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München - Romain Grosjean kommt bei seinem Horror-Crash in der Formel 1 mit Verbrennungen davon. Der einst verpottete Cockpitschutz wird zum Lebensretter.

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Hallo, Halo! Nie war der Kopfschutz, der 2018 in der Formel 1 eingeführt wurde, so wertvoll wie beim Großen Preis von Bahrain!

Zwölf Tonnen Druck kann der Bügel aus Titan, der von der automobilen Königsklasse aus der Flugzeugindustrie übernommen worden ist, aushalten. Bahrain-Sieger Lewis Hamilton brachte es auf den Punkt: "Ohne das System wäre Romain Grosjean vermutlich geköpft worden."

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Steiner bedankt sich beim Schutzengel

Haas-Teamchef Günther Steiner sah es in seiner Video-Presserunde spätabends um 23.45 Uhr an der Rennstrecke in der Wüste ähnlich: "Wir hatten einen Schutzengel", sagte der Südtiroler: "Wir hatten schnelle Streckenposten und die Jungs vom Medical Car. Und wir hatten Halo."

Der Cockpitbügel wurde 2018 eingeführt und von vielen Seiten verspottet.

Steiner ergänzte: "Viele waren damals dagegen. Mittlerweile hat er aber schon mehrere Leben gerettet. Ich habe mit Jean Todt nach dem Unfall gesprochen und ihm gedankt, dass er immer weiter für die Sicherheit pusht."

Verstappen und Hülkenberg waren gegen Halo

Die Königsklasse des Motorsports war gespalten, als die Halo-Einführung 2017 beschlossen wurde.

Während sich Sebastian Vettel, Nico Rosberg oder Fernando Alonso als Befürworter äußerten, sagte etwa Red-Bull-Star Max Verstappen damals: "Ich denke, dadurch wird die ohnehin schon sehr gute Sicherheit nicht erhöht."

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Auch der deutsche Fahrer Nico Hülkenberg äußerte sich 2017 kritisch: "Ich war nie ein großer Freund dieser Idee. Der Halo sieht nicht schön aus, und die Sicherheit ist mittlerweile sowieso schon sehr hoch."

Zuvor hatte er bereits gesagt: "Ich finde, man sollte den Motorsport nicht komplett sterilisieren. Ein gewisses Risiko fährt immer mit."

Hamilton: Halo "hässlichste Modifikation in der Formel-1-Geschichte"

Auch niemand Geringeres als Lewis Hamilton war anfangs ein Halo-Gegner.

"Bitte nicht", schrieb Hamilton im März 2016 bei Instagram und bezeichnete den Heiligenschein als "hässlichste Modifikation in der Formel-1-Geschichte".

Ein Jahr später war er aber schon überzeugter: "Die Überlebenschancen bei verschiedensten Unfällen steigen um 17 Prozent, das können wir nicht ignorieren", sagt der Mercedes-Pilot: "Wir Fahrer sind verwundbar. Der Kopf ist die wertvollste Stelle des Körpers, und im Formel-1-Auto ist er gewissermaßen ausgeliefert."

Spätestens seit Sonntag sollten alle Zweifler und Kritiker überzeugt worden sein - auch Grosjean selbst. In einem Video-Tweet aus dem Krankenhaus gab er mit verbundenen Händen zu, dass auch er einst gegen den Cockpitbügel war. "Aber heute denke ich, es ist das großartigste Ding, was die Formel 1 entwickeln konnte. Ohne Halo könnte ich euch jetzt nicht mehr diese Nachricht senden."

Grosjeans Auto in der Mitte geteilt

Steiner, Hamilton und Kollegen standen kurz nach dem Rennen noch sichtlich unter Schock. Die Bilder, die sie in der Startrunde gesehen haben, werden sie nie wieder vergessen (Konstrukteurswertun der Formel 1).

Im Kampf um Positionen übersah der französische Haas-Pilot Grosjean beim Wechseln der Spur seinen Alpha-Tauri-Kollegen Daniil Kvyat. Sein Auto touchierte das Vorderrad des Russen, bog mitten auf einer Geraden rechtwinklig ab und bohrte sich mit Tempo in die Leitplanken. Der Haas bohrte sich unter die Leitplanken, wurde in der Mitte geteilt und brach sofort in Flammen aus.

