Mit dem Rad die 8.848 Höhenmeter knacken
Mit dem Rad die 8.848 Höhenmeter knacken © Oliver Farys
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So langsam werden die Ausgangsbeschränkungen gelockert und auch der Auslandsreiseverkehr nimmt bald wieder Fahrt auf. Bis es jedoch soweit ist, stellen wir hier eine neue Challenge vor, die jeder bei sich durchziehen kann und die einen bis auf den Everest bringt. Also fast.

Darum geht’s

Beim Everesting fährt ein Radfahrer so lange einen Hügel hinauf und wieder hinunter, bis er 8.848 Höhenmeter, die Höhe des Mount Everest, gesammelt hat. Dabei gibt es kein Zeitlimit, doch es muss in einer Session ohne Schlaf durchgefahren werden. Den ersten Everesting-Ride unternahm übrigens George Mallory. Er ist der Enkel von George Herbert Leigh Mallory, der 1924 bei einer Everest Expedition ums Leben kam.

Zu Ehren seines Großvaters fuhr Enkel George 1994 in Australien am Mount Donna Buang acht Mal die ca. 1.069 Höhenmeter zum Gipfel. Mittlerweile ist aus dem Everesting ein eigener Sport geworden, mit einer eigenen Szene, eigenen Rankings und auch einer Version für Läufer. Alles, was es darüber zu wissen gibt, findet man hier. Aktuell sind dort bereits mehr als 7.000 erfolgreiche Everestings in 96 Ländern registriert.

Das ist besonders gut

Everesting lässt sich überall durchführen. Denn selbst die flachsten Gegenden haben irgendwo einen Hügel mit gewissem Höhenunterschied. Die Strecke kann frei gewählt werden, so dass jeder unter optimalen Bedingungen starten kann. Wer zu Fuß an der Challenge teilnimmt, braucht dafür nicht mehr als ein Laufoutfit und kann sich trotzdem in einem weltweiten Wettkampf messen. Da der Sport im Moment erst gerade an Fahrt aufnimmt, gibt es noch einige Länder in denen bisher kein Everesting durchgeführt wurde. Grönland zum Beispiel oder auch Argentinien – sprich hier schlummert noch Potential für eine „Erstbefahrung“. Davon abgesehen gibt es Millionen von Hügeln und Strecken, die auf ihr erstes Everesting warten. Noch mehr Chancen für Pionierleistungen haben die Läufer. Selbst in Europa liegen Länder wie die Schweiz, in denen bisher kein offizieller Everesting-Lauf registriert wurde. Davon abgesehen ist auch ein virtuelles Everesting in Verbindung mit der Radtrainersoftware Zwift möglich.

Zugegeben, auf den ersten Blick klingt das alles vielleicht ein wenig verkrampft. Aber in einer Welt, in der die höchsten Gipfel bereits bestiegen sind, muss man kreativ werden, um sich neue Herausforderungen zu schaffen. Dabei ist Everesting eine der sinnvolleren Challenges unserer Tage.

Das brauchst du unbedingt

Zum Everesting gehören: Ein Bike mit bergtauglicher Übersetzung, Helm, Schuhe, Outfit, Verpflegung und im Optimalfall eine Support-Crew. Dazu kommt noch ein GPS-Gerät oder Smartphone, das deine Moves aufzeichnet und mit dem du deinen Ride nachvollziehen kannst. Dieser Strava-basierte Nachweis ist die Voraussetzung für Ruhm und Ehre sowie für das offizielle Finisher Jersey. E-Bikes und Tandems sind nicht zugelassen.

Das Mekka der Szene

Die Essenz dieses Sports besteht darin, dass er überall durchgeführt werden kann. Einen Hotspot gibt es nicht und genau das macht die Sache so interessant. Davon abgesehen eignen sich manche Strecken besser als andere. Förderlich für eine gute Zeit sind lange, eher steile Anstiege mit gutem Belag und wenig Kurven, welche bei den Abfahrten bremsen. Eher negativ wirken sich extrem hohe oder sehr niedrige Temperaturen aus, genauso wie Wind, Regen oder ein Schneesturm. Auch Strecken, die in großer Höhe liegen, machen gute Zeiten eher schwierig, denn die Sauerstoffaufnahme wird dadurch deutlich anspruchsvoller.

Auf keinen Fall

Die ganze Everesting Challenge ist so gestaltet, dass man sie nicht im Vorbeigehen schafft. Voraussetzung für einen erfolgreichen Versuch ist also ein umfangreiches und spezifisches Training. Knapp 9.000 Höhenmeter an einem Stück zu fahren, ist sowohl eine physische wie auch eine mentale Herausforderung, die weit jenseits des Normalen liegt. Zum Vergleich: Der legendäre Ötztaler Radmarathon führt über eine Strecke von „nur“ 5.500 Höhenmetern. Zudem ist beim Everesting nur eine Strecke für Anstieg und Abfahrt erlaubt, was Rundkurse ausschließt.

Helden

Neben George Mallory, der den Sport offiziell ins Leben gerufen hat, ist Phil Gaimon eine der schillerndsten Persönlichkeiten. Der ehemalige Rennradprofi hielt vor kurzem sogar den Everesting Rekord mit 8 Stunden und 4 Minuten, bevor er ihm von Keegan Swenson abgenommen wurde, der in 7 Stunden und 40 Minuten sogar 9.046 Höhenmeter sammelte.

Hier ist Phil auf der vergeblichen aber lustigen Suche nach seinem alten Rekord. Die schnellste Frau heißt Lauren De Crescenzo. Sie brauchte 9 Stunden und 57 Minuten. Der jüngste Everresting Finisher ist der zwölfjährige Tom Seipp. Ben Soja ist als erster die 8.848 Höhenmeter mit einem Einrad gefahren. Das hat 23 Stunden gedauert.

Wichtiges Smalltalk-Wissen

Wer als erstes auf einer Strecke ein Everesting absolviert, wird dort für alle Ewigkeit in der Hall of fame als Pionier geführt. Oder zumindest so lange bis das Internet zusammenbricht. Wir haben also alle noch Chancen, uns unsterblich zu machen.

Everesting eignet sich pefekt für alle, die…

… permanent nach neuen Herausforderungen suchen und heute Erlebnisse sammeln wollen, mit denen sie dann in 40 Jahren ihren Enkeln auf die Nerven gehen können.

Letzteres wäre meine Motivation. Den passenden Berg dafür finde ich auch noch.