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München - In Abu Dhabi saß Sebastian Vettel zum letzten Mal im Ferrari-Cockpit. Die negativen Erlebnisse in seinem letzten Vertragsjahr überlagern frühere Glücksmomente.

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Zum Grande Finale seiner sechs Jahre bei Ferrari hatte Sebastian Vettel einen Zettel mit ins Cockpit seiner roten Göttin genommen und nach der Zieldurchfahrt eine adaptierte Version des Italo-Klassikers "Azzurro" in den Boxenfunk geschmettert.

Es war seine Art, seinen "Jungs in der Garage" einen emotionalen Abschied zu bescheren. Dazu gab es Bier (sogar in der Ferrari-Video-Presserunde) und einen Pokal vom Team, auf dem seine Erfolge verewigt wurden. Mit Teamkollege Charles Leclerc tauschte er seinen Helm. Grande Emozione, festgehalten auf diversen Fotos.

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Verbal brachte Vettel selbst sein letztes Ferrari-Rennen allerdings relativ emotionslos auf den Punkt: "Es spiegelte genauso wenig die sechs Jahre wider wie die ganze Saison 2020." Platz 14 beim Saisonfinale, Platz 13 in der WM-Endwertung – das war weit entfernt von den Zielen, die sich der Deutsche gesetzt hatte.

Vettel hat mit Ferrari abgeschlossen

Doch abgeschlossen hatte der Heppenheimer schon im Mai mit seiner emotionalen Italien-Reise. Als die Italiener seinen Vertrag nicht verlängerten und schon vorher durch ein Fünf-Jahres-Abkommen mit seinem jungen Teamkollegen Charles Leclerc klar gemacht haben, auf wen sie in Zukunft setzen. (SERVICE: Fahrerwertung der Formel 1)

Damals war Vettels Gefühlslage anders. Damals war er frustriert, traurig, wütend. Bei seinem letzten Rennen hatte er diese negativen Gefühle längst beiseite geschoben. "Ich hatte ja lange Zeit, mich auf diesen Tag vorzubereiten", sagte er mit einem Lächeln, das eine Mischung war aus Trotz und Tristesse.

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Fest steht: Eine Ehe, die nach sechs Jahren zerbricht, hat zwei Seiten. Am Ende dominieren die negativen Emotionen, die zur Scheidung führten. Am Anfang gab es aber auch die Schmetterlinge im Bauch, die überhaupt für die Trauung und wunderschöne Flitterwochen sorgten.

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Siege mit Ferrari für Vettel emotional

Daran denkt Vettel heute am liebsten zurück. "Abschied ist immer schwer, aber ich behalte die positiven Momente in Erinnerung. Die Freude der Tifosi, die Jungs, die mir immer beistanden", sagt er und meint besonders seine Ingenieure und Mechaniker. Weniger dagegen die Mitarbeiter des gehobenen Managements.

In Erinnerung bleiben die positiven Erlebnisse. Vettel: "Der erste Sieg gleich im zweiten Rennen in Malaysia war etwas Besonderes. Da merkte ich, was Siege für Ferrari wirklich bedeuten. Es bestätigte sich, was ich vorher gehört hatte. In der Freude umarmen dich die Italiener mehr als alle anderen. Und feiern können sie auch. Ich habe in der Nacht mit meinen Jungs die ganze Hotelbar leer getrunken."

Das Zweite, was er nie vergisst: "Die Abende bei Mama Rosella in Fiorano werde ich immer in meinem Herzen behalten." Mamma Rosella ist schon seit Jahrzehnten die gute Seele Ferraris. Sie betreibt das Restaurant "La Montana" gleich neben der Teststrecke in Fiorano. Ihre Speisen sind legendär. Sie machte schon die Lieblingsnudeln für Michael Schumacher, begeisterte Gerhard Berger und Gilles Villeneuve.

Dritterfolgreichster Ferrari-Pilot

Das Wichtigste aber, sie liebte alle Ferrari-Fahrer als wären sie ihre eigenen Söhne. Diese ehrliche Liebe jenseits aller Politik wärmte auch das Herz des Heppenheimers.

Dass Vettel bei Ferrari nicht das erreichen konnte, was sein großes Vorbild Michael Schumacher vorgelebt hatte, macht ihn traurig, aber nicht verzweifelt. "In dieser Beziehung bin ich wohl gescheitert", gibt der Deutsche zu. In der Tat: Den Titel mit den Roten aus Maranello einzufahren, davon hatte der Heppenheimer geträumt, seit er 1997 den Kart-NRW-Pokal in Kerpen gewonnen hat. Unter seinem Sitz lag damals eine rote Schumacher-Mütze als Glücksbringer. 

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Aber es ist Scheitern auf hohem Niveau. In seinen 118 Rennen mit Ferrari konnte er 14 Siege einfahren. Nur Michael Schumacher und Niki Lauda waren bei Ferrari erfolgreicher. Beistand bekommt Vettel von Ex-Ferrari-Star Gerhard Berger. "Sebastian soll sich nichts draus machen. Es gibt nur zwei Piloten, die konstant bei Ferrari Erfolg hatten: Michael Schumacher und Niki Lauda", sagt der Österreicher zu SPORT1.

"Und selbst Lauda ging ja am Ende nicht in Frieden aus Maranello weg. Sebastian befindet sich in guter Gesellschaft unter Fahrern, die mit Ferrari ihre Ziele nicht erreichen konnten. Mich eingeschlossen."

