Für Claudia Pechstein waren es in Pyeongchang bereits die siebten Olympischen Spiele
Für Claudia Pechstein waren es in Pyeongchang bereits die siebten Olympischen Spiele © Getty Images
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Claudia Pechstein verpasst bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang ihre 10. Medaille. Von einem Karriereende will die 45-Jährige aber noch nichts wissen.

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Claudia Pechstein hatte die totale Erschöpfung und die riesige Enttäuschung gerade halbwegs abgeschüttelt, da stellte ihr Lebensgefährte Matthias Große die alles entscheidende Frage: "Was machen wir?" Die Unverwüstliche zögerte im Bauch des Gangneung Ovals keine Sekunde: "Wir machen weiter!"

Weitermachen, weiterkämpfen, weiterlaufen. Bis Peking 2022 will Pechstein ihre Karriere als Eisschnellläuferin auch nach dem bitteren achten Platz über 5000 m in Pyeongchang fortsetzen und sich für ihre achten Olympischen Winterspiele qualifizieren. Die fünfmalige Olympiasiegerin würde dann während der Wettkämpfe ihren 50. Geburtstag feiern - ein Problem sah Pechstein nach dem letztlich enttäuschenden Rennen offenbar nicht.

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"Ich schlage die jüngeren Mädels ja noch. Warum sollte meine Zeit vorüber sein?", fragte Pechstein, ehe sie zur Dopingprobe musste.

Vier Jahre hatte Pechstein auf das Rennen auf ihrer Spezialstrecke hingearbeitet. Sie galt als Mitfavoriten auf die Medaillen, auch, weil sie im Dezember einen Weltcup gewonnen hatte. Doch der Plan, den sich Pechstein zurechtgelegt hatte, ging schlichtweg nicht auf. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

Pechstein abgeschlagen 

In 7:05,43 Minuten wurde die hoch gehandelte Berlinerin beim Sieg der erst 22-jährigen Niederländerin Esmee Visser (6:50,23/Bahnrekord) letztlich abgeschlagen Achte - der selbsternannten "Eis-Oma" waren die Kräfte ausgegangen. "Ich bin mit guten Rundenzeiten gestartet. Das ging bis zur sechsten, siebten Runde gut.

Danach konnte ich das Tempo nicht mehr halten, ich weiß auch nicht, wieso", sagte Pechstein. Sie zitierte ihr martialisches Motto, mit dem sie ihren juristischen Kampf gegen die umstrittene zweijährige Sperre wegen erhöhter Blutwerte führt: "Siegen oder sterben. Ich war heute eher Richtung sterben unterwegs."

"Medaille oder gar nichts!"

Ob Vierte, Fünfte oder Sechste, sei "scheißegal" gewesen: "Medaille oder gar nichts!", sagte Pechstein. Dabei hatte am Freitagabend alles so gut angefangen. Schon beim Aufwärmen wurde Pechstein ein herzlicher Empfang bereitet. Sie winkte lächelnd ins Publikum, das Applaus und Jubel erwiderte. Auch die versammelte Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) um Präsident Alfons Hörmann drückte der unterlegenen Fahnenträgerkandidatin auf der Tribüne die Daumen - vergeblich.

"Natürlich ist es schade für sie. Wir hätten es ihr alle von Herzen gegönnt. Ich bin mir sicher, sie hat wie immer im Leben alles gegeben", sagte Hörmann, der Pechstein schon öffentlich für rehabilitiert erklärt hat.

An Pechsteins Kampfgeist hatte niemand in der vergleichsweise spärlich besetzten Halle einen Zweifel. Doch ihr Leistungsvermögen reichte bei Weitem nicht aus. "Wir haben angegriffen. Es hat leider nur für Blech gereicht. Das tut richtig weh. Wir wollten eine Medaille", sagte Große.

Der als Mentalcoach vom DOSB akkreditierte Große hatte sich im Rennen die Seele aus dem Leib geschrien, wild gestikulierend trieb er Pechstein an. "Jawoll! Jawoll!" rief er auf das Eis. Immer wieder reckte er die Siegerfaust in die Höhe. (SERVICE: Der Zeitplan der olympischen Spiele)

Pechstein am Anfang noch gut

Anfangs schien die Geste berechtigt zu sein, doch dann kam der Einbruch. Pechstein, sonst bekannt dafür, konstante Rennen laufen zu können, verlor ihr Tempo. 34,94 Sekunden, dann 35,31, 35,72, 35,57 - die Rundenzeiten wurden immer schlechter. "Claudia macht zu wenig Rhythmus, das tut jetzt echt weh", sagte ihre einstige Rivalin Anni Friesinger-Postma bei Eurosport. 

Die 5000 m waren Pechsteins größte Chance auf eine Medaille. Hinter den Aussichten der von ihr angeführten Teamverfolgung steht ein Fragezeichen, da Roxanne Dufter aus Inzell zuletzt erkrankt war und nicht topfit ist. Auch beim erstmals im olympischen Programm stehenden Massenstart ist Pechstein trotz ihres Weltcupsieges Anfang Dezember in Calgary Außenseiterin.

Wenn der Traum von der zehnten Olympiamedaille in Südkorea tatsächlich nicht in Erfüllung geht, bleibt Claudia Pechstein immerhin noch die Aussicht auf die Winterspiele in Peking. "Die nächste Chance", sagte sie, "ist in vier Jahren über 5000 m wieder da."