Gerd Müller geht als "Bomber der Nation" in die Geschichte ein © SPORT1
Lesedauer: 11 Minuten

Seine 365 Tore für Bayern sind in der Bundesliga bis heute unerreicht, spätestens 1974 wird er zur Legende. SPORT1 zeigt Gerd Müllers einzigartige Karriere.

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Gerd Müller

Geboren: 3. November 1945 in Nördlingen
Familienstand: verheiratet, eine Tochter
Länderspiele: 62
Länderspieltore: 68
Größte Erfolge: Weltmeister 1974, Europameister 1972

Er war einmalig, unerreicht. Hintern raus, kurze Drehung, Schuss - dann machte es bumm! Gerd Müller gilt als bester Stürmer, den Deutschland je hatte.

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SPORT1 blickt auf die Meilensteine in der Karriere des Bombers der Nation zurück:

Mit zwölf Jahren wagt sich Müller erstmals zum Training des örtlichen TSV 1861 Nördlingen, ein Kumpel überredet ihn. Ein paar Tage später steht er in geliehenen Schuhen zum ersten Mal in einem Spiel auf dem Platz und macht - Erzählungen zufolge - gleich drei Tore.

Nachdem Müller in der Jugend seines Heimatvereins in der Saison 1962/1963 als 17-Jähriger angeblich 180 der insgesamt 204 Treffer erzielt, werden sowohl der FC Bayern als auch Lokalrivale 1860 München auf ihn aufmerksam.

1964: Müller wechselt zum FC Bayern

Beide Teams werden vor der Saison 1964/65 bei Müller vorstellig. Die Löwen, Gründungsmitglied der Bundesliga, dürfen in diesem Jahr aber keinen weiteren Vertragsspieler verpflichten. Da Müller auf keinen Fall Amateur bleiben will, entscheidet er sich für die "Roten" - und bekommt fortan 160 Mark im Monat.

Gerd Müller entscheidet sich für den Schritt zum FC Bayern München © Imago

Trainerlegende Zlatko "Tschik" Cajkovski (r.) ist zu Beginn aber nur wenig begeistert von der etwas gedrungenen Neuerwerbung - auf 176 Zentimeter verteilen sich rund 90 Kilo. "Was soll isch mit dieses Junge, diese Figur, unmöglich", motzt er und verpasst Müller den immer wieder gern zitierte Spitznamen "kleines, dickes Müller".

Präsident Wilhelm Neudecker ist aber nach wie vor überzeugt vom Schwaben und drängt Cajkovski dazu, Müller trotz Stars wie Rainer Ohlhauser (2.v.l.) aufzustellen. Am 18. Oktober 1964 in Freiburg fällt dann das erste von 398 Müller-Toren in Punktspielen für die 1. Mannschaft der Bayern.

Am Ende trifft er in seiner ersten Saison in der Regionalliga, der damals zweithöchsten Spielklasse, in 33 Spielen 26 Mal und sichert den Münchnern mit sechs weiteren Toren in der Aufstiegsrunde den umjubelten Aufstieg in die Bundesliga.

1965: Debüt in der Nationalmannschaft

Am 14. August 1965 feiert Müller sein Debüt in der höchsten Spielklasse Deutschlands – kurioserweise als Rechtsverteidiger. Gleich im ersten Jahr deutet sich an, dass die Münchner vor einer großen Ära stehen. Der Aufsteiger mit den kommenden Weltstars Sepp Maier, Franz Beckenbauer und eben Müller spielt bis zum vorletzten Spieltag um die Meisterschaft mit. Müller steuert 14 Treffer bei.

1966 beginnt Gerd Müllers großartige Karriere im DFB-Team © Imago

Zudem sichern sich die Bayern den DFB-Pokal. Müller und Co. lassen sich in der bayerischen Landeshauptstadt dafür gebührend feiern.

Schon im folgenden Jahr wird Müller gemeinsam mit Lothar Emmerich mit 28 Toren erstmals Torschützenkönig in der Bundesliga und zum Fußballer des Jahres in Deutschland gekürt. Bis zu seinem Karriereende schnappt sich Müller noch sechs (!) weitere Male die Torjägerkanone.

Dank seiner überragenden Torausbeute wird Müller (3.v.l.) 1966 auch erstmals zur Nationalmannschaft eingeladen. Überraschend bleibt er bei seinem Debüt gegen die Türkei ohne Treffer. "Erst" im zweiten Spiel im April 1967 "müllert" es auch im DFB-Trikot.

1967: Hochzeit mit Uschi Ebenböck

Auch privat läuft es für Müller rund. Am 21.8.1967 heiratet er Uschi Ebenböck. In der katholischen St. Wolfgangs-Kirche in München gibt ihr das Ja-Wort.

