Dirk Klingenberg wird doch nicht DSV-Leistungssportdirektor
Dirk Klingenberg wird doch nicht DSV-Leistungssportdirektor © Imago
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München - Nach nur einem Tag im Amt zieht der DSV Sportdirektor Dirk Klingenberg wieder ab. Grund ist eine alte Bordell-Werbung. Doch es steckt mehr dahinter.

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Es ist ein sieben Jahre altes Werbefoto, das gerade hohe Wellen schlägt beim Deutschen Schwimm-Verband.

Das Bild zeigt den früheren Wasserballer Dirk Klingenberg mit weiteren ehemaligen Recken. Sie umringen drei barbusige Frauen, die einen Bademantel hochhalten. Auf dem weißen Frottee ist das Logo des Berliner Groß-Bordells "Artemis" klar zu erkennen.

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Das Foto wurde nun hoch gespült an die Oberfläche wie eine alte Wasserleiche. Und hat Klingenberg den Posten des DSV-Sportdirektors gekostet - nach nur einem Tag.

Eigentlich sollte Klingenberg die Nachfolge des freigestellten DSV-Leistungssportdirektors Thomas Kurschilgen antreten. Alles war in trockenen Tüchern mit dem Verband und dem 190-maligen Nationalspieler. Doch dann setzte die Verbandsspitze zu einer plötzlichen Rollwende an.

Klingenberg fühlt sich als "Bauernopfer"

Grund sei, dass nach der Bekanntgabe der geplanten Einstellung "ein frivoler Bericht aus der Vergangenheit Klingenbergs bekannt wurde, welcher - obwohl kein juristisches Fehlverhalten vorliegt - mit den hohen moralischen Ansprüchen" des DSV "nicht vereinbar ist und daher ein sofortiger Kurswechsel durch den Vorstand eingeleitet wurde".

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DSV-Präsident Marco Troll verwies darauf, dass man sich "gemeinsam mit Herrn Klingenberg offen zu den entstandenen Diskussionen ausgetauscht hat und gemeinsam zu dem Schluss gekommen ist, dass er im Sinne des Verbandes den Posten des Sportdirektors nicht antreten wird."

Doch so gemeinsam war der Beschluss wohl nicht.

"Ich fühle mich als Bauernopfer", sagte Klingenberg nun dem SID und legte nach. Der Vorwurf des Sexismus, den man aus dem Vorgang ableiten könnte, sei "völlig aus der Luft gegriffen, um gegen mich Politik zu machen", erklärte Klingenberg: "Das Foto hat vielleicht ein Geschmäckle, ist aber nichts Verwerfliches und erst recht nichts Verbotenes. Es gibt keine Leiche bei mir im Keller, nur dieses eine Foto." Und das sei zustande gekommen, weil man Geld für Bademäntel gebraucht hätte, zur Teilnahme an der Altherren-WM.

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Machten Schwimmerinnen Druck?

Brisant: Für die Personalie Klingenberg trug Unternehmensberater Michael Rosenbaum, der am Montag als Partner des Verbandes vorgestellt worden war, die Verantwortung. Ihn habe Klingenberg sogar vorab auf den Bericht hingewiesen.

Rosenbaum indes erklärte in der Süddeutschen Zeitung, er habe "die Brisanz des Personalvorschlags nicht erkannt." In einer DSV-Mitteilung wird Rosenbaum so zitiert: "Um die geplanten Prozesse möglichst wirkungsvoll und reibungslos in Gang zu setzen, sollte jeder Schuss sitzen. Deswegen wollen wir uns noch einmal etwas Zeit nehmen und Alternativen zum ersten Personalvorschlag prüfen."

Auslöser für den "Kurswechsel" soll ein Protestschreiben von Schwimmerinnen und DSV-Mitarbeiterinnen gewesen sein, die Klingenberg im Amt des Leistungssportchefs als Zeugnis von "Respektlosigkeit gegenüber Frauen" erachteten.

Dass der DSV bei dem Thema sensibel reagiert, ist nachvollziehbar. Der seit dem 22. Februar freigestellte Leistungssportdirektor Kurschilgen soll Hinweisen auf Missbrauchs-Verdachtsfälle nicht angemessen nachgegangen sein. Der DSV wollte sich zu der Sache nicht äußern und verwies auf das schwebende Verfahren. (NEWS: Alles Wichtige zum Schwimmen)

DSV nach Missbrauchs-Vorwürfen alarmiert

Der Spiegel hatte Fälle dokumentiert, bei der eine Person innerhalb des Verbandes Schwimmerinnen bedrängt oder gar sexuell genötigt haben soll. Der DSV hatte daraufhin erste Schritte eingeleitet und diese Person "gemäß unserer Handlungsrichtlinien bei Verdachtsfällen mit sofortiger Wirkung beurlaubt, ohne hiermit eine Vorverurteilung durchzuführen." Die Staatsanwaltschaft hat von Amts wegen Ermittlungen aufgenommen.

Kurschilgens Anwalt Jan Friedrich Beckmann sagte der SZ, dass sein Mandant nicht freigestellt, sondern ihm fristlos gekündigt worden sei. "Es ist nicht ansatzweise zu erkennen, welche Pflichtverletzung eine Freistellung oder die außerordentliche Kündigung durch den DSV-Vorstand rechtfertigen könnte."

"Unruhe und Angst" vor Olympia-Quali

Ab dem kommenden Wochenende springen die Leistungsschwimmer wieder ins Wasser, der Wettbewerb in Heidelberg ist der Auftakt der vierteiligen Olympia-Qualifikation.

Die größten Wellen werden aber erneut abseits des Beckens geschlagen. Freiwasserstaffel-Weltmeisterin Sarah Köhler, die ihr Tokio-Ticket bereits in der Tasche hat, hatte schon nach der Kurschilgen-Trennung von "Verunsicherung, Unruhe und auch Angst" gesprochen.

Die jüngste Posse sorgt nicht gerade für eine vertrauensvolle und leistungsfördernde Atmosphäre.

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Mit Sport-Information-Dienst (SID)