München - Angelique Kerber und Julia Görges können in Wimbledon Geschichte schreiben. Bei SPORT1 spricht Barbara Rittner über Görges' Durchbruch und ein deutsches Finale.

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Angelique Kerber und Julia Görges sind kurz davor Geschichte zu schreiben: Beiden fehlt nur ein Sieg, um das erste deutsche Finale in Wimbledon seit 1931 perfekt zu machen.

Mit Jelena Ostapenko (ab 14 Uhr im LIVETICKER), der French-Open-Siegerin 2017, und der 23-maligen Grand-Slam-Siegerin Serena Williams (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) warten im Halbfinale allerdings starke Gegnerinnen.

Barbara Rittner, Head of Women's Tennis beim DTB, kennt Görges und Kerber bestens. Im SPORT1-Interview spricht Rittner über die Leistungsexplosion bei Görges, Kerbers Chancen und mögliche Folgen eines deutschen Endspiels.

Barbara Rittner über...

...den Durchmarsch von Görges nach fünf Wimbledon-Erstrundenpleiten in Folge:

"Sie hatte oft schwierige Auslosungen. 2014 unterlag sie knapp Lucie Safarova, die bis ins Halbfinale kam. Das Finale in Mallorca 2017 war wichtig. Da merkte sie, dass sie auch auf Rasen gut mitspielen kann. Dies gepaart mit der Konstanz, die sie vor allem durch körperliche Arbeit erreicht hat. Dazu ihre Aufschlagstärke, die konstanter geworden ist. Bei Julia hätte man das auf Rasen vielleicht am wenigsten erwartet, aber genau wie Angie kann sie auf jedem Belag Weltklasse-Tennis spielen."

...den Leistungssprung von Görges auf Rasen:

"Man braucht für Rasen eine gute Fitness. Es ist entscheidend, den einen Ball noch kontern zu können. Dafür braucht man viel Kraft in den Beinen und eine gute Fitness. Das ist ein Riesenpunkt, an dem Görges mit ihrem neuen Team seit 2015 gearbeitet hat. Sie bewegt sich viel besser und ist tiefer bei den Schlägen. Das zahlt sich besonders auf Rasen aus."

...die Ursachen, warum Görges zuvor nie über das Grand-Slam-Achtelfinale hinaus gekommen war:

"Es ist die Konstanz. Dass sie nicht im Laufe des Turniers immer müder wird und es eine tiefe Zufriedenheit gibt. Da verliert man dann Matches, die man nicht verlieren muss. Es ist auch auslosungsabhängig. In Paris dachte ich, Jule kommt ins Viertelfinale - aber dann traf sie auf eine unglaublich spielende Serena Williams. Diese körperliche Entwicklung gepaart mit der mentalen Stärke macht es aus."

...die Gründe für die Leistungsexplosion von Görges:

"Ich glaube, ihr Team macht einen großartigen Job. Allen voran Michael Geserer (Trainer, Anm. d. Red), der sich auch um mentale Geschichten kümmert. Mit Florian Zitzelsberger (Physiotherapeut, Anm. d. Red.) arbeitet sie viel härter an sich und hat zudem eine gute Regenerationsmöglichkeit. Jule muss sich wohl fühlen, um ihr Bestes abrufen zu können. Mit dem Wechsel nach Regensburg hat sich noch einmal neue Ziele gesetzt."

...die Chancen auf ein deutsches Finale:

"Die Chancen sind fifty-fifty. Das schwerere Halbfinale hat Jule. Sie muss gegen Serena Williams ran, für die ein Wimbledon-Halbfinale selbstverständlich ist. Man muss gucken, wie sie mit der Atmosphäre auf dem Centre Court klarkommt. Es gibt viele - wie Sabine Lisicki im Finale damals - die von der Atmosphäre erdrückt wurden. Wenn das passiert, schlägt eine Serena zu. Es ist eine mentale Geschichte. Spielerisch ist sie im Moment mit Serena mindestens auf Augenhöhe."

...das aktuelle Leistungsvermögen von Serena Williams:

"Bei 100 Prozent ist sie nicht. Sonst wäre sie anders durch das Feld gegangen. Aber es ist bemerkenswert, dass sie schon im Halbfinale steht und wie sie sich in engen Partien mit ihrem Kampfgeist durchfightet. Körperlich fehlt ihr nach der Geburt ihrer Tochter schon noch etwas. Aber sie holt das Maximum raus. Mit 100 Prozent wäre sie auf Rasen die Topfavoritin."

...Kerbers Chancen im Halbfinale gegen Jelena Ostapenko:

"Solange Ostapenko nicht einen riesigen Lauf hat - was ich im Wimbledon-Halbfinale nicht glaube - ist Angie zu konstant und cool. Angie hat sicher nur ein Ziel: Wimbledon gewinnen. Wenn sie annähernd ihre Leistung wie gegen Kasatkina abruft, schafft sie es. Ich glaube, dass sie selbst gegen eine Gala-Ostapenko die Konstantere am Ende wäre. Die Gefahr bei Ostapenko ist, dass sie wenig Respekt hat. Sie wird sich nicht im Weg stehen - das hat sie bei ihrem Triumph in Paris gezeigt."

 ...die Schwierigkeit für Görges und Kerber womöglich im Finale gegen eine Freundin spielen zu müssen:

"Beide sind in ihrem Umfeld so professionell aufgestellt, dass sie sich gut drauf vorzubereiten könnten. Ich würde trotzdem Angie im Vorteil sehen, da sie bereits ein Wimbledon-Finale gespielt und zwei Grand Slams gewonnen hat. Wenn du erstmals in einem Grand-Slam-Finale stehst, gehen dir viele Dinge im Kopf rum. Wenngleich Jule eine ist, die recht cool mit Situationen umgehen und zudem ihr kleines Team um sich herum hat, die sie beruhigen kann."

...die Chancen für einen Tennis-Boom:

"Ich glaube, Sky müsste das Ding einmal freischalten - Halbfinale und Finale. Das müssten doch viel mehr sehen. Es sind viele traurig, die es gerne sehen würden, aber nicht können. Ein deutsches Finale würde sicher voll durch die Presse gehen. Dass das den großen Boom auslöst, wurde schon oft spekuliert - ich glaub eher nicht daran."