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Acht Jahre vor der WM 2022 kämpft Katar um das Image des Turniers. Es könnte ein Durchbruch werden - oder ein Desaster.

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Von Mathias Frohnapfel, Christian Ortlepp, Nele Schenker, Tom Vaagt und Michael Obermeier

"Wir freuen uns, die Welt willkommen zu heißen und falsche Vorstellungen vom Nahen Osten abzubauen" - Hassan Al-Thawadi, Präsident des WM-Organisationskomitees

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Es soll die beste WM aller Zeiten werden.

Mit kurzen Wegen für den Fan, der theoretisch bis zu drei Spiele an einem Tag live erleben könnte. Doch seit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar, befindet sich das Turnier in der Diskussion.

Muss die Veranstaltung aufgrund der hohen Temperaturen im Sommer in den Winter verlegt werden? Müssen Gastarbeiter auf den Baustellen des Landes unter menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen ihren Dienst verrichten? Kann der Brückenschlag zur Kultur des Nahen Ostens gelingen? SPORT1 hat sich vor Ort umgeschaut und nimmt Sie mit auf eine multimediale Reise durch ein Land im rasanten Wandel.

Doha - Beinahe kommen Urlaubsgefühle auf. Die Palmen wiegen sich im sanften Weg. Die Sonne strahlt, nicht zu heiß, gerade richtig. Vielleicht 20 Grad.  Bis zum Strand sind es von der Terrasse des edlen Hotels "Four Seasons" in Doha nur ein paar Meter. Dahinter rollen die kleinen Wellen des Persischen Golfs dem Land entgegen. Hier kann man sich wohlfühlen.

Dann kommt er. Der wichtigste Mann des wohl größten Vorhabens in Katar. Hassan Al-Thawadi ist Chef des Organisationskomitees für die WM 2022. Der 35-Jährige wirkt weltgewandt und offen. Freundlich begrüßt er das Reporterteam von SPORT1 zum Interview. Und schon beginnt Al-Thawadi zu schwärmen.

"2022, das ist nicht nur die WM von Katar, sondern die WM des ganzen Nahen Ostens", sagt er: "Wir wollen in den 30 Tagen Brücken zwischen den Kulturen bauen. Deutschland hat es geschafft, diese Plattform 2006 zu nutzen."

Das klingt verlockend. Überall ist diese Botschaft jedoch noch nicht angekommen.

"Was ist mit Bier?"

Unsere Gedanken schweifen kurz ab. An eine Begegnung ein paar Stunden zuvor. Die beiden Männer auf dem Ausflugsschiff kommen aus verschiedenen Welten: Der Katari trägt Kaftan und Kopftuch, beides vom Wind in Dohas Bucht zersaust.

Der Deutsche steht ihm im T-Shirt gegenüber. Es spannt über dem imposanten Bauch. "Was ist mit dem Bier?", will Frank wissen. Zielgenau und ohne Umschweife. Schon die Einreise nach Doha hatte dem Ur-Schalker viel zu lang gedauert. Jetzt soll zumindest ein kühles Blondes her.

Nasser Al-Khater entschuldigt sich für die Schlangen an Dohas Flughafen und verspricht Besserung. Die soll spätestens der neue Airport bringen. Der Kommunikations-Boss des WM-OK hat sich auf ein Experiment eingelassen. Zwei Dutzend Schalker Fans dürfen ihn mit Fragen zur Weltmeisterschaft 2022 löchern.

Während die Skyline Dohas am Horizont in der Sonne blinkt, lassen sich die S04-Getreuen in ihrer Wissbegier nicht bremsen. Und wie viele Touristen bringen sie schon fertige Bilder im Kopf mit - auch hinsichtlich der WM.

Mit vielen Fragen ins Ungewisse

Wer soll das hier bei der Hitze im Sommer aushalten? Wird die WM nicht sowieso verlegt? Und was ist denn nun mit dem Bier? Wird es das 2022 in den Fan-Zonen geben?

"Alkohol ist nicht Teil unserer Kultur", sagt Al-Khater. Für Frank ist das keine gute Nachricht. Er wirkt niedergeschlagen.