Gerd Müller und Uschi Ebenböck geben sich das Ja-Wort © Imago

Unter den Gästen: Trainer "Tschik" Cajkovski. Auch 48 Jahre später hat die Ehe noch Bestand. Als Hochzeitsgeschenk darf sich Uschi über ein Häuschen im damaligen Münchner Vorort Straßlach freuen.

1970: Müller wird Europas Fußballer des Jahres

Am 24. Februar 1970 erzielt er kurz nach seinem ersten Platzverweis wegen einer Tätlichkeit gegen Jupp Heynckes und einer Sperre von acht Wochen sein 116. Bundesliga-Tor und löst damit Emmerich als Rekord-Torjäger der Bundesliga ab. Bis heute hat er diesen Titel inne - und wird ihn wohl nie wieder abgeben müssen.

Im selben Jahr steht für Müller das erste Highlight im Trikot der Nationalmannschaft auf dem Programm. Mit zehn Treffern wird er Torschützenkönig bei der WM 1970 in Mexiko und reift zum Weltstar. Zum Titel reicht es allerdings nicht. Trotz eines Müller-Tores scheitert die DFB-Elf im Jahrhundertspiel im Halbfinale an Italien.

Müller wird Torschützenkönig bei der WM 1970 © Imago

Kleiner Trost. Müller wird zum ersten und einzigen Mal zu Europas Fußballer des Jahres gewählt.

1972: DFB-Elf krönt sich zum Europameister 

1971/72 wird der FC Bayern mit der neuen Rekord-Zahl von 101 Toren Meister, Müller glücken davon allein 40. Nach wie vor steht diese magische Schallmauer, kein Stürmer kann sie seitdem auch nur annähernd in Gefahr bringen.

Zwischen 1972 und 1976 holen die Bayern mit Müller jeweils dreimal die Meisterschaft und den Europapokal der Landesmeister, werden 1976 zudem Weltpokalsieger.

Mit dem FC Bayern hat Gerd Müller einige Erfolge zu bejubeln © Imago

Müller ist auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere - und stellt das auch im DFB-Trikot unter Beweis. Das Team, das 1972 Europameister wird, gilt bis heute als das spielstärkste DFB-Team aller Zeiten. Beim 3:0 im Finale gegen die Sowjetunion im legendären Heysel-Stadion in Brüssel schlägt er der "Bomber der Nation" zwei Mal zu.

1974: Müller schießt Deutschland zum WM-Titel

1974 wird Müller auch außerhalb Bayerns endgültig zur Legende. Bei der WM im eigenen Land erzielt er im Finale im Münchener Olympiastadion den Siegtreffer gegen die Niederlande. Deutschland ist zum zweiten Mal Weltmeister. Müllers Jubelsprung hat einen festen Platz in der deutschen Geschichte.

Bleibt in Erinnerung: Deutschland wird 1974 zum zweiten Mal Weltmeister © Imago

Das 2:1 in der 43. Minute gilt als die Blaupause eines typischen Müller-Tores. Nach der Flanke von Rainer Bonhof prallt ihm der Ball vom Fuß, doch Müller schaltet schneller als alle anderen, dreht sich, schießt und trifft. "Klar ist mir der Ball versprungen", erzählt er später, "aber hätte ich ihn perfekt gestoppt, wäre am Ende ein Verteidiger noch rangekommen."

Müller legt keinen Wert auf Kunststücke oder Schnörkel. Er nimmt die Bälle, wie sie fallen. Abpraller, Querschläger, im Liegen oder im Sitzen: Hauptsache drin. "Nicht einfach draufhauen", sagte er einst, "man muss den Ball auch mal schieben oder lupfen. Kleine Tore zählen auch."

Nach der WM 1974 erklärt Müller nach 62 Länderspielen im Alter von nur 28 Jahren seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Angeblich weil die Spielerfrauen nicht zum Weltmeister-Bankett zugelassen sind, was Müller jedoch bestreitet. "Die Entscheidung würde ich heute nicht mehr so treffen. Ich hätte gerne noch bei der EM 1976 gespielt. Ein Hilferuf - und ich wäre sofort dabei gewesen", sagt Müller Jahre später.

1979: Abschied vom FC Bayern

Eine Bandscheiben-Operation läutet im Januar 1977 dann sein Ende als Bayern-Profi ein. Zwar wird Müller 1977/78 noch ein letztes Mal Torschützenkönig, an die Form vergangener Tage kann er aber immer seltener anknüpfen. Als Trainer Pal Csernai (M.) es wagt, ihn am 3. Februar 1979 in Frankfurt zum ersten Mal in seiner Karriere auszuwechseln, ist er zutiefst gekränkt.

