ISPO 2019 Review
ISPO 2019 Review © Getty
Lesedauer: 7 Minuten

ISPO 2019 Review

18 Hallen mit rund 2.800 Ausstellern aus 120 Ländern – die „weltgrößte Multisegment-Messe im internationalen Sport Business“, wie sie sich selber beschreibt, hatte dieses Jahr einiges zu bieten. Viel mehr als man in vier Tagen aufnehmen kann, darum kommt hier ein selektiver Überblick zu den wichtigsten Themen und spannendsten Highlights.

 

Megatrend Digitalisierung

Wie in jeder anderen Branche, stellt die digitale Transformation auch im Sport viele alte Konzepte auf den Kopf und ermöglicht neue Anwendungen, die bisher undenkbar waren. Das ISPO-Management hat dieser Entwicklung Rechnung getragen und dem Thema einen eigenen Bereich eingeräumt. Die ISPO Digitize Area bot Trends und Innovationen eine würdige Plattform auf der z.B. der ASB Glassflor vorgestellt wurde, der durch seine LED-Technologie wie eine interaktive Video-Leinwand funktioniert. Ja, auch so etwas Langweiliges wie ein (Turnhallen)Boden wird spannend, wenn man ihn mit der richtigen Technik verbindet. Das Ganze kommt ursprünglich aus dem Squashbereich. Bei einer Vorgängerversion konnten Multifunktionshallen durch LED-Lichter verschiedene Spielfeldmarkierungen einblenden. Einige Jahre später hat sich der Boden zum interaktiven Spielfeld entwickelt, auf dem Spielerbewegungen getrackt werden können, auf dem der Ball durch eine virtuelle Scheibe ersetzt werden kann und der den Zuschauern Live-Fakten zur Verfügung stellt, wie z.B. die Distanz des letzten Korbwurfs. Von den Weltverbänden im Basketball, Handball und Squash ist der Boden bereits zugelassen, d.h. wir können uns darauf einstellen, ihn demnächst öfter zu Gesicht zu bekommen.

Skihersteller Original+ nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung dagegen für die Produktion individueller Ski, die auf Fahrkönnen, Vorlieben, Gewicht und Größe des Benutzers maßgeschneidert werden. Dafür gab’s den ISPO Brandnew Award.

Doch Sport und Technologie haben noch weit mehr Überschneidungspunkte:

 

eSports

Ob wir in Zukunft beim Sport alle nur noch vor dem Rechner sitzen, ist im Moment noch offen. Wer einem eSports Fußballmatch zusieht, merkt aber schnell: dieses Erlebnis hat sich der Übertragung von realen Spielen inzwischen stark angenähert. Und auch das Vorurteil der übergewichtigen, einsamen Gamer, die vor lauter Zocken kein Tageslicht sehen ist, längst überholt. Der eSport ist heute professionalisiert, die Spieler sind hochkompetitiv und streben laut Intersport Sportreport 2018 ehrgeizig nach Erfolg, Ruhm und Anerkennung.

Weitere Zahlen der Studie unterstreichen diese Entwicklung:

80% der Spieler betreiben eSports wegen der kognitiven Herausforderung

77% sehen eSports als gemeinsame Zeit mit Freunden

69% werden vom Streben nach Steigerung der geistigen Fitness motiviert

25% der Männer setzen eSports bereits mit traditionellen Sportarten gleich

 

Die Verbindung aus Sport und Virtualität kann aber auch ganz andere Wege gehen – wie zum Beispiel bei HOLOGATE. Ausgestattet mit einer Holobrille und zwei Controllern steuert der Spieler seinen Avatar hier mit der Bewegung seiner Arme durch Augmented Reality Welten.

Einen ähnlichen Weg geht, bzw. fährt Zwift bereits länger. Das „Rollenspiel für Radfahrer“ bietet eCyclern die Möglichkeit, unabhängig vom Wetter daheim zu trainieren und auf virtuellen Strecken gegeneinander anzutreten. Ein Angebot, das jetzt auch der Bund deutscher Radfahrer im Rahmen der German Cycling Academy nutzt.