Al-Khater lässt sich davon nicht beirren. Er muss die Menschen hier auf dem Ausflugsboot von der WM in Katar überzeugen. Ganz so wie der Wüstenstaat die Menschen in der Welt überzeugen muss. Der Katari lächelt, während Dr. Matthias Krug vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Krugs Eltern sind Deutsche, er wuchs in Katar auf, arbeitet jetzt für das OK.

Krug kennt den deutschen und den arabischen Kosmos, er soll ein Brückenbauer sein. Es werde Bier in gewissen Bereichen geben, beruhigt er die Landsleute - und auch Franks Miene hellt sich wieder auf.

Termin? Katar ist auf alles vorbereitet

Auf der Terrasse des "Four Seasons" nippen wir derweil am Wasser. Alkohol? Das ist in diesen Momenten nicht unsere Sorge. Und auch OK-Chef Al-Thawadi weiß, dass es bis zum großen Turnier in acht Jahren weitaus größere Probleme zu lösen gilt.

Die Terminierung des Turniers zum Beispiel. Das sei "Sache der FIFA", hatte uns OK-Sprecher Al-Khater nach der Bootsfahrt mit den Schalke-Fans kurz und knapp mit auf den Weg gegeben. Al-Thawadi ist da etwas auskunftsfreudiger.

Wobei: Ob die WM im Sommer oder Winter nach Katar kommt, ist für ihn beinahe nebensächlich. Auf beide Szenarien sieht er das Land vorbereitet.

"Wir haben uns für eine Sommer-WM beworben, die Kühltechnologien ermöglichen uns, das zu organisieren", sagt Al-Thawadi. Falls die FIFA sich nun für eine Winter-WM entscheiden sollte, gut, dann eben im Winter.

Während man sich über die angenehmen Temperaturen im Januar nicht beschweren kann, wollen wir uns sommerliche Hitzeschlachten bei bis zu 50 Grad nicht ausmalen.

FIFA in der Pflicht

Kühltechnologie - schön und gut. Aber eine WM findet ja auch außerhalb der Stadien statt. Fans auf den Straßen, Partys unter freiem Himmel.

Im Falle einer Winter-WM müsste indes der gesamte Fußball-Kalender umgestellt und dem Turnier-Termin angepasst werden. Al-Thawadi bleibt cool. Die Katari sehen die FIFA in der Pflicht.

Die Entscheidung fällt wohl nicht vor Ende 2014. Bis dahin wird weiter diskutiert. Seit die WM im Dezember 2010 nach Katar vergeben wurde, geht das nun schon so. Zumal auch immer wieder Korruptionsvorwürfe kursieren. Katar soll sich das Austragungsrecht erkauft haben, heißt es mancherorts.

Von Kritikern genervt

Auch Monika Staab weiß um all diese kritischen Stimmen - und ist von ihnen ziemlich genervt. Als SPORT1 die Hessin in Doha trifft, trägt sie einen Trainingsanzug, auf dem das Emblem des katarischen Fußball-Verbandes prangt.

"Warum soll Katar nicht die Möglichkeit haben, das Land in der Welt zu präsentieren?", fragt Staab, die seit einem Jahr die Frauen-Nationalelf des Emirats trainiert. Die Pionierin in Sachen Frauenfußball hilft einer Sportart auf die Beine, die hier erst 2009 offiziell anerkannt wurde.

"2006 hieß es doch auch vor der WM: Die Deutschen gehen zum Lachen in den Keller", entgegnet sie den Kritikern und unterstreicht ihre Aussagen mit entschlossenen Gesten.

Wir sitzen im Hotel "Grand Heritage". Der FC Bayern trainiert gerade auf dem Gelände der Aspire Academy in unmittelbarer Nähe. Wie auch Schalke 04 bereitet sich der deutsche Rekordmeister in Doha auf die Rückrunde der Bundesliga vor.

Staab, die als Trainerin des 1. FFC Frankfurt 2002 den UEFA-Pokal der Frauen gewann, schaut bei den Einheiten vorbei.

