Radsportlerin Barbara Gicquel glückte mit fast 80 Jahren ein Weltrekord - doch nun gab es eine Dopingsperre
Radsportlerin Barbara Gicquel glückte mit fast 80 Jahren ein Weltrekord - doch nun gab es eine Dopingsperre © SPORT1-Grafik: Privat/SPORT1
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München - Mit fast 80 Jahren stellt Radsportlerin Barbara Gicquel einen Weltrekord - und fällt dann beim Dopingtest durch, weil sie altersbedingt Medikamente nehmen muss.

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7α-Methyl-5β-Androstan-3α, 17β-Diol und 17α-Methyl-5α-Androstan-3α, 17β-Diol: Was nicht nur schwierig auszusprechen ist, hat sich für Barbara Gicquel nun zu einem persönlichen Albtraum entwickelt.

Dabei hatte die chemische Zusammensetzung in Zusammenhang mit der Verwendung eines Medikaments das Leben der 80-Jährigen zuvor doch lange Zeit so entschieden erleichtert.

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Als die United States Anti-Doping Agency (USADA), die nichtstaatliche Anti-Doping-Agentur in den USA zur Einhaltung des Anti-Doping-Kodex der WADA, der 80-Jährigen kürzlich eröffnete, sie wegen eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln mit einer einjährigen Sperre zu belegen, reagierte die Kalifornierin fassungslos.

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Zu unverständlich klangen die Vorwürfe für Radsportlerin Gicquel, sich wirklich unlauterer Mittel bedient zu haben, nachdem sie bei den USA Cycling Masters Track National Championships 2019 einen Weltrekord für ihre Altersgruppe im Zeitfahren über 500 Meter aufgestellt hatte.

Rad-Oma Gicquel wehrt sich nach Weltrekord

Doch die dazu abgegebene Urinprobe wies Spuren eines anabolen Steroids namens Methyltestosteron auf, das wiederum seit langem auf der Liste der verbotenen Substanzen der Welt-Anti-Doping-Agentur steht.

Eine Rad-Oma also als Betrügerin und Doperin? Dagegen verwahrt sich Gicquel entschieden.

"Es war eine emotionale Achterbahnfahrt", sagte sie nun der Washington Post, "voller Ängste, Depressionen und Unglauben, dass sie glauben wollten, ich würde dopen, anstatt nur zu versuchen, zu leben."

Was die Angelegenheit jedoch höchst kompliziert macht: Gicquel nimmt alters- und krankheitsbedingt bereits seit 2005 ein verschreibungspflichtiges Medikament namens Estratest zur Behandlung von Bronchitis und Problemen im Zusammenhang mit den Wechseljahren.

Jeden Tag eine halbe Tablette - Doping?

Jeden zweiten Tag nimmt die frühere Raucherin, die zudem eine chronische Lungenerkrankung entwickelte, seither deshalb eine halbe Tablette des Präparats ein, welches das besagte anabole Steroid enthält - und machte sich eigenen Angaben zufolge wenig Gedanken über dessen Auswirkungen.

Was auch daran liegen mag, dass Gicquel im Zuge anderen Altersgruppenrekorde bei weiteren Tests nie positiv auffiel. Bis eben nun am 29. August des Vorjahres das Unheil über sie hereinbrach.

"Ich habe eine Regel gebrochen, indem ich eine verbotene Substanz eingenommen habe", räumt sie ein: "Aber ich habe nicht gedopt."

Ob die Großmutter, Therapeutin und passionierte Athletin es sich mit dieser Selbsteinschätzung zu einfach macht, ist schwierig zu beantworten.

Schließlich hatte Gicquel bereits vor etwa fünf Jahren erfahren, dass Estratest eine verbotene Substanz enthält, war aber der Meinung, dass diese sie wegen der niedrigen Dosierung und ihres fortgeschrittenen Alters wahrscheinlich nicht disqualifizieren würde.

USADA moniert mangelnde Transparenz

Genau dieser Punkt ist der verhängnisvolle in Gicquels Betrachtung, wie auch das Schiedsgericht der USADA anmahnte und ihr mangelnde Transparenz vorwarf, nämlich die Verwendung des Medikaments nicht offengelegt zu haben.

Die Seniorin habe für sich die einseitige Entscheidung getroffen, "dass die Anti-Doping-Regeln nicht mehr gelten, nachdem die Athletin ein bestimmtes Alter erreicht hat."

Alter schützt vor Torheit nicht - da half auch wenig, dass Gicquel für die therapeutische Verwendung des Medikaments rückwirkend eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken suchte.

Weil sie "keinen medizinischen Zustand nachweisen konnte, der die Einnahme von Methyltestosteron erforderlich machte", wies die USADA den Antrag ab.

Ein-Jahres-Sperre bald schon abgelaufen

Allerdings äußerte auch das Schiedsgericht gewisse Zweifel daran, dass das Medikament in derart geringen Mengen tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil bedinge: "Da in ihrem Alter nur so wenige Athleten aktiv an Wettkämpfen teilnehmen, sind die Beweise hierzu dünn und beruhen auf der Annahme, dass Methyltestosteron die Leistung aller Athleten fördert, unabhängig von ihrem Alter", hieß es.

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So oder so: Gicquel, die erst als 57-Jährige mit leistungsbezogenem Radfahren begann und dabei zweimal die USA durchquerte, kapitulierte nun in dem vorausgegangenen Rechtsstreit, akzeptierte die einjährige Sperre - und dürfte erleichtert sein, dass diese rückwirkend bereits seit vergangenem August gilt, sie also bald schon wieder starten darf.

Wie sie den Aufstieg in die Altersgruppe der 80 bis 85-Jährigen dann angehen wird, bleibt dennoch spannend:

Gicquel ("Ich glaube wirklich, dass die USADA-Regeln geändert werden sollten und dass die Fahrer verschriebene Medikamente einnehmen können sollten") benutzt nach wie vor täglich ihren Inhalator mit dem entsprechenden Präparat.