Das Gelbe Trikot gewann in den letzten Jahren fast immer ein Fahrer von Sky
Das Gelbe Trikot gewann in den letzten Jahren fast immer ein Fahrer von Sky © Credit: SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago

München - Mit Geraint Thomas gewinnt zum sechsten Mal in sieben Jahren ein Sky-Fahrer die Tour de France. Nach Doping-Vorwürfen und ausgetauschten Top-Stars bleibt viel Skepsis.

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Es war der wohl größte Tag im Leben von Geraint Thomas. Am Samstag sicherte sich der Waliser mit Platz drei im Zeitfahren zum ersten Mal den Sieg bei der Tour de France. Für Thomas ein unbeschreibliches Ereignis, für viele neutrale Zuschauer nur ein weiterer Sky-Vertreter auf dem Radsport-Olymp.

"Eine Tour ohne Spannung. Eine Tour, bei der Sky Langeweile verbreitet", klagte die Zeitung Ouest France, die ebenfalls französische Liberation giftete gar: "Die Tour de France dreht sich im eigenen Saft zwischen vorhersehbarem Sieger, Doping und zu viel Geld, das den Wettbewerb vergiftet."

Die ebenso gnadenlose wie dubiose Sky-Armada hat die Tour im Würgegriff. Sechsmal gewann ein Fahrer des britischen Rennstalls in den letzten sieben Jahren. Kein einziger Sieg ging ohne Begleiterscheinungen vonstatten. Wäre Chris Froome bei der Tour de France 2014 nicht mehrfach gestürzt, hätte wohl auch damals ein Sky-Fahrer triumphiert.

Dabei produziert das Team von der Insel wie eine Fabrik einen Tour-Sieger nach dem anderen - Gelb-Favoriten am Fließband.

Wiggins - Froome - Thomas

Als Bradley Wiggins 2012 die Tour gewann, drängte sich bereits Christopher Froome als neuer Hoffnungsträger auf. Viermal sicherte sich der Brite in der Folge bei der Tour den Gesamtsieg, nun wurde er abgelöst, wieder ist es der vorherige Edelhelfer Thomas, der sich zum neuen König der Szene aufschwingt.

Die Briten verfügen dem Vernehmen nach über das mit Abstand größte Budget aller Teams. Mehr als 30 Millionen Euro stehen bereit – und das zahlt sich aus. Seit Jahren dominiert Sky den Radsport und macht sich dabei viele Feinde.

Zuschauer attackieren Sky-Fahrer

Bei der diesjährigen Tour bekamen die Fahrer die Missgunst der Fans hautnah zu spüren. Bei der Ankunft in Alpe d'Huez ließen die Zuschauer ihrer Wut freien Lauf. Froome wurde von Zuschauern bespuckt und beinahe vom Rad gestoßen. Bei der Siegerehrung erntete Kollege Thomas massiven Buhrufe.

Für die Sky-Fahrer ein wahrer Spießrutenlauf. "Wenn ihr Sky nicht mögt, okay. Buht und pfeift ruhig, das ist in Ordnung. Aber packt uns nicht an, spuckt uns nicht an", richtete Thomas einen Appell an die Fans.

Froome trotz Doping-Vorwurf am Start

Die Ablehnung der Zuschauer - vor allem gegen Chris Froome - verwundert nur wenige. Bei der Spanien-Rundfahrt 2017 wiesen die Doping-Fahnder dem viermaligen Tour-Sieger eine zu hohe Dosis des Asthmamittels Salbutamol nach.

Obwohl das Verfahren noch nicht abgeschlossen war, durfte der Brite weiterfahren. Kurz vor Beginn der Tour erhielt Froome nach einem undurchsichtigen Freispruch die Start-Freigabe, eine genaue Erklärung gab es vom Verband dafür nicht.

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Viele Ungereimtheiten bei Sky

Hätte Froome bei der Tour eine Etappe, oder womöglich die Gesamtwertung selbst gewonnen, hätte er sich vermutlich mit viel massiverer Kritik auseinandersetzen müssen. Im Schatten von Tour-Sieger Thomas fand der gebürtige Kenianer den nötigen Unterschlupf.

Die Doping-Affäre um Froome ist nicht die erste Ungereimtheit rund um Team Sky. Bereits Bradley Wiggins sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, fragwürdige Medikamentenlieferungen sowie Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz spezieller Substanzen erhalten zu haben.

Ein Laptop, der die aufklärenden Daten angeblich enthielt, soll dem damaligen Teamarzt gestohlen worden sein. In einem Team, das auf Perfektion getrimmt ist, das akribisch darauf achtet, dass keine Details nach Außen gelangen, gab es plötzlich kein Datenbackup.

Vergleich mit Armstrong

Unweigerlich werden Vergleiche zu Lance Armstrong laut. Jahrelang dominierte der US-Amerikaner mit seinem US-Postal-Team die Tour, später wurden ihm alle sieben Tour-Titel wegen Dopings aberkannt.

Von Doping-Vorwürfen will man bei Sky natürlich nichts wissen. Immer wieder weisen die Fahrer etwaige Gerüchte vehement von sich, zuletzt Thomas: "Ich habe zu 100 Prozent Vertrauen in mich und mein Team, dass wir alles in korrekter Art und Weise machen – wie es auch die Mehrheit des Pelotons handhabt", so der 32-Jährige.

Bernal steht als Nachfolger bereit

Mit 32 und 33 gehören Thomas und Froome zwar noch nicht zum alten Eisen, dennoch neigt sich ihre Karriere dem Ende entgegen. Zum Vergleich: Alberto Contador gewann seine letzte große Rundfahrt, die Vuelta, im Alter von 32 Jahren. Bei Sky ist man darüber keineswegs besorgt. Denn - wie sollte es in der Topfahrer-Fabrik anders sein - ein passender Nachfolger steht bereits in den Startlöchern.

Der frühere Mountainbiker Egan Bernal überzeugte bei der Tour nicht nur als Helfer von Thomas, sondern vor allem als Unterstützer von Froome. Als der Brite mehr und mehr den Anschluss verlor, war es Bernal, der als "Lokomotive" größeren Schaden abwenden konnte.

Mit 21 steht der Kolumbianer am Anfang seiner Karriere. Die Sky-Dynastie dürfte also auch in Zukunft gesichert sein.