Boris Becker (l.) und Novak Djokovic (r.) trafen sich am Rande der French Open
Boris Becker (l.) und Novak Djokovic (r.) trafen sich am Rande der French Open © Getty Images
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Novak Djokovic steckt nicht erst seit dem French-Open-Aus in der Krise. Ex-Trainer Boris Becker weiß, was ihm fehlt. Andre Agassi benötigt Unterstützung.

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Paris, Juni 2016: Mit dem Sieg bei den French Open ist Novak Djokovic endgültig der Dominator auf der ATP-Tour. Seit 1969 hatte es kein Spieler mehr geschafft, Titelträger aller vier Grand Slams zu sein.

Der Triumph bei den French Open war wie eine Erlösung für Djokovic, der jahrelang seinem letzten fehlenden Grand-Slam-Titel hinterher gerannt war.

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Nur ein Jahr später ist Djokovic auf dem Tiefpunkt angelangt: Keinen seiner vier Titel konnte der Serbe verteidigen und schied drei Mal vor dem Halbfinale aus.

Nach der Lehrstunde von Dominic Thiem im Viertelfinale von Paris rutscht er sogar erstmals seit 2011 aus den Top 2 der Weltrangliste. 

"Es ist eine Tatsache, dass ich nicht einmal annähernd mein bestes Tennis spiele. Und ich weiß das", sagte der 30-Jährige. 

Doch was muss Djokovic ändern, um wieder an die Spitze der Weltrangliste zurückzukehren? SPORT1 analysiert die Krise von Djokovic.

Becker leidet mit Djokovic

Zunächst einmal ist eine Niederlage gegen einen auf Sand extrem stark spielenden Thiem sicher keine Blamage – sogar Sandplatzkönig Rafael Nadal musste sich dem Österreicher in Rom geschlagen geben.

Doch die Art und Weise, wie sich Djokovic besonders in Satz 3 vorführen ließ, trieb seinem Ex-Trainer Boris Becker Sorgenfalten auf die Stirn. "Das tut mir jetzt ein bisschen weh. Das ist kein schönes Bild dieser Legende", litt Becker bei Eurosport mit, als Djokovic zwölf Punkte in Folge im dritten Satz verlor.

Mit Becker hatte Djokovic seine größten Erfolge gefeiert und war am Gipfel seines Schaffens angelangt. Zwar war Djokovic auch zuvor bereits ein Weltklasse-Spieler, doch die letzten zwei, drei Prozent, die ihn zum Seriensieger machten, kitzelte erst Becker heraus.

Djokovic trennt sich vom Trainer-Team

Nachdem es nach dem Triumph bei den French Open für Djokovic bergab ging, folgte im Winter die Trennung von Becker.

Die deutsche Tennis-Ikone hatte bereits damals gespürt, dass bei Djokovic das Feuer nicht mehr vollends am Lodern war. Dabei hatten die absolute Hingabe und der unbändige Siegeswillen den Serben jahrelang ausgezeichnet.

Anfang Mai folgte bei Djokovic die Trennung vom restlichen Team und kurz darauf die Verpflichtung von Andre Agassi, seinem Kindheitsidol. Doch dieser kann aufgrund anderer Verpflichtungen nur bei einigen Turnieren vor Ort sein.

"Agassi hat die zweite Woche verpasst, also dann, wenn Novak ihn am meisten gebraucht hätte. Er muss einen Tour-Coach finden, der ihn immer begleitet", forderte Becker deshalb - was übrigens auch Agassi und Djokovic so sehen.

Traumduo Becker / Agassi möglich?

Eine Traum-Lösung wäre wohl, wenn die ehemaligen Rivalen Becker und Agassi sich den Job teilen würden. Beide haben mittlerweile ein gutes Verhältnis und Becker hat zuletzt Interesse bekundet, bald wieder als Trainer zu arbeiten.

Dazu haben sich Djokovic und Becker am Rande der French Open getroffen und einige Minuten geplaudert – eine Rückkehr von Becker ins Trainerteam von Djokovic scheint dennoch sehr unwahrscheinlich.

Djokovic wird sich nach einem "normalen" Trainer umsuchen müssen, der bereit ist, ihn das ganze Jahr zu begleiten und bei den Grand Slams im Schatten von Agassi zu stehen.

2017 French Open - Day Two
2017 French Open - Day Two © Getty Images

Spaß am Tennis finden

Neben einem neuen Trainer-Team muss Djokovic aber noch etwas Zweites (wieder)finden: Den Spaß am Tennis. So stellte nicht nur Becker im Match gegen Thiem fest: "Djokovic spielt zu passiv, sehr emotionslos. Man weiß nicht, ob er führt oder nicht. Ihm macht gerade nichts Spaß."

Tatsächlich sieht man bei dem sonst so emotionalen Djokovic oft über weite Strecken der Partie kaum Regungen – und wenn doch, sind es meist negative.

Das Ballen der Faust nach einem Breakball oder das verschmitzte Lächeln, wenn er sich vom Publikum feiern lässt, nachdem er zuvor wieder einmal seine unglaublichen Defensivkünste gezeigt hat – all dies fehlt komplett.

Djokovic fehlt das Feuer

Einmal hat Djokovic in diesem Jahr dieses Feuer gezeigt: Beim Halbfinale in Rom pushte er sich von Beginn an und fegte Thiem mit 6:1, 6:0 vom Platz.

Ansonsten hat man bei Djokovic zurzeit meist den Eindruck, dass er einfach seine Pflicht erfüllt und seinem Job nachgeht, der eben auf dem Tennisplatz stattfindet – Spaß macht ihm dieser aber schon seit längerer Zeit nicht mehr.

Dass ihm ausgerechnet Tennis-Legende Andre Agassi nun diesen Spaß vermitteln soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich hatte Agassi den Tennissport aufgrund des gnadenlosen Drills seines Vaters jahrelang gehasst.

Aber womöglich ist Agassi genau deshalb auch der richtige Mann, um Djokovic zu erklären, wie er damals die Lust am Tennis wiederentdeckte.