Grosjean konnte sich befreien, wurde mit schwerem Schock ins Streckenkrankenhaus gebracht. Mittlerweile steht auch fest: Der Franzose hat Verbrennungen an den Handoberflächen, aber keine Brüche.

Womöglich wird er schon am Wochenende ins Cockpit zurückkehren. "Für mich wird Romain fahren, aber wir müssen abwarten, wie das Urteil der Ärzte in den nächsten Tagen ausfallen wird und ob er es will", sagte Steiner.

Halo hätte weitere Leben retten können

Fest steht: Ohne Halo und bevor die Formel-1-Autos nach dem tödlichen Unfall des Brasilianers Ayrton Senna 1994 auch das Monocoque mit immer mehr zur Überlebenszelle gemacht wurden, hätte die Formel 1 einen weiteren Toten vermelden müssen. 1973 wurde der Franzose Francois Cevert bei einem ähnlichen Unfall während Trainings in Watkins Glen von der Leitplanke in vier Teile geschnitten.

Ein Jahr später wurde der Österreicher Helmut Koinigg auf der gleichen Strecke geköpft, als sein Auto während des Rennens nach einem technischen Defekt unter die Leitplanke rutschte.

Mit Halo hätten in der jüngsten Vergangenheit zudem zwei andere Fahrer überlebt. 2009 starb der Brite Henry John Surtees beim F2-Rennen in Brands Hatch, weil das Rad eines Konkurrenten ihn schutzlos am Kopf traf. 2015 wurde der Brite Justin Wilson in einem Indycar-Rennen ebenfalls von einem Rad getroffen.

F1 startet Untersuchungen

Obwohl der Horrorunfall "gut" ausging – wie auch Steiner es nennt – kündigte die Formel 1 Untersuchungen an.

So sagte F1-Sportchef Ross Brawn: "Das hätte heute nicht passieren dürfen. Aber das Auto mit Halo hat ihn gerettet. Wir werden den Unfall jetzt genau untersuchen, auch warum Feuer ausbrechen konnte, und schon zum Rennen nächste Woche weitere Verbesserungen vornehmen."

Steiner verriet: "Jo Bauer (FIA-Technikchef; Anm. d. Red.) hat detaillierte Fotos gemacht. Wir haben das Auto bei der FIA gelassen, können sowieso nichts mehr damit anfangen."

Vettel wundert sich

Die Fahrer ermutigen den Weltverband indes, weiter an der Sicherheit zu arbeiten. Ferrari-Star Sebastian Vettel meinte: "Die Leitplanke hätte nicht nachgeben dürfen. Und man muss sich auch anschauen, warum das Auto so stark angefangen hat zu brennen."

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Steiner erklärte den Feuerball so: "Das Heck ist abgerissen, da tritt Benzin aus. Da bin ich nicht überrascht, dass das Auto Feuer fängt."

Seidl: "Zeigt, wie gefährlich unser Sport ist"

Sky-Experte Ralf Schumacher kritisierte die Position der Leitplanke: "Das Problem ist, dass an Stellen, an denen Unfälle sehr unwahrscheinlich sind, Leitplanken nur einfach und nicht doppelt montiert sind. Das wird die FIA mit Sicherheit in Zukunft ändern."

McLaren-Teamchef Andreas Seidl lobte den Weltverband trotzdem: "Es sah furchtbar aus. Riesenkompliment an die FIA. Sie haben die Autos maximal sicher gemacht. Es erinnert uns aber auch daran, wie gefährlich unser Sport ist, bei den Geschwindigkeiten, die wir fahren." (Fahrerwertung der Formel 1)

Der Unfall des Haas-Piloten wird die Sicherheit der Autos noch mal verbessern. Und trotzdem wird immer gelten, was Lewis Hamilton sagte: "Das Risiko, dem wir uns aussetzen, ist kein Witz."