Hochleistungssport: Michael Schrey schob seinen BMW M235i über die Ziellinie
Hochleistungssport: Michael Schrey schob seinen BMW M235i über die Ziellinie © Björn Schüller

Wer sein Auto liebt... - VLN-Meister Michael Schrey bewies beim Saisonauftakt Sportsgeist erster Güte. Seine Bemühungen waren aber leider umsonst.

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Als die Zielflagge beim Saisonauftakt der VLN Langstreckenmeisterschaft auf der Nürburgring-Nordschleife schon draußen war und die Gesamtsieger bereits erste Interviews im Parc Ferme gaben, spielte sich draußen auf der Strecke ein Drama ab, das nicht nur filmreif war, sondern auch direkte Auswirkungen auf den Meisterschaftskampf hatte: Michael Schrey, amtierender Meister der VLN, schob seinen BMW M235i über die Ziellinie in einer Aktion, die einen Award verdient hat, aber leider nicht belohnt wurde.

Kurz vor dem Zielstrich blieb Schrey plötzlich stehen, nachdem er seine Klasse "Cup5", in der einheitliche BMW M235i-Fahrzeuge fahren, bis zu diesem Zeitpunkt angeführt hatte. "Wir wissen noch nicht, was es genau war", sagt er gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Spritmangel kann es gewesen sein, aber eigentlich kündigt sich so etwas über einen stotternden Motor an. So etwas hatte ich auf der ganzen Runde nicht, er ist einfach ausgegangen."

Ärgerlich genug, der Klassensieg war dadurch weg. Doch Schrey dachte nicht ans Aufgeben: Er schob seinen BMW kurzerhand über die Ziellinie und brach anschließend neben seinem Auto zusammen. Dasselbe war einst Formel-1-Legende Nigel Mansell passiert, der sein Auto beim Großen Preis der USA 1984 über die Ziellinie schob und anschließend aus Überanstrengung bewusstlos zu Boden ging.

Das Tragische: Während Mansell sich damals immerhin über einen WM-Punkt freuen durfte, wurde Michael schrey aus der Wertung genommen, weil sein Wagen nicht aus eigener Kraft über den Zielstrich rollte. Er hätte sonst immerhin Klassenrang vier geholt. Das ganze Drama ist im offiziellen VLN-Livestream des ersten Rennens auf Youtube ab Zeitmarke 8:30:00 Stunden zu sehen.

"Komm, die paar Meter schaffst du!"

Schrey hatte bereits die sportliche Höchstleistung von vier Stunden Fahren am Limit hinter sich gebracht und den Klassensieg vor Augen, als das Drama passierte. Er beschreibt die Geschehnisse aus erster Hand: "Ich habe über die Ergebnisse gar nicht nachgedacht, sondern bin einfach ausgestiegen und habe nur noch die Ziellinie vor mir gesehen. Da habe ich mir gesagt: 'Komm, die 60 bis 70 Meter schaffst du noch!' Es war eine natürliche, emotionale Aktion, weil ich diesen Sport liebe und mich entsprechend engagiere. Über die Konsequenz einer Nichtwertung habe ich in dem Moment gar nicht nachgedacht."

Auch sein Team konnte ihn nicht über Funk darauf hinweisen, dass es vergebliche Liebesmüh war, weil die Verbindung bereits während des Rennens ausgefallen war. So schob der VLN-Meister gegen die Kraft on 1,4 Tonnen und den Widerstand der profillosen Slicks an, bis er nach Passieren des Zielstrichs auf dem Grünstreifen kollabierte, was die Melodramatik der Szene perfekt machte.

Bitte kurz liegen lassen

"Da kam alles zusammen", erzählt der 35-Jährige. "Hauptsächlich war es sicherlich die Enttäuschung über den verlorenen Sieg. Nachdem ich im Ziel war, wurde mir erst richtig klar, dass der Sieg verloren war. Zum anderen war es körperliche Erschöpfung - nicht in dem Sinne, dass mir schwarz vor Augen geworden wäre, sondern meine Beine waren das Problem. Zu Beginn war ich noch in einer Art Tippelsprint, was dann aber nach und nach in einen langsamen Gang übergegangen ist, wo ich rein aus den Beinen versucht habe, das Auto zu schieben, weil auch die Arme nicht mehr konnten."

"Als ich gesehen habe, dass ich das Auto über die Linie geschoben hatte, kam beides zusammen: Die ganze Anspannung fiel ab und die Enttäuschung war einfach riesig. Als ich gerade vom Auto wegging, kam ein Mann von der Streckensicherung und hat mich abgestützt. Als ich mich dann ganz fallen gelassen habe, konnte er mich wohl nicht mehr richtig halten. Deswegen bin ich zusammengesackt. Ich habe ihm gesagt, dass ich mich kurz hinlegen möchte. Wir haben die ganze Zeit miteinander gesprochen und nach ungefähr zwölf Sekunden hat er mich auch wieder hochgezogen. Ich habe ihn lediglich um eine Flasche Wasser gebeten und mich schnell hinter die Leitplanke begeben."

Während die Fans die Szene mit frenetischem Applaus feierten, musste die Rennleitung Michael Schrey schweren Herzens aus den Ergebnissen streichen. Dieser will die Entscheidung nicht anfechten: "Zum einen steht im Reglement, dass man aus eigener Kraft über die Ziellinie fahren muss, zum anderen auch, dass das Schieben von Fahrzeugen außerhalb der Boxengasse verboten ist. Diese beiden Artikel waren maßgeblich. Das habe ich gleich akzeptiert. Es ist in Ordnung, damit muss ich leben."

Anlasser-Methode nicht möglich

Da sich in der VLN Langstreckenmeisterschaft die verteilten Punkte an der Anzahl der Teilnehmer in der Klasse orientieren und die "Cup5"-Kategorie mit über 20 Startern eine der "vollsten" Klassen am Nürburgring ist, ist Michael Schrey auch in dieser Saison wieder Mitfavorit auf den Titel. Diese Chancen haben nun einen ersten Dämpfer erhalten, doch er lässt sich nicht entmutigen, zumal es zwei Streichresultate in der Saison gibt: "Vergangenes Jahr war ich in derselben Situation mit einem Ausfall im ersten Rennen. Natürlich ist es nicht ideal - schöner wäre es gewesen, mit einem Sieg in die Saison zu starten. Aber 2017 hat es auch so zum Titel gereicht."

"Ich habe den Jungs nach einem Moment des Runterkommens gesagt, dass wir die vergangenen beiden Jahre sehr erfolgreich waren und wir gemeinsam gewinnen und gemeinsam verlieren. Wenn es wirklich zu wenig Sprit war, dann ist das ein ganz menschlicher Fehler, der uns allen passieren kann. Ich habe so viel Erfolg genossen, weil die Jungs einen tollen Job gemacht haben. Dann darf ein solcher Fehler auch mal passieren. Keiner soll im Team auf den anderen sauer sein und wir werden beim zweiten Lauf alles geben, es besser zu machen."

Übrigens: Eine Überfahrt der Ziellinie mittels des Anlassers war nicht möglich, weil der BMW M235i Racing aus Kostengründen über kein Renngetriebe, sondern die serienmäßige Acht-Gang-Automatik verfügt. "Das war auch mein erster Gedanke. Aber dann habe ich gemerkt: 'Scheiße, das dritte Pedal fehlt ja!'", lacht Schrey, der nach dem Malheur seinen Humor schon wieder gefunden hat.

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