"Falsche Vorstellungen vom Land"

Der Sprung aus der Heimat in den Nahen Osten war für die heute 55-Jährige gewaltig. Doch gerade diese Herausforderung übt den Reiz aus. Schon als FIFA-Beraterin hat sie nach ihrer Zeit in Frankfurt 68 Länder bereist.

"Ich bin in Katar gelandet, weil ich gesehen habe, welche Fortschritte sie hier machen", sagt sie und meint Fortschritte in Frauenfußball und Gesellschaft.

Zu einem mit der Deutschen Botschaft organisierten Festival kamen im Dezember 160 Mädchen - und Ex-Weltfußballerin Birgit Prinz. Bekommt Staab Besuch aus Deutschland, spürt sie aber immer wieder den europäischen Blickwinkel auf das Leben in Katar.

Sie bemerkt dann, "dass viele Deutsche eine absolut falsche Vorstellung von dem Land haben. Etwa, eine Frau dürfte kein Auto fahren, müsste verschleiert sein, hätte keine Rechte".

Staabs Nationalspielerinnen ziehen zum Training ein langärmeliges Trikot, kurze Hosen, Leggings und ein Kopftuch an. Und los geht's.

Die WM 2022 öffnet Staab und ihren Mitstreitern viele Türen. Wie im Zeitraffer scheinen gesellschaftliche Veränderungen voranzugehen, erst seit 1998 dürfen ja in der absoluten Monarchie Frauen zur Wahl gehen.

Handball-WM als nächster Höhepunkt

Katar wandelt sich, treibt selbst den Wandel voran - mit ehrgeizigen Bauvorhaben und Sportgroßereignissen wie der Handball-WM 2015 oder eben der Fußball-WM 2022.

Die Katari sind sportbegeistert, ja sportverrückt: Die für zirka eine Milliarden Dollar erbaute Aspire Academy gilt als eines der führenden Sportzentren der Welt und das mit Geld aus Katar gesponserte Paris St. Germain als Geheimfavorit in der Champions League.

"Ich bin mir nicht so sicher, ob die Gesellschaft immer Schritt halten kann", kommentiert Staab dieses Tempo.

Heikle Lage für Gastarbeiter

Von den 1,6 Millionen Einwohnern des Emirats besitzen nur gut 250.000 die katarische Staatsbürgerschaft. Die Taxis fahren Inder und Pakistani. Auf den Baustellen schuften deren Landsleute und viele Nepalesen. Die Angestellten des "Four Seasons" beobachten unser Gespräch mit Hassan Al-Thawadi aus der Distanz. Unaufdringlich, hilfsbereit.

Dass die Lage der Gastarbeiter auf manchen Baustellen in Katar als durchaus heikel gilt, scheint hier weit weg. Und doch irgendwie präsent. Wie es Regierung und WM-OK bewerkstelligen, dieses Thema zu ihren Gunsten zu wenden, wird über den Erfolg der WM entscheiden. Zumindest moralisch.

Die FIFA-Reaktionen zu den Arbeitsbedingungen in Katar

Acht Jahre vor dem Turnierstart erscheinen die Gastgeber in diesem Punkt in die Defensive gedrängt.

Es gibt kaum einen Ort in der Hauptstadt Doha, wo derzeit kein Baukran kreist. Vor allem die gigantischen Erdöl- und Erdgasvorhaben des Landes machen es möglich. Beinahe überall dröhnt das Wachstum den Bewohnern und Touristen in den Ohren.

"Hoffen, dass die Katari jetzt aufwachen"

Doch der Bauboom fordert Opfer. 44 nepalesische Arbeiter sollen nach einem Bericht der englischen Tageszeitung "The Guardian" auf den Baustellen Katars zwischen Juni und August 2013 ums Leben gekommen sein. Nach der Veröffentlichung im vergangenen Herbst fegte ein Sturm der Entrüstung über das WM-Gastgeberland hinweg.

"Wir hoffen, dass die Katari jetzt aufwachen", forderte Michael Sommer damals bei SPORT1.fm. Der DGB-Vorsitzende bemängelte, dass vielen Arbeitern die Pässe weggenommen würden, sie dadurch quasi rechtlos seien.

