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Viele Events bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang sind spärlich besucht © Getty Images

Pyeongchang - Bei den "deutschen Disziplinen" sind die Zuschauerzahlen in Pyeongchang enttäuschend. Athleten und Trainer murren. Sogar vom "Deutschlandpokal" ist die Rede.

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Der Mittwochmorgen in Pyeongchang dürfte ganz nach dem Geschmack von Thomas Bach gewesen sein.

Im Beisein des IOC-Präsidenten lieferten Snowboard-Superstar Shaun White und seine Kontrahenten in der Halfpipe ein echtes Spektakel - und das alles bei prächtiger Stimmung vor vollen Tribünen und begeisterten Fans.

Das war bei den Olympischen Spielen in Südkorea bisher längst nicht überall so.

"Ich möchte jetzt nicht das Wort Trauerspiel in den Mund nehmen", sagte Biathlon-Bundestrainer Gerald Hönig. Zu spät. Ist ja auch logisch: "Was hat Korea mit Wintersport zu tun?", fragte er. "Das wirkt sich hier eben aus." (Service: Der Medaillenspiegel der Olympischen Spiele).

Bach äußert sich nicht zu leeren Tribünen

Von SPORT1 beim Verfolgungsrennen der Biathleten auf die teils nur spärlich gefüllten Tribünen angesprochen, wollte sich IOC-Präsident Bach nicht konkret äußern.

Stattdessen erzählte er, wie er am Tag zuvor beim Slopestyle gewesen sei: "Das war grandios, auch wie da die Athleten und das Publikum interagieren."

Dass es anderswo nicht ganz so stimmungsvoll zugeht, dürfte ihm allerdings auch nicht verborgen geblieben sein.

Skisprung-Bundestrainer Werner Schuster ließ sich angesichts der traurigen Kulisse an der Schanze schließlich sogar zu einem wenig charmanten Vergleich mit dem "Deutschlandpokal" hinreißen.

Wellinger: "Respekt für die, die da sind"

Auch die Athleten bemerken, dass es in Sachen Fanbegeisterung besonders am Berg doch recht übersichtlich ausschaut. "Aber Respekt für die, die noch da sind", sagte Olympiasieger Andreas Wellinger nach seinem Goldsprung von der Normalschanze.

Den erlebten um 0.19 Uhr Ortszeit noch rund 600 Zuschauer im Skisprungstadion mit, die Siegerehrung eine knappe Viertelstunde später vielleicht noch 200. 

Europa trägt Mitschuld

Kein Wunder: In den vergangenen Tagen herrschten zu dieser Uhrzeit gefühlte Temperaturen von rund -25 Grad. Dem deutschen Fan fällt das mangelnde Zuschauerinteresse bei seinen Lieblingssportarten Biathlon und Skispringen natürlich besonders auf, das ist aber auch dem TV beziehungsweise der Zeitverschiebung geschuldet.

Die Stimmung vor Ort leidet gerade auch unter dem Wunsch des europäischen Fernsehzuschauers, sich nicht mitten in der Nacht aus dem Bett quälen zu müssen. Die Abwesenheit, sagt daher auch Wellinger, ist "niemandem zu verübeln".

Für SPORT1 berichtet Jonas Nohe von den Olympischen Winterspielen aus Pyeongchang
Für SPORT1 berichtet Jonas Nohe von den Olympischen Winterspielen aus Pyeongchang © SPORT1-Grafik: Getty Images/SPORT1

Enttäuschung macht sich breit

Dennoch macht sich Enttäuschung breit. Auch bei der bisher erfolgreichsten Athletin dieser Spiele. "Das habe ich mir schon anders vorgestellt", sagte Laura Dahlmeier nach ihrer ersten Medaillenübergabe. Dabei bibberte sie selbst und wollte nur noch ins Warme flüchten.

Immerhin rund 700 Leute waren gekommen - aber nach der Ehrung eines koreanischen Shorttrackers gingen 90 Prozent von ihnen nach Hause. Nur ein paar Dutzend Menschen klatschten auf der zugigen Medals Plaza noch für Dahlmeier und Wellinger in die zunehmend klammen Hände.

Auch beim Eiskunstlauf lässt der Zuschauerandrang zu wünschen übrig. Kein Wunder - um den zahlreichen Eiskunstlauf-Fans in den USA entgegenzukommen, die gerne abends die Wettkämpfe schauen möchten, finden diese meist vormittags (Ortszeit) statt. (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan)

Shorttrack und Eisschnelllauf gut besucht

Im sogenannten Coastal Cluster Gangneung bei den Eisstadien sieht es jedoch besser aus. Bei den Shorttrackern peitschen die Koreaner ihre Helden nach vorne, beim Eisschnelllauf heizt die niederländische Brassband Kleintje Pils ein.

Eishockey ist auch ganz ordentlich besucht, allerdings nicht so, wie das lokale Organisationskomitee POCOG es verkauft. 

Dessen Sprecher Sung Baik You meldete beispielsweise das erste Spiel des vereinten koreanischen Frauen-Eishockeyteams als ausverkauft. Tatsächlich waren trotz des historischen Ereignisses nur 3600 der 6000 Plätze besetzt.

Offiziell liegt die Gesamtauslastung der Spiele bei rund 85 Prozent (von insgesamt 1,1 Millionen Tickets). Dies verträgt sich nicht mit dem subjektiven Eindruck: Im Jeongseon Alpine Center sollen die Tribünen angeblich 6000 Menschen fassen, mehr als ein paar Hundert waren bisher nie da.

Eines allerdings ist tatsächlich falsch angekommen: Das Olympiastadion war bei der Eröffnungsfeier voll. Das sah ganz anders aus, weil hinter jedem Sitz eine LED-Platte installiert war. Selbst im Stadion wirkte es, als sei die nebenstehende Tribüne leer - war sie aber nicht.

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