Marcel Nguyen kann der Corona-Krise auch positive Seiten abgewinnen
Marcel Nguyen kann der Corona-Krise auch positive Seiten abgewinnen © Getty Images
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München - Anstatt um Medaillen zu kämpfen, bietet Marcel Nguyen ein Workout für Fans an. Bei SPORT1 spricht der Turn-Star über die Olympia-Absage, Corona und den FC Bayern.

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Am heutigen 24. Juli 2020 sollten die Olympischen Spiele in Tokio eröffnet werden - daraus wird aufgrund der Corona-Pandemie nun bekanntlich nichts werden.

Für die Sportler war vor allem die Ungewissheit bis zur endgültigen Absage schwierig, was auch Turn-Star Marcel Nguyen betraf. Statt bei Olympia um Gold, Silber und Bronze zu kämpfen, nimmt der zweifache Silber-Medaillengewinner von London 2012 an einem fünftägigen Sommerfestival von Online-Entdeckungen für Fans teil.

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Im Interview mit SPORT1 spricht der 32-Jährige vorab über die Corona-Krise, seine schwere Schulter-Verletzung, ein mögliches Karriereende und sein Interesse am Fußball.

SPORT1: Herr Nguyen, wie haben Sie die Corona-Krise bisher persönlich erlebt? 

Marcel Nguyen: Es war und ist schon eine besondere Situation. Ich bin ziemlich früh aus dem Training ausgestiegen, weil unsere Trainingshalle direkt zu Beginn des Corona-Ausbruchs geschlossen wurde. Daher habe ich mir schon Gedanken gemacht, wie es nun weitergeht und ob das für mich noch funktionieren kann, sollten die Olympischen Spiele doch stattfinden. Nachdem wir dann drei oder vier Wochen aus dem Training raus waren, kam die Entscheidung, dass die Spiele verschoben werden. Daher ist es für mich ab diesem Zeitpunkt bedeutend entspannter geworden. 

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SPORT1: Also würden Sie dann sagen, dass die Corona-Krise im Hinblick auf Olympia aus sportlicher Sicht für Sie sogar ein Vorteil war? 

Nguyen: Ich wurde im Oktober letzten Jahres ja an der Schulter operiert. Ich hätte es sicherlich geschafft, rechtzeitig fit zu werden. Ich war schon wieder auf einem sehr guten Weg. Aber klar, ich bin jetzt auch nicht böse, dass ich nun mehr Zeit habe, um meine Schulter komplett auszukurieren. Kurz bevor die Halle zugemacht hat, habe ich wieder einige Dinge probiert. Da hab ich mir schon gedacht: 'Oh, das fühlt sich noch nicht ganz so gut an!' Daher ist die aktuelle Situation für meine Gesundheit vorteilhaft. 

SPORT1: Als wie schlimm haben Sie die Schulterverletzung damals empfunden? Die Operation war doch komplexer als gedacht. 

Nguyen: Ich dachte mir damals schon, dass das bestimmt keine Kleinigkeit ist. Ich hatte mit der Schulter schon vier, fünf Jahre Probleme. Hin und wieder konnte ich den Arm nicht richtig bewegen. Aber als ich nach der Operation erfahren habe, was alles gemacht werden musste, war mir sofort klar, dass das eine längere Geschichte wird. Aber die Ärzte haben wirklich gut gearbeitet. Ich kann schon wieder fast alles machen. Daher bin ich momentan sehr zufrieden. 

SPORT1: Wie haben Sie den Entscheidungsprozess um Olympia miterlebt? Es gab einige kritische Stimmen, dass die Athleten ewig hingehalten wurden, obwohl zahlreiche andere Veranstaltungen schon abgesagt wurden. 

Nguyen: Es war schon recht früh absehbar, dass eine Veranstaltung wie die Olympischen Spiele in der aktuellen Situation nicht durchführbar ist. Fußball und zahlreiche andere Events wurden bereits abgesagt. Deshalb war das für die Athleten eine unsichere Situation. Manche haben trainiert, manche durften nicht trainieren. Da war keine Chancengleichheit - national und international.

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SPORT1: Wie optimistisch sind Sie aktuell, dass die Spiele wie geplant 2021 stattfinden können? Der Präsident des Organisationskomitees hält eine Austragung für ausgeschlossen, sollten sich die Ausmaße der Pandemie bis dahin nicht wesentlich verbessern... 

Nguyen: Ich hoffe, dass sie stattfinden. Aber selbstverständlich ist es schwer, in der momentanen Situation solche Voraussagen zu treffen. Aber ich hoffe bis zur letzten Minute, dass sie stattfinden. 

SPORT1: Ist denn danach definitiv Schluss mit Ihrer Karriere bzw. gibt es diese Gedankenspiele, falls es zum Worst Case käme und die Spiele nochmal verschoben werden? 

Nguyen: Die Gedanken sind natürlich da. Ich bin für einen Leistungssportler nicht mehr der Jüngste. Daher wären das mit großer Wahrscheinlichkeit meine letzten Olympischen Spiele. Ein anderes Ziel, dass ich noch habe, sind die European Championships 2022 in München. Ein absolutes Heimspiel für mich.  

