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München - In seiner SPORT1-Kolumne blickt Radsport-Legende Jens Voigt auf die Favoriten der Tour und mögliche Probleme wegen Corona. Auf Lennard Kämna freut er sich besonders..

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Hallo Radsport-Freunde,

am Samstag beginnt in Nizza die Tour de France. Meine Vorfreude ist trotz der Corona-Einschränkungen genauso groß wie immer, schließlich ist die Tour das größte Sportereignis, das wir in diesem Jahr noch haben werden. Olympia und die Fußball-EM wurden abgesagt, die Champions League ist gerade zu Ende gegangen - voller Fokus also auf die Tour. (Tour de France: Alle Etappen im LIVETICKER)

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Die Organisatoren haben ein Gesundheitskonzept erstellt, in dem Fans am Streckenrand größtenteils verboten sind. Das ist für mich der einzige Knackpunkt, der der Politik auch große Sorgen bereitet. Was passiert, wenn auf einer Bergetappe 20.000 Fans den Berg hochwollen? Wie will man die aufhalten? Der einzige Grund, warum die Tour nicht wie geplant enden könnte, ist die Unvernunft der Fans.

Spannend wird auch sein zu sehen, was passiert, wenn eine Mannschaft in Quarantäne muss. Das ist dann der Fall, wenn es im gesamten Team innerhalb von sieben Tagen zwei positive Corona-Tests gibt. Bei meiner ersten Tour 1998 bestand ein Team aus neun Fahrern und insgesamt 18 Personen. Bei meiner letzten Tour 2014 waren wir immer noch neun Fahrer, brauchten aber jeden Abend 34 Betten.

Die Mannschaften sind viel größer geworden, da ist immer eine potentielle Fehlerquelle dabei. Wenn am Ende acht oder mehr Teams in Quarantäne müssen, macht es dann überhaupt Sinn, mit nur noch 50 Fahrern nach Paris zu fahren? Die Situation ist für alle Neuland.

Kämna wird uns viel Freude machen

Kommen wir zum Sportlichen: Bora-hansgrohe hat Emanuel Buchmann und Maximilian Schachmann trotz ihrer Verletzungen für die Tour nominiert. Beide sind Leistungs- und Imageträger einer deutschen Mannschaft, von daher ist das nachvollziehbar. Normalerweise nimmt kein Team einen angeschlagenen Fahrer mit zur Tour, da muss es schon ganz wichtige Gründe dafür geben.

Es wird ja auch nicht leichter, man fährt am Anschlag und erholt sich nicht während der Tour. Gleich die zweite Etappe wird schwer, am vierten Tag gibt es eine Bergankunft, die schon eine Vorentscheidung bringen kann. Bei Emanuel Buchmann war der Rücken nach seinem Sturz arg lädiert. Wenn er nicht fit ist und gleich zu Beginn sieben Minuten verliert, kommt er nicht mehr aufs Podium in Paris.

Von Maximilian Schachmann bin ich fasziniert, er startet nur 13 Tage nach seinem Schlüsselbeinbruch. Ich bin auch einmal nach so kurzer Zeit mit der gleichen Verletzung die Niedersachsen-Rundfahrt gefahren, damals wurden mir am Abend nach dem Prolog noch die Fäden gezogen. Man fährt zwar vorsichtiger, aber es ist schon möglich.

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Im vergangenen Jahr wurde Buchmann am Ende Vierter - da der Vorjahres-Zweite Geraint Thomas diesmal nicht dabei ist, müsste es rechnerisch also mit dem Podium klappen. So funktioniert das Leben aber nicht, es gibt so viele starke Fahrer im Feld. Auch wegen seiner Verletzung glaube ich nicht, dass es in diesem Jahr für die Top drei reicht.

Wenn ich auf ein Tour-Podium eines Deutschen in diesem Jahr tippen müsste, würde ich stattdessen auf Lennard Kämna setzen. Er ist das größte deutsche Talent, sein Etappensieg bei der Dauphiné-Rundfahrt war herausragend. Er fährt frisch, fröhlich und munter auf, ist mit 23 Jahren noch sehr jung und wird immer besser. Er wird uns dieses Jahr bei der Tour große Freude machen.

Wirbel um Ausbootung von Froome und Thomas

Viel Wirbel gab es dagegen um die Nicht-Nominierung von Chris Froome und Thomas beim Team Ineos-Grenadiers um Titelverteidiger Egan Bernal.

Froome nicht mitzunehmen ist eine logische Entscheidung. Er verlässt das Team nach der Saison, ist seit acht Monaten kein ernsthaftes Radrennen mehr gefahren und kann die Rolle als Wasserträger und Helfer überhaupt nicht ausfüllen.

Bei Thomas sieht es anders aus: Er hat die Tour selbst gewonnen, hat aber auch Froome und Bradley Wiggins dabei geholfen, sie zu gewinnen. Er ist respektiert, beliebt, kennt das Business und hat kein Problem damit, loyal zu fahren. Ich hätte ihn immer mitgenommen, auch wenn er nur Manndecker für Bernal wäre.

Ineos lässt mit ihm und Froome auch etwa acht Millionen Euro Gehalt zu Hause - das muss man sich mal vorstellen! Das wäre so, als wenn Mercedes sagt, wir nehmen Valtteri Bottas nicht mit zum Formel-1-Rennen. Das Team arbeitet sehr wissenschaftlich und ihnen ist es egal, wie der Fahrer heißt, es geht nur um die Leistung. Der Erfolg der letzten Jahre gibt ihnen Recht.

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Tour-Sieg geht nur über Roglic

Es gibt jedoch in diesem Jahr große Konkurrenz durch das Team Jumbo-Visma, das in der Breite wahnsinnig stark aufgestellt ist. Deren schlechtester Tour-Fahrer wird mindestens Tour-Etappensieger werden. Sie haben mit Tom Dumoulin und Primoz Roglic unglaubliche Fahrer.

Sie können es schaffen, Ineos als Superpower abzulösen und sowohl die Mannschafts- als auch die Einzelwertung zu gewinnen. Beim Tour-Sieg gehe ich All In für Roglic, er gewinnt dieses Jahr das Gelbe Trikot.

Euer
Jens Voigt

Jens Voigt (48) ist eine deutsche Radsport-Legende und nahm insgesamt 17 Mal an der Tour de France teil. Der Ausreißerkönig gewann zwei Tour-Etappen und ist mittlerweile als Berater für das Team Trek-Segafredo und als Fenseh-Kommentator tätig. In seiner SPORT1-Kolumne blickt er auf die anstehende Tour de France und die Favoriten auf das Gelbe Trikot.