Eine Woche später läuft er zum letzten Mal für die Münchner auf. Nach 427 Spielen und 365 Toren in der Bundesliga kehrt Müller seinen Bayern den Rücken - und bekommt 1983 ein verspätetes Abschiedsspiel. Er unterschreibt einen hochdotierten Vertrag in den USA bei den Fort Lauderdale Strikers aus Florida - trotz seiner Flugangst. Unter der hat der gelernte Weber Zeit seiner Karriere zu leiden. Nach jedem überstandenen Flug steckt er sich einen 100 Mark-Schein in die Brusttasche, um diesen später der Kirche zu spenden.

Beim FC Bayern wird Gerd Müller gebührend verabschiedet © Imago

Bei den Strikers stehen damals mit Teofilo Cubillas und George Best (r.) bereits zwei große Stars im Kader. Letzterer war allerdings nicht besonders glücklich über die Ankunft des Bombers. "Das Erste, was er zu mir sagte, war: 'Wir werden schon sehen, wer hier der Star ist.'.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten zeigt Müller auch in Übersee wieder seine Knipserqualitäten. Am Ende kommt er in 71 Spielen auf beachtliche 38 Tore. Mit knapp 0,5 Treffern pro Partie dennoch die schlechteste Quote seiner Karriere.

1981: Müller beendet seine Karriere

Nach zwei Spielzeiten hat er aber genug von den Lauderdale Strikers - vor allem wegen eines deutschen Trainers. "Die ersten beiden Jahre waren wie im Paradies. Dann kam Eckhard Krautzun - und es war nicht mehr lustig", erzählt er später. Müller kickt im Anschluss noch ein Jahr für die Smiths Brothers Lounge (33 Tore in 42 Spielen) und beendet dann seine aktive Karriere.

Während seiner Zeit in den USA eröffnet er gemeinsam mit Kumpel Hansi Huber das Steakhaus "Ambry", das bis heute existiert und mittlerweile auch auf Facebook vertreten ist. Auf der Karte stehen neben amerikanischen auch bayerische Gerichte wie Rindsrouladen oder Zwiebelrostbraten. Doch nach und nach wird das Heimweh zu groß, Uschi und Gerd beenden das Abenteuer Übersee.

1985: Rückkehr nach München

1985 kehrt die Familie nach München zurück - und ein trauriges Kapitel im Leben des Torjäger-Rentners beginnt. Müller (mit Stadionsprecher Stefan Lehmann) ist plötzlich ohne Job, ohne Ziel. Er flüchtet in den Alkohol. "Ich war wieder in Deutschland, und es war nichts los. Ich habe nichts gemacht, das war ja der Fehler", so Müller.

Doch Müller hält durch und ist seit mittlerweile mehr als 20 Jahren trocken. Nach dem Ende der Kur kümmert sich Hoeneß weiter um seinen Freund und stellt ihn als Torwart- und Stürmertrainer im Amateur- und Jugendbereich des FC Bayern ein. Später macht er die A-Lizenz und wird Co-Trainer der zweiten Mannschaft.

Müller arbeitet als Coach im Amateur- und Jugendbereich des FC Bayern © Imago

Seine Kollegen in der Traditionself der Bayern werden auf den zunehmenden Alkoholkonsum aufmerksam. Anfang der 90er überredet ihn der Ex-Mitspieler und damalige Bayern-Manager zu einer Entziehungskur. Hoeneß liefert ihn in eine Klinik in Murnau ein. "Die ersten Tage wünsche ich nicht mal meinem größten Feind“, erzählt er später.

Wieder auf den Beinen macht Müller auch neben dem Platz wieder eine gute Figur. Nach seinem Ausflug ins Musikbusiness mit dem Song "Dann macht es bumm", glänzt er an der Seite von Namensvetter Thomas, den er selbst lange trainiert, als Werbefigur.

2015: Alzheimer-Krankheit wird bekannt

Zum 100-jährigen Jubiläum des Deutschen Fußball-Bundes im Jahr 2000 wird Müller bei der Wahl zu "Deutschlands Fußballer des Jahrhunderts" hinter Franz Beckenbauer (l.) und 54-er Legende Fritz Walter auf den dritten Platz gewählt.

Franz Beckenbauer, Fritz Walter und Gerd Müller stoßen an © Imago

Dennoch wird sein Geburtstag - anders als bei Beckenbauer, Pele oder auch Maradona - ohne große öffentliche Feierlichkeiten begangen werden. Am 6. Oktober verkündete der FC Bayern in einer Pressemitteilung die traurige Nachricht, dass die Klub-Legende an Alzheimer erkrankt ist. Seit Anfang Februar 2015 wird Müller mit Unterstützung seiner Familie professionell betreut. Seiner Aufgabe als Co-Trainer der Amateure kann er seit Herbst 2014 nicht mehr nachgehen.

Der Sportbild-Award 2013, bei dem Müller für sein Lebenswerk geehrt wird, wird so zum letzten großen öffentlichen Auftritt des Rekordtorjägers der Bundesliga. Doch auch wenn seine Erinnerungen schwinden, wird die Fußball-Welt den "Bomber der Nation" niemals vergessen.