SPORT1: Sie haben auch viele tolle Erinnerungen an Olympia. 2012 konnten sie die Silbermedaille am Barren und im Mehrkampf gewinnen. Haben Sie in so schweren Phasen wie der Schulterverletzung vermehrt an diese Momente gedacht? 

Nguyen: Selbstverständlich. Als Leistungssportler hat man kein einfaches Leben. Daher sind solche Erfolge enorm wichtig. Die Erinnerungen daran machen einem immer wieder klar, warum man diesen Sport macht. Dieses Gefühl, bei Olympischen Spielen eine Medaille zu bekommen, das kann man sich nicht kaufen. Da kann man viel Motivation rausziehen, wenn man mal schwerere Phasen hat. 

SPORT1: Haben Sie schon während der Wettkämpfe gespürt, dass das eine Medaille geben kann oder wird? Oder ist man komplett im Tunnel und realisiert das erst danach? 

Nguyen: Bei meinen größeren Erfolgen war das immer erst danach der Fall. Man kann im Sport nicht jeden Tag die gleiche Leistung bringen. Es kommt extrem auf die Tagesform an. Vor allem, wenn das Finale mit Weltklasse-Athleten besetzt ist, wie es bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften der Fall ist. Da kann man an einem Tag alles verlieren und am anderen Tag alles gewinnen. Ich erinnere mich da an eine Europameisterschaft. Da bin ich als Erster ins Finale eingezogen und schlussendlich auf dem siebten Rang gelandet. Und so kann es auch umgekehrt laufen. Daher weiß man in den Wettkämpfen wirklich erst ganz am Schluss, wie es ausgeht. 

SPORT1: Wie sieht Ihre Planung bis zu den Olympischen Spielen aus? 

Nguyen: Aktuell steht bei uns nach wie vor aufgrund der Corona-Regeln nur ein Training pro Tag auf dem Programm. Andere Stützpunkte sind da schon weiter. Daher hoffe ich, dass bei uns auch bald wieder der normale Rhythmus mit zwei oder sogar drei Trainingseinheiten am Tag beginnt. Im November steht dann die Deutsche Meisterschaft an. Dazu gibt es voraussichtlich auch noch eine Europameisterschaft im Dezember in Aserbaidschan. Aber selbstverständlich muss die Corona-Situation beobachtet werden. Daher ist das noch offen, ob der Wettbewerb stattfindet. Aktuell ist sie immer noch geplant, daher bereite ich mich darauf vor. 

SPORT1: Als Nächstes steht jetzt das fünftägige Sommerfestival von Online-Entdeckungen an. Auch Sie werden eine solche Online-Entdeckung anbieten.  

Nguyen: Für mich ist das eine coole Idee. Gerade in diesen schweren Zeiten ist so etwas optimal, um sich trotzdem zeigen zu können. Daher werde ich in meiner Online-Entdeckung auf Airbnb auch etwas Sport mit den Leuten machen. Es macht einfach Spaß und ich freue mich schon auf dieses Event. 

SPORT1: Während der Corona-Krise kam auch immer wieder Kritik am Fußball und seiner Sonderstellung in der Gesellschaft auf. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion? 

Nguyen: Dass Fußball eine Sonderstellung hat und nicht mit unseren Sportarten zu vergleichen ist, dessen sind wir uns bewusst. Ich finde das auch gar nicht so schlimm. Da geht es natürlich auch um sehr viel Geld. Dazu sind auch viele Menschen Fußballfans. Und wenn die jetzt während Corona die ganze Zeit daheim sind, dann finde ich das nicht schlimm, wenn sie wenigstens Fußball schauen können. Das ist für mich völlig in Ordnung. 

SPORT1: Auf der Website des Team Deutschland steht in Ihrem Steckbrief, Sie würden im Fußball antreten, wenn Sie nicht im Turnen gelandet werden. 

Nguyen: Ich spiele gern Fußball, aber ich weiß nicht, ob ich zwingend Fußballer geworden wäre. Aber ich hätte es auf jeden Fall in einer anderen Sportart versucht. Dass ich da aber genauso erfolgreich gewesen wäre wie im Turnen, wage ich zu bezweifeln. (lacht)

SPORT1: Aber haben Sie Sympathien für einen Verein? Sie kommen aus München und waren auch beim FC Bayern München zum Turnen - da ist der FC Bayern ja fast naheliegend. 

Nguyen: In meiner Jugend hat es mich noch mehr interessiert. Da war ich auch Bayern-Fan und hatte ein Trikot von Jürgen Klinsmann. Ab und zu war ich auch im Stadion. Mittlerweile ist das aber weniger geworden. Ich schau gerne, wenn Deutschland spielt. Bei Welt- oder Europameisterschaften bin ich mit dabei. Aber die Bundesliga verfolge ich jetzt nicht so krass - aber wenn, dann Bayern ... oder Stuttgart. 

SPORT1: Dann haben Sie ja jetzt wieder zwei Teams zur Auswahl. 

Nguyen: Genau (lacht).