Pyeongchang - Unter kuriosen Umständen springt Andreas Wellinger zu Gold von der Normalschanze. Der Wettkampf wird zur bitterkalten Mammutveranstaltung vor einer Geisterkulisse.

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Um 1.30 Uhr nachts durfte Andreas Wellinger endlich in den Partymodus schalten.

Sein Skisprung-Olympiasieg auf der Normalschanze war ein ganz besonderer, angesichts der äußeren Umstände war sein Triumph wohl einer der verrücktesten schwarz-rot-goldenen Olympiasiege überhaupt.

Unberechenbare Winde, eisige Kälte und eine absurde Geisterkulisse im Alpensia Ski Jumping Centre - so erlebte SPORT1 den unglaublichen Abend in Pyeongchang.

Windlotterie im ersten Durchgang

Bereits am späten Nachmittag war abzusehen, dass sich die Skispringer und wenige hundert Meter weiter auch die Biathletinnen auf eine Windlotterie einstellen mussten. Die ständig wechselnden Bedingungen wirbelten das Klassement dann auch kräftig durcheinander. (SERVICE: Der Zeitplan der olympischen Spiele)

Der polnische Sieganwärter Dawid Kubacki stürzte bei 88 Metern ab und verpasste als 35. den zweiten Durchgang. Im Gegenzug erwischte Landsmann Stefan Hula traumhafte Verhältnisse und segelte mit 111 Metern zu einer deutlichen Halbzeitführung. Dieses Glück hatte Wellinger nicht: Der 22-Jährige hatte von den Topspringern mitunter die schlechtesten Bedingungen.

Angst vor dem Abbruch

Der Kampf mit dem Wind bedeutete auch: Es war Geduld gefragt. Allein der erste Durchgang dauerte von 21.35 Uhr bis 23 Uhr - und damit knapp doppelt so lange wie üblich.

Befürchtungen wurden wach, der Wettkampf könnte nach einem Sprung vorzeitig abgebrochen werden: Richard Freitag als Vierter und Wellinger als Fünfter hätten dann um 0,4 Punkte bzw. um einen Punkt eine Medaille verpasst.

"Ich habe Angst gehabt, dass sie abbrechen, die verrückten Hunde", scherzte Bundestrainer Werner Schuster nach dem Springen, "aber im Endeffekt war das Happy End auf unserer Seite."

Warten, Warten, Warten

Denn: Der zweite Durchgang wurde gestartet, auch wenn es kaum vorwärts ging - und noch einmal schien das Springen vor dem Abbruch zu stehen. Als der Schweizer Simon Ammann als 20. Springer des Finales in die Spur gehen sollte, ging lange nichts. Fünf Mal rutschte Ammann auf den Balken, fünf Mal musste er wieder runter. (SERVICE: Der Medaillenspiegel)

Insgesamt dauerte es über zehn Minuten, bis die Jury den Doppel-Olympiasieger von 2002 und 2010 endlich springen ließ. Kein Wunder, dass der zweite Durchgang bis weit nach Mitternacht andauerte.

Eisige Kälte

Für die Springer war das ständige Hin und Her nicht nur mental, sondern auch körperlich eine Herausforderung - schließlich war es im Laufe des Abends immer kälter geworden.

Zum Start des Springens lag die Temperatur noch relativ knapp unter dem Gefrierpunkt, in der entscheidenden Phase des zweiten Durchgangs aber fiel das Thermometer auf rund minus 15 Grad.

Oben an der Schanze versuchten sich die Athleten so warm wie möglich zu halten, direkt vor ihrem Sprung bekamen sie Decken gereicht.

Für SPORT1 berichtet Jonas Nohe von den Olympischen Winterspielen aus Pyeonchang
Für SPORT1 berichtet Jonas Nohe von den Olympischen Winterspielen aus Pyeonchang © SPORT1-Grafik: Getty Images/SPORT1

Geisterkulisse im Auslauf

Das Wetter machte sich auch auf den Tribünen bemerkbar: War das rund 8500 Zuschauer fassende Stadion zu Beginn des Wettkampfs noch etwa zur Hälfte gefüllt, wurden es im Lauf des zweiten Durchgangs immer weniger Zuschauer.

"Das hat man gewusst, ich habe das geahnt", sagte Bundestrainer Schuster: "Ich finde, dass es eh schon viele Leute waren. Natürlich sind die irgendwann erfroren."

Als Wellinger um 0.19 Uhr jubeln durfte, jubelte auf den Tribünen fast niemand mehr mit: Vielleicht noch 650 Fans bekamen die Entscheidung live vor Ort mit. Um 0.32 kletterte der Deutsche bei der Flower Ceremony aufs oberste Treppchen - vor gerade noch rund 200 Zuschauern.

Freudentränen nach Chaos-Wettkampf

Wellinger war all das egal: Schon direkt nachdem der Sieg feststand, kullerten Freudentränen über seine Wangen. Auch eine halbe Stunde später war der frischgebackene Olympiasieger noch nicht wieder ganz auf der Höhe.

"Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll", meinte Wellinger: "Wenn ich dran denke, könnte ich die ganze Zeit heulen, weil es einfach so geil ist."

Trotz aller Begleitumstände: Zumindest er wird diese Nacht von Pyeongchang in bester Erinnerung behalten.

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