Roger Federer (l.) musste sich bei den ATP-Finals Alex Zverev geschlagen geben
Roger Federer (l.) musste sich bei den ATP-Finals Alex Zverev geschlagen geben © Imago

Alexander Zverev siegt Halbfinale bei den ATP Finals gegen Roger Federer. Doch er bringt das Publikum mit einer Aktion im Tie-Break gegen sich auf.

von Sportinformationsdienst , SPORT1

Alexander Zverev kämpfte mit den Tränen. Immer wieder musste er schlucken, bevor er überhaupt antworten konnte. Es waren nicht die Glücksgefühle, die ihn nach einem seiner größten Siege übermannten, Zverev war überfordert von der Wucht der Wut, die ihm von Tausenden Zuschauern entgegenschlug.

Dabei hatte der Jungstar gar nichts getan, außer den Publikumsliebling Roger Federer im Halbfinale der ATP Finals in London aus dem Turnier zu werfen.

Zuschauer pfeifen Zverev aus

Anstatt den Erfolg zu bejubeln, der ihn in Boris Beckers riesige Fußstapfen treten lässt, stammelte Zverev eine Entschuldigung ins Mikrofon. Die Zuschauer pfiffen ihn unterdessen aus, auch zahlreiche Buhrufe waren deutliich zu hören. "Ich wollte nicht, dass es so endet", sagte Zverev nach dem 7:5, 7:6 (7:5) gegen sein Kindheitsidol aus der Schweiz: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin gerade ein bisschen verloren."

Was war passiert? Zverev (21) hatte den Schiedsrichter beim Stand von 4:3 im Tiebreak darauf aufmerksam gemacht, dass einem Balljungen ein Ball aus der Tasche gefallen war. Der Ballwechsel musste daraufhin wiederholt werden. Zverev schlug ein Ass. Alles regelgerecht und zwingend notwendig, für die vielen Federer-Fans jedoch ein Anlass, ihrem Frust Ausdruck zu verleihen. "Ich bin sehr traurig, dass das passiert ist", sagte Zverev.

Federer mit gemischten Gefühlen

"Ich habe versucht zu überlegen, was ich in seiner Situation gemacht hätte. Es ist mutig, die Rallye zu beenden - weil ich nicht wusste, ob darüber nicht der Schiedsrichter zu entscheiden hat", sagte Federer im Anschluss auf der Pressekonferenz. "Der Balljunge hat gesagt, was passiert ist. Der Linienrichter hat es bestätigt. Der Schiedsrichter hat ihnen geglaubt, und er hatte Recht. Es ist also normal, den Punkt zu wiederholen".

Dennoch haderte der Schweizer mit der kuriosen Szene: "Statt dass ich in einer guten Position im Ballwechsel bin, kriege ich danach ein Ass - das macht natürlich einen Unterschied. Oder es könnte einen ausgemacht haben. Aber das ist alles hypothetisch."

Das Verhältnis mit Zverev sei aber nicht beeinträchtigt. "Saschas Sportsgeist stelle ich in keinster Weise in Frage. Es war mutig, weil der Schiedsrichter vielleicht auch hätte sagen können: 'Sorry, du bist im Ballwechsel, du hast den Punkt verloren, ich habe das nicht gesehen.'", sagte Federer und betonte: "Es ist alles gut, wirklich. Ich hoffe nicht, dass er eine schlaflose Nacht hat. Was passiert, passiert nun mal - das ist das Leben, das ist der Sport. Ich bin definitiv nicht sauer auf ihn."

Zverev macht's wie Becker

Zverevs denkwürdiger Finaleinzug rückte nach dem Pfeifkonzert in den Hintergrund, die Szenen erinnerten an die Siegerehrung bei den US Open, als die wütende Reaktion der Zuschauer der jungen Japanerin Naomi Osaka den bislang größten Moment ihrer Karriere verdarb.

Zverev muss die Buhrufe abhaken, am Sonntag (ab 19 Uhr im LIVETICKER) spielt der gebürtige Hamburger im Finale gegen Novak Djokovic (Serbien). Der Weltranglistenerste deklassierte in seinem Halbfinale Kevin Anderson (Südafrika) mit 6:2, 6:2.

Er ist damit der erste Deutsche seit Tennis-Idol Becker 1996 in Hannover, der diese Chance bekommt. Damals war Zverev nicht einmal geboren. "Ich bin unglaublich stolz", sagte Zverev: "Dafür haben ich und mein Team so hart gearbeitet." Becker ist (noch) der letzte deutsche Sieger beim Turnier der acht Saisonbesten. 1988, 1992 und 1995 hatte er triumphiert, Michael Stich setzte sich 1993 in Frankfurt gegen die Besten der Tenniswelt durch.

Auf Zverev wartet jedoch eine hohe Hürde: In der Gruppenphase verlor er gegen Djokovic 4:6, 1:6, zudem ist der Serbe in London noch ohne Satz- und Aufschlagverlust.

Zverev vermiest Federer 100. Titel

Während Zverev die Saison mit einem Knall beenden kann, muss Roger Federer mindestens bis zum kommenden Jahr auf seinen 100. Titel auf der ATP-Tour warten. Der 37-Jährige, sechsmaliger Sieger beim Saisonfinale, haderte nach seiner dritten Niederlage im sechsten Duell mit Zverev mit dem Ende. "Es ist natürlich ein Unterschied, ob man im Ballwechsel ist, oder ein Ass bekommt", sagte Federer.

Schon am Netz hatte sich Zverev, dem sichtlich unwohl war, bei Federer entschuldigt. "Ich habe ihm gesagt: Halt die Klappe. Dafür gibt es keinen Grund", sagte er 20-malige Grand-Slam-Champion, der sich mit einem gemischten Fazit in den Urlaub verabschiedete. "Es war eine gute Saison mit einigen Enttäuschungen in engen Matches, wie in Paris oder Wimbledon. Aber ich bin glücklich und freue mich aufs neue Jahr", sagte Federer.

Zverev hat dagegen noch ein Match vor der Brust, ehe es in die langersehnten, aber äußerst kurzen Ferien geht. Das bislang größte seines Tennislebens. Und da es nicht gegen Roger Federer geht, darf der Jungstar sogar auf ein wenig Unterstützung hoffen

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