DGB-Boss Michael Sommer bei SPORT1.fm über die Zustände in Katar

Geschätzt 1,2 Millionen Gastarbeiter verdingen sich derzeit in Katar. Sicher ist: Nicht alle werden hofiert wie Schalkes Ex-Stürmer-Star Raul, der seit zwei Jahren für Al-Sadd im Einsatz ist.

Austausch mit amnesty international

"Wir freuen uns, die Welt willkommen zu heißen und falsche Vorstellungen vom Nahen Osten abzubauen", hat OK-Chef Al-Thawadi zu Beginn unseres Gesprächs gesagt.

Tote Gastarbeiter auf Baustellen des Landes schaden diesem Vorhaben ungemein. Auch wenn die Unfälle sich nicht auf Stadien-Baustellen ereigneten. Hier hatten die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht begonnen.

Erst in diesem Winter startete die Errichtung der ersten von neun neuen WM-Spielstätten: der Arena in Al-Wakra. Dort ist bei einem Ortstermin im Moment nicht viel mehr als ein großes Hinweisschild zu bestaunen.

"Wir haben immer gesagt, dass für uns die Sicherheit, Gesundheit und Würde der Arbeiter sehr wichtig sind. Das Gesetz Katars schützt alle Rechte der Arbeiter", betont Al-Thawadi.

Bereits jetzt laufe ein Austausch mit "amnesty international", "human rights watch" und der ILO (International Labour Organisation). Hinzu komme ein vierstufiges Überwachungssytem, das die Einhaltung der Standards garantieren solle.

Katar-Expertin Regina Spöttl von Amnesty International bei SPORT1.fm

Zwanziger setzt sich für Menschenrechte ein

Ob das effektiv ist oder nicht, dieser Frage nimmt sich im Moment auch Dr. Theo Zwanziger an.

"Wegen der Menschenrechtsverletzungen bin ich im Auftrag des FIFA-Präsidenten und des Exekutivkommittees im Gespräch mit Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen", berichtet der ehemalige DFB-Präsident auf SPORT1-Nachfrage.

Zwanziger gehört seit 2011 dem Exekutivkomitee der FIFA an und schildert die weitere Vorgehensweise so: "Im Februar wird eine Anhörung der EU stattfinden, bei der die FIFA auch vertreten sein wird."

Einfluss auf die emsige Betriebsamkeit auf Katars Baustellen nehmen die Untersuchungen derzeit aber nicht.

WM der kurzen Wege

Überall dröhnen die Baumaschinen, die ersten Metrostationen werden gerade von Arbeitern in den Erdboden gebohrt. Während der WM sollen zudem Wassertaxis pendeln.

Aktuell ist vom öffentlichen Nahverkehr noch wenig zu sehen. Dabei erwarten die Katari während des Turniers zwischen 600.000 und einer Millionen Besucher. Die Distanzen zwischen den Stadien werden während der WM mit so ziemlich jedem Fortbewegungsmittel einfach zu bewältigen sein. Doha ist kleiner als Schleswig-Holstein.

Die Idealversion der Veranstalter: 2022 sollen alle Stadien innerhalb einer Stunde Fahrtzeit erreichbar sein. Ein Fan müsste nur einmal ein Hotel buchen, könnte von dort aus leicht alle Arenen ansteuern.

Der OK-Chef hat einen Traum

Auch wir befinden uns nach dem Interview mit Hassan Al-Thawadi inzwischen auf dem Rückweg in unsere Unterkunft. Auf vierspurigen Straßen geht es durch ein im Auf- und Umbruch befindliches Land, das uns immer wieder erstaunt. Die Sonne versinkt hinter beeindruckenden und zum Teil erst halbfertigen Prachtbauten.

Zum Abschied hat uns der Chef des WM-OK mit einem Schmunzeln im Gesicht noch seinen Traum verraten: "Ich hoffe auf ein Finale Deutschland gegen Katar."

Bis dahin wartet noch viel Arbeit.