Lesedauer: 5 Minuten

München - Vom talentierten Skispringer zum Tour-Gewinner. Die Geschichte von Primoz Roglic findet an diesen Tagen wohl ihren Höhepunkt. Doch das Märchen wirft Fragen auf.

Anzeige

Wäre in seiner sportlichen Laufbahn alles nach Plan verlaufen, müsste sich Primoz Roglic jetzt nicht bei der Tour de France stundenlang auf dem Rad Anstiege hochquälen.

Stattdessen würde der Slowene als Skispringer in wenigen Sekunden aus großen Höhen nach unten segeln. Vergleichsweise weniger kraftaufwendig, aber ähnlich herausfordernd und vor allem sehr gefährlich.

Anzeige

Roglic weiß das so gut wie kaum ein anderer.

Nachdem er Zweiter im Mannschaftsspringen bei der WM 2006 wurde und sogar Gold bei der Junioren-WM 2007 mit dem Team holte, kam es zu einem folgenschweren Sturz, bei dem Roglic das Bewusstsein verlor. Ein Luftröhrenschnitt rettete ihm wohl das Leben.

Roglic wechselt zum Radsport

Roglic, der im Skispringen sowieso noch nicht den erhofften Durchbruch im Weltcup geschafft hatte, zog persönliche Konsequenzen und wechselte 2012 zum Radsport.

Zunächst fuhr er in einem kleineren Team, bis LottoNL-Jumbo auf ihn aufmerksam wurde. Die niederländische Equipe verpflichtete Roglic für die Saison 2016.

Das Potenzial des Slowenen zeigte sich im Laufe der ersten Saison auf World-Tour-Niveau. Roglic siegte gleich beim langen Zeitfahren des Giro d'Italia. Prompt kamen Gerüchte um Motordoping auf, die er aber als "Bullshit" bezeichnete und die sich auch nicht erhärteten.

Im folgenden Jahr gewann Roglic sogar seine erste Etappe bei der Tour de France, 2018 wurde er bereits Gesamtvierter und 2019 beim Giro Dritter.

Martin schwärmt von Roglic

Bei der diesjährigen Tour trennt den 30-Jährigen, dessen Team inzwischen leicht unbenannt wurde und nun den Namen Jumbo-Visma trägt, jetzt nur noch ein Zeitfahren vom so gut wie sicheren Tour-Triumph.

Angesichts der Entwicklung nicht unerwartet, so legte sich Radsport-Legende Jens Voigt in seiner SPORT1-Kolumne bereits vor Tour-Beginn fest: "Beim Tour-Sieg gehe ich All In für Roglic, er gewinnt dieses Jahr das Gelbe Trikot."

Für seinen Teamkollegen Tony Martin wäre dieser Tour-Sieg auch nur der Anfang. "Er hat viel Potenzial, was in den nächsten Jahren noch dazukommen wird. Hier ist kein Ende der Fahnenstange erreicht", sagte Martin der dpa.

Für Martin liegt das Erfolgsgeheimnis von Roglic auch darin, dass ihn seine Erfahrung aus dem Skisprung mental so stark macht. Seine Gelassenheit ist demnach neben seinem begnadeten Körper "sein größter Pluspunkt". 

Slowenien plötzlich eine große Radsport-Nation

Für Martin ist "die Entwicklung verblüffend, aber auch erklärbar und nachvollziehbar".

Aber wodurch? Es ist auffällig, wie Slowenien - ein Land mit gerade einmal zwei Millionen Einwohnen - in wenigen Jahren plötzlich zur Radsport-Nation wurde.

Erstmals sind gleich fünf Slowenen bei der Tour dabei. Und sie fahren nicht nur mit, sondern prägen das wichtigste Radrennen der Welt.

Schärfster Verfolger von Roglic bei der Tour und nicht einmal eine Minute hinter ihm liegt mit Tadej Pogacar ausgerechnet ein Landsmann.

Weltverband UCI ermittelt gegen Slowenen

Nun kann das tatsächlich Zufall sein, doch der rasante Aufstieg des slowenischen Radsports wirft zumindest Fragen auf. Zumal im vergangenen Jahrzehnt auch Slowenen wie Janez Brajkovic wegen eines Dopingsvergehens suspendiert wurden.

In einer bemerkenswerten Mitteilung des Radsportweltverbands UCI im Frühjahr 2019 hieß es, dass die UCI und seine Anti-Doping-Einheit CADF die "Aktivitäten mehrerer slowenischer Personen, darunter Fahrer, Betreuer und Mitarbeiter des Teammanagements, sorgfältig verfolgt, um mögliche Rollen in einer Reihe verschiedener Untersuchungen zu ermitteln".

Seitdem gab es von der UCI allerdings nichts mehr dazu und Fragen zum Verfahrensstand werden nicht einmal beantwortet.

Ein Grund für den Verdacht der UCI war wohl die Rolle der Slowenen in der "Operation Aderlass" rund um einen Erfurter Sportarzt, gegen den aktuell der Prozess läuft. Neben Wintersportlern waren es vor allem Radsportler, die in der Doping-Affäre verwickelt waren.

Koren und Bozic werden gesperrt

Im Zuge dieser Ermittlungen wurden auch die beiden slowenischen Radprofis Kristijan Koren und Borut Bozic, der inzwischen als Sportlicher Leiter tätig war, gesperrt. Zudem soll es womöglich weitere Verbindungen nach Slowenien geben.

Eine ist Milan Erzen, der als Trainer und Manager - laut eigener Aussage bis 2013 - dabei half, den slowenischen Radsport aufzubauen.

Wie die französische Tageszeitung Le Monde berichtete, wird eine mögliche Verwicklung des Slowenen zur Aderlass-Affäre geprüft. Ezren bezeichnet das als "absolut falsch und unbegründet."

Roglic und Pogacar bisher nicht auffällig

Diese Unschuldsvermutung gilt auch für Roglic und Pogacar, denen bisher weder eine Verbindung zur Operation Aderlass noch zu sonstigen illegalen Aktivitäten nachgesagt wird.

Kritischen Fragen - die seit dem Doping-Absturz von Lance Armstrong, Jan Ullrich und Co. jeden neuen Star begleiten - muss sich Roglic dennoch immer wieder gefallen lassen. Er entgegnet diesen mit: "Ich bin sauber, Sie können mir vertrauen. Ich habe nichts zu verbergen."

Aktuell kann man ihn nur beim Wort nehmen - doch auch aufgrund der Vergangenheit des Profi-Radsports fährt der Verdacht weiter mit.