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München und London - Alexander Zverev erklimmt bei den ATP Finals den Tennis-Thron. SPORT1 nennt die Gründe für den endgültigen Durchbruch des Super-Talents.

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"Novak (Djokovic, Anm. d. Red) und Roger (Federer, Anm. d. Red.) nacheinander in einem der größten Turniere der Welt zu bezwingen, beweist ihm und der ganzen Welt, dass er der nächste Superstar wird." Deutschlands ewiges Tennis-Idol Boris Becker kam nach dem Triumph von Alexander Zverev bei den ATP Finals am Sonntag gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus.

Seit 1995 war Becker der letzte deutsche Tennisspieler, der das Jahresabschlussturnier der besten acht Tennisspieler des Jahres für sich entschieden hatte. Jetzt hat der dreimalige Wimbledon-Champion endlich seinen Nachfolger gefunden.

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"Jahrelang haben wir gesagt, das Tennis braucht neue Gesichter und starke neue Spieler. Er hat bewiesen, dass er der Beste der neuen Generation ist", hielt Becker nach Zverevs Siegerehrung - nicht ohne einen gewissen Stolz - fest. Schließlich fungiert der 50-Jährige inzwischen als "Head of Men's Tennis" beim Deutschen Tennis Bund (DTB). Und ohne Frage: Der 21-Jährige ist Beckers bestes Pferd im Stall.

Aber bedeutet Zverevs größer Karriereerfolg auch den absoluten Durchbruch des Wunderknaben, der ja auch zuvor schon seine Extraklasse unter Beweis gestellt, gerade bei den Grand Slams aber bislang den großen Erwartungen nicht Stand gehalten hatte?

Ausgeglichen und fokussiert

Zverevs Auftritt in London deutet zumindest daraufhin. Zum Saisonabschluss wirkte der 21-Jährige so ausgeglichen und gleichzeitig fokussiert wie selten zuvor. Denn Zverev ist durchaus für sein Temperament bekannt. Nach unerzwungenen Fehlern fliegt beim gebürtigen Hamburger gern einmal der Schläger.

Genervte Blicke in die Box, gestenreiches Lamentieren und der ein oder andere unglückliche bis patzige Auftritt vor Pressemikrofonen waren bislang keine Seltenheit. Auf dem schmalen Grat zwischen angemessenem Selbstvertrauen und Arroganz schien sich Zverev, seit Kindesbeinen als Zukunft des Tennissports gefeiert, immer wieder mal zu vergaloppieren.

Doch in London präsentierte sich der beste deutsche Tennisspieler überraschend gereift. Sportlich ließ er in den Gruppenspielen gegen die Aufschlagriesen Marin Cilic und John Isner wenig anbrennen. Und selbst im ersten Aufeinandertreffen mit Djokovic, als ihn der Serbe beim 4:6, 1:6, wie schon einen Monat zuvor im Masters-Halbfinale von Shanghai (2:6, 1:6), phasenweise vorführte, blieb Zverev trotz der Unterlegenheit auffällig gelassen.

Im Halbfinale gegen sein Kindheitsidol Roger Federer bestand das Ausnahmetalent dann endgültig seine Reifeprüfung: Weder von Federers variablen Spiel, noch vom Publikum ließ sich der Deutsche aus dem Konzept bringen.

Federer steht Zverev bei

Als er im entscheidenden Tie-Break des zweiten Satzes einen Ballwechsel eigenmächtig beendete, weil ein Balljunge auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfelds einen Ball fallen ließ, reagierten die Zuschauer in der Londoner o2 World mit einem vernichtenden Pfeifkonzert, obwohl die Aktion völlig regelkonform war.

Zverev ließ sich nicht beirren, warf den "Maestro" aus dem Turnier und bewies danach im Interview Größe - ganz im Gegensatz zum weiter lautstark buhenden Publikum. "Ich wollte nicht, dass es so endet", ließ Zverev nach dem 7:5, 7:6 (7:5) gegen den Schweizer seinen Gefühlen freien Lauf: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin gerade ein bisschen verloren."

ATP-Reporterin Annabel Croft sah sich gezwungen, den Youngster, der sich immer wieder entschuldigte und sogar den Tränen nahe schien, in Schutz zu nehmen. Und auch Federer sprang seinem Bezwinger zur Seite: "Es ist alles gut, wirklich. Ich hoffe nicht, dass er eine schlaflose Nacht hat."

Zverev verdaut Tiebreak-Kontroverse

Doch genau das stand vor dem Wiedersehen mit Djokovic im Finale zu befürchten. Der Fokus aufs Wesentliche hätte bei all den Nebengeräuschen leicht verloren gehen können. Ging er aber nicht. Ganz im Gegenteil: Gegen den Dominator der zweiten Jahreshälfte wirkte Zverev vom ersten Ballwechsel an einen Schritt schneller - auf dem Court und im Kopf.

Dem Serben, der im Turnierverlauf weder einen Satz, noch ein einziges Aufschlagspiel abgeben hatte müssen, merkte man die Strapazen des langen Tennisjahres deutlich an. Zverev hatte auf jeden Schlag des Weltranglistenersten die bessere Antwort. Der Matchplan, den Neu-Coach Ivan Lendl zusammen mit Zverevs Vater ausgeheckt hatte, war perfekt - und ihr Schützling hielt sich mechanisch wie eine Ball-Maschine daran.

Nitto ATP Finals - Day Eight
Nitto ATP Finals - Day Eight © Getty Images

Auch wenn Zverev nach dem verwandelten Matchball Lendls Bedeutung für seine Entwicklung nicht überbewerten wollte und stattdessen - berechtigerweise - die Rolle seines Vaters hervorhob. Die neue Ruhe, die Souveränität und Ausgeglichenheit, die Zverev in London bewies, zeichnete einst auch den gebürtigen Tschechoslowaken aus.

Schweiger Lendl zähmte schon Murray

Auch er schien auf dem Platz oft mehr Maschine als Mensch zu sein. Und wer Lendl als Betreuer in Zverevs Box erlebt, könnte sich heutzutage noch immer Sorgen um dessen Puls machen. Auf eine Regung oder gar ein Wort wartet man beim 58-Jährigen selbst während Fünf-Satz-Matches vergebens.

Zwischen 2012 und 2016 zähmte der große Schweiger bereits den Schotten Andy Murray und führte den Hitzkopf auf Platz 1 der Weltrangliste. Seine Wut-Ausbrüche und Schimpftiraden stellte der Doppel-Olympiasieger zwar nie ganz ein. In den alles entscheidenden Momenten war der jähzornige Murray zu seinen Hochzeiten unter Lendl aber mental unschlagbar. Nun scheint der achtmalige Grand-Slam-Champion Zverevs Temperament in die richtigen Bahnen zu lenken.

Zverev entwickelt sich weiter

Keine Frage: In seiner persönlichen Entwicklung hat das Super-Talent seit Lendls Verpflichtung einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Zverev scheint geerdeter denn je. Das belegte auch seine sympathische Siegerrede nach dem Triumph über Djokovic, in der er seinen Kontrahenten mit Lob überhäufte und sich mit Selbstironie, Charme und Understatement die Gunst des Publikums, die er am Tag zuvor verloren hatte, spielerisch leicht zurückeroberte.

Sportlich hatte Zverev schon immer das Zeug dazu, Beckers "Superstar"-Prognose wahr zu machen. Charakterlich scheint er nun auch bereit dafür.

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