Geraint Thomas (r.) galt vor der Tour als Edelhelfer von Christopher Froome (l.)
Geraint Thomas (r.) galt vor der Tour als Edelhelfer von Christopher Froome (l.) © Getty Images

München - Geraint Thomas führt die Tour de France an. Darf der Teamkollege von Chris Froome sie auch gewinnen? Jens Voigt sieht bei SPORT1 Konfliktpotenzial..

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Geraint Thomas führt die Tour de France nach zwei historischen Etappensiegen in den Alpen an. Dass der Teamkollege von Titelverteidiger Chris Froome die Tour gewinnen kann, steht außer Frage - aber darf er es auch?

"Ich weiß nicht, wie sie das konfliktfrei lösen wollen", sagte Ex-Radstar Jens Voigt im Gespräch mit SPORT1.

Überraschungs-Leader Thomas wird trotz seiner souveränen Vorstellung nicht müde mitzuteilen, dass seine vornehmliche Intention sei, seinem Teamkapitän Chris Froome, für Thomas "eine Legende und vielleicht der beste Fahrer aller Zeiten", zum Sieg zu verhelfen.

Gibt Thomas Traum auf?

Die Frage ist: Blufft er mit seinem Understatement?

Oder wäre er wirklich bereit, unter knallharter Stallregie zugunsten des historischen fünften Tour-Titels seines Kumpels und Sky-Kapitäns "Froomey" auf die eigenen Siegchancen zu pfeifen? Als 32-Jähriger, ohne zu wissen, ob er im Karriere-Herbst noch einmal in Griffnähe des größtmöglichen Triumphes im Radsport kommen kann?

"Das wäre schwer zu verdauen", meinte Voigt: "Es kann ja das letzte Mal sein, dass Thomas so weit vorne ist." Froome selbst lobt die Stärke des Kollegen, darüber hinaus gelte für alles weitere: "Das Rennen wird entscheiden."

Voigt: Froome sollte zurückstecken

Voigt kann sich schwer vorstellen, dass Froome "seinen Mannschaftskameraden und Freund angreift und stehen lässt. Ich weiß nicht, wie sie das verkaufen wollen in der Öffentlichkeit." Schließlich sei das Gelbe Trikot auch "eine Art Heiligtum".

Der zweimalige Touretappensieger wünscht sich daher, dass Froome für seinen Teamkollegen, der über Jahre loyal gearbeitet und "nie gemurrt" hat, zurücksteckt: "Da wäre es einfach mal an der Zeit zu sagen: Weißt du was, Junge? Dankeschön! Du gewinnst jetzt mal."

Thomas ist der erste britische Huez-Sieger, der erste überhaupt, dem dies in Gelb gelang (nach der Tilgung Lance Armstrongs von allen Ehrentafeln), und der erste Fahrer seit Joep Zoetemelk 1976, der bei der Tour zwei Bergankünfte in Serie gewann. "Das ist schon verrückt", sagte Thomas, der den Sieg im brodelnden Hexenkessel von L'Alpe d'Huez "einfach genießen" wollte.

Der ehemalige Bahnrad-Fahrer ist lange genug dabei, um die Mechanismen des Geschäfts zu kennen. In seiner Straßenkarriere, die ihn 2010 zu Sky führte, blieb Thomas bis zur laufenden Saison der klassische Domestike. Dass ein solcher spontan bei einer Tour kaum die Lizenz zum Siegen erhält, wenn den Kapitän nicht gerade der Blitz trifft, weiß er.

Zurückhaltung für Kapitäne

Gut, bei der Tour 1997 erteilte der schwächelnde Telekom-Leader Bjarne Riis dem aufstrebenden Jan Ullrich höchstselbst den Freifahrtschein. Doch zumeist war in den großen Rundfahrt-Teams die Hackordnung zementiert. So bei US Postal um Armstrong, dem gnadenlosesten aller Kapitäne, so auch bei Sky. Froome selbst durfte, obwohl offensichtlich der stärkere, 2012 die Tour nicht gewinnen, weil dies Bradley Wiggins vorbehalten war. Und im Vorjahr musste sich Mikel Landa zurückhalten, als Chef Froome Mühe hatte zu folgen.

Bei Thomas liegt der Fall anders. Die Nummer zwei im Team hat nach der 13. Etappe, die am Freitag Weltmeister Peter Sagan im Massensprint gewann, 1:39 Minuten Vorsprung vor der eins. Thomas muss Froome nicht mehr davonfahren, es würde für den Tour-Sieg reichen, in den Pyrenäen an dessen Seite zu bleiben. Dass Thomas jene 99 Sekunden sportlich verlieren könnte, scheint fraglich, Sky oder Froome müssten ihn einbremsen, was kaum unauffällig möglich wäre.

"Eine saubere Lösung wäre, wenn beispielsweise Nairo Quintana in den Pyrenäen super stark fährt, Thomas nicht mitkommt und Froome die Attacke von Quintana abdecken muss, um das Gelbe Trikot in der Sky-Mannschaft zu halten", so Voigt: "Keiner würde das Gesicht verlieren und keinem wird wehgetan."

Aber wird Thomas so abbauen? "Das glaube ich eigentlich nicht."

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