Schumacher hatte bessere Crew

Um fair zu sein: Auch sein Idol Michael Schumacher holte erst 2000 – in seinem fünften Ferrari-Jahr – seinen ersten von fünf WM-Titeln in Rot. Aber er hatte andere Voraussetzungen. Als Schumacher 1996 zu Ferrari kam, hatte Teamchef Jean Todt schon einige Jahre Zeit gehabt, um aus dem Chaoshaufen eine strukturierte Mannschaft zu formen.

Mit Ross Brawn und Rory Byrne, die schon seine beiden Weltmeister-Benettons gebaut hatten, standen Schumacher außerdem zwei wechselwillige Technikgenies zur Seite. Zudem konnte Ferrari seine finanzielle und politische Überlegenheit damals voll ausspielen. Unbegrenzte Testkilometer auf der Haus- und Hofstrecke in Fiorano sowie eine Sonderstellung bei Reifenlieferant Bridgestone halfen dem lahmenden Ackergaul schnell auf die Beine.

Tod von Marchionne bitter für Vettel

Kam Schumacher damals zu einem Rohbau in Rom, kam Vettel 2015 nach Pompeji – kurz nach dem Vulkanausbruch. Oder anders ausgedrückt: Zu einem unkoordinierten Haufen, in dem jeder gegen jeden kämpfte. Trotzdem holte er gleich in seiner ersten Saison drei Siege (Malaysia, Ungarn, Singapur).

Trotzdem fuhr er 2017 solange aussichtsreich um die WM, bis die drei Rennen in Singapur (Startcrash mit Teamkollege Kimi Räikkönen), Malaysia (Turbo-Probleme) und Japan (defekte Zündkerze) ihn aus allen Titelträumen rissen. Und dennoch kam er nach seinem eigenen Fahrfehler im Regen von Hockenheim mit einem Sieg in Spa zurück.

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Dass sich Vettels Traum am Ende nicht erfüllte, hat andere Gründe: Mercedes war als Gegner einfach zu stark. Das machte die Ferrari-Chefs unzufrieden und unsicher. Denn wenn es nicht läuft in Maranello, suchte man immer schon Ausreden und Opfer. Mit dem Tod des mächtigen Fiat- und Ferrari-Präsidenten Sergio Marchionne im Sommer 2018 verlor die Scuderia die starke Hand. Wieder begannen die Intrigen. Die Italiener zermürbten sich im Bürgerkrieg, der Vettel den WM-Titel 2018 und auch den Rückhalt im Team kostete.

Ferrari setzt auf Leclerc

Innenpolitik wurde wichtiger als die Entwicklung des Autos. Und mit Ex-Technikchef Mattia Binotto an der Teamspitze verlor Vettel den Fürsprecher, den er bis zu Marchionnes Tod in Ex-Teamchef Maurizio Arrivabene hatte. Bestes Beispiel: Kanada 2019, als der Deutsche im Duell mit Lewis Hamilton übers Gras rumpelte und wegen einer Fünf-Sekunden-Strafe den Sieg verlor.

Da machte sich niemand bei Ferrari für ihn stark. Mehr noch: Nach seinem letzten Sieg in Suzuka 2019 sollte Vettel in Russland seinen Teamkollegen Charles Leclerc vorbeiwinken. Als er sich weigerte, bremste Ferrari ihn über die Strategie aus. Seitdem war klar: Die größten Feinde hatte der viermalige Weltmeister im eigenen Team.

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Und auch das Tricksen kam zurück. Den Motor von 2019 musste Ferrari auf FIA-Geheiß zurückrüsten. Die technischen Tricks, die der Automobilweltverband beim Antriebsstrang gefunden hat, waren mehr als nur graue Zonen. Binotto hatte den Ferrari-Einfluss bei der FIA schlichtweg unterschätzt. Er musste feststellen: Vorbei waren die Zeiten, als böse Zungen den zynischen Spruch kreierten: "Das Formel-1-Reglement entspricht nicht dem Ferrari."

Freude über Neuanfang bei Racing Point

Vettel – Sportsmann durch und durch – wusste, dass die extreme Beschleunigung seines Ferrari von 2019 nicht ganz legal zustande kam. Er machte den Teamchef dafür verantwortlich. Damit war das Tischtuch des Vertrauens endgültig zerschnitten und Vettels Schicksal besiegelt. Wer den Hessen kennt, weiß, es war ihm ganz recht, dass der Italiener wegen eines nervigen Herpes-Virus nicht in Abu Dhabi vor Ort sein konnte.

Heuchlerische Abschiedsszenen zu ertragen - das ist nicht das Holz, aus dem der Sohn eines Zimmermanns geschnitzt ist. 

Denn was der Heppenheimer nur zwischen den Zeilen immer wieder anklingen ließ, bringt sein Vertrauter Bernie Ecclestone auf den Punkt: "Sebastian ist ein extrem talentierter Fahrer mit starkem Willen, aber sehr sensibel, wenn er in einem hochpolitischen Umfeld leben und arbeiten muss. Davon hat er sich jetzt befreit. Er wird in Zukunft wieder völlig befreit fahren."

Bei allem Abschiedsschmerz schaut der Deutsche derzeit lieber nach vorne. "Ich freue mich jetzt auf die neue Herausforderung bei Aston Martin. Ich fühle mich wie ein kleiner Junge, der in einen neuen Spielzeugladen darf. Und die Ferrari-Leute, die mir wichtig sind, sind ja nicht weg. Ich werde sie an der Rennstrecke weiter sehen. Ihnen wünsche ich jedenfalls nur das Beste."