgios vergisst Schuhe bei Match

Wer denkt, mit dem Alter kommt Weisheit, sieht sich bei Kyrgios getäuscht. Der 23-Jährige leistet sich immer mehr Aussetzer, vergaß jüngst seine Tennisschuhe bei einem Match oder lief bei Returnspielen vorzeitig zur Bank, um seine Unlust zu demonstrieren.

Da Kyrgios unfassbar begabt ist, gewinnt er solche Partien oft dennoch. Doch einen Grand Slam holt man mit dieser Lustlos-Einstellung nicht. Selbige kann man Zverev sicher nicht vorwerfen. Doch auch er wartet bei Grand Slams noch auf den Durchbruch.

Bisher konnte man das mit der fehlenden Erfahrung rechtfertigen. Doch bei den US Open (tägl. im LIVETICKER) wird Zverev zum 14. Mal in einem Hauptfeld stehen. Nadal hatte in Zverevs Alter bereits drei Grand-Slam-Titel gewonnen.

Federer: Youngster nicht auf Nadal-Niveau

Für Federer sind Kyrgios, Zverev und Co. aber sowieso nicht auf einem Level wie Nadal. "Wir reden hier von einem extrem hohen Niveau. Diese Jungs haben dieses zum Glück nicht - sonst wäre ich nicht dort platziert, wo ich bin", sagte der Schweizer dem Daily Express.

Für Federer liegt dies auch daran, wie ausrechenbar viele seiner jungen Gegner sind, die selbst auf Rasen kaum ans Netz kommen: "Es ist erschreckend auf diesem Level zu sehen. Aber für mich ist es großartig zu wissen, dass mein Gegner sowieso nicht Serve-and-Volley spielt."

Anders als Kyrgios bringen Zverev und die anderen Youngster zumindest den Willen mit, um an ihren Schwächen zu arbeiten. Mit dem Erfolg dürfte dann auch die Beliebtheit steigen - und wenn nicht, ist das den Bad Boys sicher auch egal.