Elektro in anderen Bereichen 

Nachdem das E-Bike mittlerweile zum Stadtbild gehört, werden die Akkus jetzt schmäler, kleiner und damit leichter in den Rahmen integrierbar. Das eBike von Geos kommt äußerst dezent daher und ist auf den ersten Blick nicht vom normalen Bike unterscheidbar. Der zweite eBike Trend verfolgt das gegenteilige Konzept: In Rahmen, die stark an Motorräder erinnern, wird ein E-Motor eingesetzt. Je nach Modell wird dabei direkt auf den menschlichen Antrieb verzichtet. Dazwischen tummeln sich eScooter, eSkateboards und das Onewheel. Mit dem eSurfboard von awake geht ein weiterer Traum in Erfüllung: Dank Akku braucht es jetzt weder Wind noch Wellen oder eine Mitgliedschaft im Yachtclub, um entspannt übers Wasser zu flitzen. Gesteuert durch einen Controller erreicht das Brett Geschwindigkeiten von bis zu 56 km/h – genug, um alle, die noch auf der SUP-Welle reiten hinter sich zu lassen.

 

Wintersport

Kommen wir zum harten Kern der Messe: Also Ski. Dabei fällt auf: der Trend zu richtig breiten Powderlatten ist nach wie vor ungebrochen. Jeder Hersteller, der etwas auf sich hält, hat mindestens ein Paar im Sortiment, das in der Mitte mehr als 11 cm breit ist. Da wären manche Skigebiete froh gewesen, wenn sie in den letzten Jahren eine Schneehöhe in diesem Bereich gehabt hätten.

Eine schöne Innovation für Tourengeher und Telemarker kommt aus Kanada: G3 baut erstmals Ski mit magnetischen Kanten. Die halten aneinander auch ohne, dass man Bindungstopper verhaken müsste. Davon würde auch die Bindung von GRIZZLY.SKI profitieren. Die wiegt 45 Gramm und besteht aus recyceltem Material. Damit dürfte auch das Gewichtsminimum für Tourenbindungen demnächst ausgereizt sein.

Bei den Snowboards setzt sich der Trend der wilden Powdershapes fort. Während im Bereich Freestyle und Carving alles beim Alten bleibt, bietet der Powder die Möglichkeit, auch verspieltere Shapes zu realisieren, da hier so ziemlich alles funktioniert. Im Moment angesagt: kurz, breit und extremer Taper – gern auch asymmetrisch. Dazu passt, dass immer mehr Hersteller Schuhe fürs Tourengehen im Programm haben, manche davon sind sogar steigeisenfest. Powdersurfer, die in den letzten Jahren stark vertreten waren, sind dagegen deutlich seltener geworden. Vielleicht liegt das aber auch an einem größeren Trend, denn es fällt auf, dass sich die Snowboardbrands von der Messe zurückziehen. Gab es früher zwei ganze Boardsport-Hallen inklusive Musik, Party und Jungvolk, ist dieser Kult 2019 auf ein paar wenige versprengte Stände geschrumpft. Sicher steht diese Entwicklung nicht für den gesamten Snowboardsport – bemerkenswert ist sie trotzdem.

 

Bekleidung

Neben den Hartwaren natürlich immer interessant: die Outfits. Auch hier ist durch die Bank eine Abkehr vom dezenten Look der letzten Jahre zu erkennen. Die meisten Brands setzen auf kräftige, aber natürliche Farben. Nachhaltigkeit und Umweltschutz haben sich vom lauten Marketingthema zum Must-have entwickelt und werden je nach Marke unterschiedlich engagiert umgesetzt. Der Parka ist im städtischen Bereich nach wie vor gefragt, allerdings wird die klassische Form um lange Daunenmäntel und aufwändige Silhouetten ergänzt. Im Performancebereich finden Skifahrer 2020 eine große Auswahl an Overals. Für Damen zeigte Sir Joseph sogar einen Daunenbikini. Ob der auch in Serie geht, darf aber stark bezweifelt werden.

 

Soviel zum Fazit nach 21.450 Schritten. Darüber hinaus gibt es noch tausend weitere spannende Themen, Innovationen, Produkte und Ideen, doch die besten davon werden uns in der nächsten Zeit von selbst begegnen.

Weitere Artikel und Hintergrundinfos rund um die ISPO findest du hier